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Der kleine Unitarier

Niclaus Gerhaert - Selbstbildnis

Dreimal nachdenken, bitte!

Es ist ein innerer Antrieb des Menschen, etwas über sich und die Welt, in der er lebt, in Erfahrung bringen zu wollen. Was ist der Mensch? Wo kommt er her? Warum ist er auf der Erde? Was war vor dem Urknall? Warum gibt es die Erde, das Universum? Warum gibt es eigentlich überhaupt irgendetwas und nicht etwa nichts?

Das sind ziemlich schwierige Fragen und seht es mir bitte nach, wenn ich euch darauf auch keine Antworten geben kann. Niemand kann das. Zumindest nicht so, dass alle Menschen auf Erden zustimmend mit dem Kopf nicken und sagen: „Ja, stimmt, so ist es, die Geheimnisse der Welt und des Menschen sind ein für alle Mal geklärt.“ Es gibt zwar Menschen, die behaupten, genau zu wissen, was es mit dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest auf sich hat, doch ob diese richtig liegen, ist mehr als zweifelhaft.

Sei’s drum, auch wenn der Mensch so seine Schwierigkeiten hat, Antworten auf die großen Fragen seiner Existenz zu finden, bemüht er sich zumindest stetig, alles, wirklich alles, zu verstehen. Er rechnet, er misst, er analysiert, er glaubt und er denkt.

Eine der vielen Methoden und Möglichkeiten, etwas über sich und die Welt herauszufinden, sind Gedankenexperimente. Ein Gedankenexperiment beginnt mit den Fragen: „Was wäre, wenn…“ oder „Stell Dir vor…“ Schon im letzten Heft habe ich ein solches Gedankenexperiment zum Thema Krieg vorgestellt und nun möchte ich euch drei weitere ganz unterschiedliche Gedankenexperimente präsentieren, die Zeugnis davon sind, wie der Mensch versucht, sich die Welt, in der er lebt, durch Nachdenken zu erschließen.

Unsterblichkeit

Was wäre, wenn der Mensch unsterblich wäre? Vielleicht habt ihr euch diese Frage auch schon einmal gestellt. Das wäre doch eine tolle Sache, lebte man für immer. Für immer auf der Welt zu sein, bedeutete unendlich viel Zeit für die Dinge zu haben, die einem Spaß machen. Und stellt euch mal vor, wie oft ihr Geburtstag feiern könntet! Das hört sich doch gar nicht so schlecht an. Allerdings ist „für immer“ eine verdammt lange Zeit. Man hätte zwar alle Zeit der Welt, die Dinge zu erledigen, die man sich vorgenommen hat, doch was wäre, wenn man schließlich alle Sachen getan hätte? Vielleicht bräche die große Langeweile aus. Und nicht nur das. Lebte man im Bewusstsein, das Leben habe kein Ende, kein Tod stünde am Ende des Lebens, warum sollte man aus dem Jetzt, Hier und Heute noch etwas machen. Das könnte man doch auch noch morgen, in einem Jahr oder in hundert Jahren erledigen. Warum sollte man überhaupt noch etwas erledigen? Ich glaube, dieser Umstand wäre für den Menschen ziemlich belastend, schließlich gäbe es keine Ziele mehr, die einen im Leben antreiben, und man verlöre vermutlich ziemlich schnell die Freude an den Dingen des Lebens. Denkt mal darüber nach und überlegt, ob euch noch weitere Argumente für oder gegen die Unsterblichkeit des Menschen einfallen. Was wäre beispielsweise, wenn du der Einzige wärst, der ewig lebte, oder was würde passieren, wären alle Menschen unsterblich?

Zwei Steine im freien Fall

Das zweite Experiment ist ein ganz berühmtes und wird heute oft im Physikunterricht vom Lehrer erzählt. Eigentlich ist dies gar kein klassisches Gedankenexperiment, da sich das Gedachte auch experimentell überprüfen lässt, doch tut das der Sache keinen Abbruch. Es geht dabei nicht um Unsterblichkeit oder eine andere phantastische Gedankenreise, sondern ganz einfach um zwei Steine.

Fallen schwere Körper schneller als leichte? Ja, klar, würde man gewöhnlich denken. Fast zweitausend Jahre lang war dies auch eine unerschütterliche Lehrmeinung, die auf den griechischen Philosophen Aristoteles zurückgeht. Alle Menschen gingen davon aus, dass das unumstößlich richtig ist. Schließlich ist das ja auch irgendwie logisch, denn eine Bleikugel fällt nun mal viel schneller als eine Flaumfeder. Der Physiker und Naturphilosoph Galileo Galilei machte sich im 16. Jahrhundert darüber so seine Gedanken und kam zu dem Schluss: Nein, hier stimmt etwas nicht. Und bevor er einen experimentellen Versuch durchführte, machte er folgendes Gedankenexperiment:

Man stelle sich zwei unterschiedlich große Steine gleichen Materials vor. Nach Aristoteles müsste der schwere Stein schneller fallen als der leichte. Bände man nun beide zusammen, müsste doch der kleine, langsamere Stein den Fall des schwereren verzögern. Das gesamte System würde also langsamer fallen. Das klingt logisch. Aber hier ist doch etwas faul, ihr habt es bestimmt schon bemerkt. Die beiden zusammengebundenen Steine bilden ja nun einen schwereren Stein und der müsste eigentlich schneller fallen als die beiden getrennten einzelnen Steine. Das ist ein Widerspruch, den Galileo Galilei durch sein Gedankenexperiment aufdeckte, und mit einem Experiment bewies er auch, dass Aristoteles unrecht hatte, bzw. das Ganze doch nicht so einfach ist. Fragt mal euren Physiklehrer, was Galilei herausfand und wie es sich mit den Fallgesetzen wirklich verhält.

Natürlich ist es spannend, zu erfahren, wie sich Gegenstände in unserer Welt verhalten, doch besonders interessant finde ich an diesem Gedankenexperiment, dass selbst ganz logisch erscheinende Annahmen - wie die des Aristoteles - sich schlussendlich doch als falsch erweisen können. Ich finde, das sagt Einiges aus über den Menschen, wie er sich Meinungen bildet und wie er der Welt entgegentritt. Übrigens, viele Gelehrte des 16. Jahrhunderts, die experimentelle Beweise nicht gewohnt waren, waren trotz des von Galileo Galileis erbrachten Gegenbeweises weiterhin von der bis dahin geltenden Lehrmeinung des Aristoteles überzeugt.

Das Schiff des Theseus

Theseus ist eine der berühmtesten Figuren der griechischen Mythologie und war in seiner Funktion als Held das ein oder andere Mal mit dem Schiff unterwegs. Wie das so ist, müssen auch Schiffe ab und zu repariert werden, was uns zu einem sehr, sehr alten Gedankenexperiment führt: Theseus bringt sein kaputtes Schiff zu einer Werft, wo ein paar Planken ersetzt werden. Alles ist gut, doch nach einiger Zeit müssen wieder einige alte Teile ausgetauscht werden. Nach und nach werden bei Reparaturen alle Teile ersetzt und der Bootsbauer, der die alten Teile behalten hat, beschließt, daraus wieder Theseus' Schiff zusammenzusetzen. Das gelingt. Nun aber gibt es zwei Schiffe: das, welches Theseus benutzt, welches nach und nach aus dem alten entstanden ist, und das des Bootsbauers, welches aus den Originalteilen von Theseus' ursprünglichem Schiff besteht. Welches ist nun aber das echte Schiff des Theseus? Das neue, das alte, keines oder vielleicht beide? Erzählt die Geschichte doch mal euren Freunden und diskutiert diese Frage. Ihr werdet sicherlich feststellen, dass alle Antworten auf diese Frage weder vollkommen falsch noch vollkommen richtig sind – und das kommt im Leben häufiger vor.

Euer Kleiner Unitarier.

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