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Die Wahrheit zu sagen, ist nicht immer einfach!

 

Manuel Tögel
August Macke - Zwei Köpfe

Der Begriff „Wahrheit", wie vielschichtig ist er mit seinen mannigfaltigen Aspekten: manchmal erscheint uns Wahrheit notwendig, manchmal lustig und manchmal kümmern wir uns gar nicht um sie. Oftmals hat „Wahrheit" ein Pathos an sich und schreitet auf tönernen Füßen umher, braucht sie der Mensch oder gehört sie gar dem Menschlichen an?

Vielleicht lohnt es sich, ein wenig den Blick auf die Erscheinungsformen zu werfen, die uns verraten, wie wir mit der Wahrheit umgehen. Wir stellen uns oftmals die Frage: was ist eigentlich Wahrheit, gibt es Wahrheit, ist nicht die Wahrheit so vereinzelt geworden, dass sie nur für den Einzelnen gilt? Ist Wahrheit vielleicht sogar ein isoliertes Gebilde, etwas, was man nur im Gewissen, im Denken des einzelnen Menschen antreffen kann, Wahrheit also nur für dich und mich? Gibt es überhaupt eine Wahrheit, die verbindet? Was bedeutet dem Menschen Wahrheit? Braucht er sie eigentlich? Kann er mit ihr nicht viel besser nach Gutdünken umgehen? Einmal sie gebrauchen, wenn es ihm bequem ist, oder vielleicht ein anderes Mal darauf verzichten, wenn es auch bequem ist? Haben wir nicht der Wahrheit gegenüber ein bequemes Verhältnis? Von Zeit zu Zeit sagen wir ganz gerne die Unwahrheit, auch weil es bequem ist. Wir stoßen immer auf so etwas wie Bequemlichkeit, Trägheit.

Wahrheit zu sagen, verlangt das nicht Zivilcourage? Und die Wahrheit immer zu sagen, ist das überhaupt praktikabel, ist das nicht verletzend? Schließen wir uns damit nicht von den Menschen aus? Sie alle sind in ihrem Leben schon einmal einem Menschen begegnet, der es gleichsam darauf anlegt, der darauf abzielt, immer die Wahrheit zu sagen. Aber wir würden auf den ersten Blick dann doch annehmen, ihm fehle eine Tugend, die im menschlichen Umgang doch unabdingbar ist, die Diplomatie. Man kann den Menschen nicht immer die Wahrheit sagen, oder man nimmt in Kauf und zielt darauf ab, die Menschen zu verletzen, sie zu kränken. Der Umgang des Menschen mit dem Menschen ist eine komplizierte Angelegenheit, eine Angelegenheit, die uns vielleicht auch das zu bedenken gibt: Hat im Umgang des Menschen mit dem Menschen Wahrheit überhaupt etwas verloren? Ist sie da nicht unbequem, unpassend, vielleicht gar nicht akzeptabel? Dies gibt zu denken. Aber was ist eigentlich Wahrheit, brauchen wir sie? Ich glaube, man muss über die Wahrheit nachdenken. Sie ist mehr als eine Tugend. Wahrhaftig sein ist weniger als die Wahrheit. Und nicht zuletzt, wir merken es immer wieder, es ist das Schicksal der modernen Zeit, dass in ihr Selbstverständlichkeiten, Verbindlichkeiten und damit auch Wahrheiten verlorengegangen sind.

Ich erwähne immer gerne das Jahr der Säkularisation 1803, das vorbereitet und nachbereitet den entscheidenden Bruch der Selbstverständlichkeiten in die Wege geleitet hat. Vor allem einer Selbstverständlichkeit, dass es die alle Menschen verbindende, absolute Wahrheit gibt — eine Selbstverständlichkeit, die, repräsentiert durch Thron und Altar, in  Europa herrschte. Diese Selbstverständlichkeit ist gebrochen, damit natürlich auch eine Bezogenheit, eine Gebundenheit aller Menschen an einen Wahrheitsbegriff und auch eine Geborgenheit unter einem absoluten Begriff. Mit dem Gang des Geistes, freier zu denken, sich einen freien Glauben zu schaffen, ist der absolute Wahrheitsbegriff verlorengegangen. Ist er verlorengegangen? Gibt es ihn überhaupt?   Das ist die entscheidende Frage. Was ist Wahrheit? Können wir ohne Wahrheit auskommen? Ich glaube, nein. Die Wahrheit ist keine Angelegenheit, die nur in einer Dimension auftaucht, nur in einer Richtung sich bestimmt, auf ein Ziel abzielt. Wahrheit umfasst doch viel, viel mehr. Sie hebt an bei unserem alltäglichen Leben und hat immer etwas mit Erkenntnis zu tun, mit Empfindung. Und damit beginnt eine ganz kleine Stufe des menschlichen Lebens, ein Stück seiner Alltäglichkeit. Wie gehe ich mit meinen Gefühlen um, wie gehe ich damit um, was ich dem Menschen sage, wie handle ich? All dies, Empfindung, das Sprechen mit anderen Menschen, das Handeln, das Tun, ist bestimmt von Wahrheit und ohne Wahrheit anzunehmen gar nicht vollziehbar. Sehe ich etwas richtig? Was habe ich für ein Verhältnis zu den Dingen? Was habe ich für ein Verhältnis zu den Menschen, mit denen ich umgehe, mit denen ich zu tun habe? Erkenne ich die Gegebenheiten, die mich betreffen, die andere betreffen? Das ist gar nicht so leicht. Wie schwierig das ist, merkt man in dem Augenblick, in dem man mit den eigenen Gefühlen zu tun hat. Was habe ich für Empfindungen, wie gehe ich mit dem Menschen um, und was habe ich für Empfindungen dabei? Ist der Umgang des Menschen mit dem Menschen nicht vorab gekennzeichnet von Sympathie und Antipathie? Wenn mir jemand sympathisch ist, dann höre ich gerne zu, mit dem beschäftigte ich mich vielleicht ein bisschen länger, aber wehe, er ist mir unsympathisch. Da mache ich einen Bogen, schließe ihn aus und möchte mich mit ihm so gut wie nicht beschäftigen. Wahrheit hat natürlich sehr viel auch mit Sympathie und Antipathie zu tun. Ich glaube nicht, dass einer von uns so leicht einem Menschen die Wahrheit sagt, der ihm unsympathisch ist, es sei denn, um ihn zu ärgern. Es gehört ein bestimmtes Vertrauensverhältnis dazu, die Wahrheit zu sagen. Es gibt Menschen, die haben sehr unangenehme Eigenschaften, die immer wieder andere Menschen stören. Man merkt das, man beobachtet das. Vielleicht ist er einem sympathisch, dieser Mensch, und es kommt einem der Gedanke, vielleicht kann ich ihm helfen. Allein schon dieses kann ich einem Menschen helfen“ ist natürlich immer abhängig davon, ob er mir sympathisch ist. Nur heutzutage sind die Möglichkeiten der Hilfeleistung auch sehr angenehm und schnell. Mir ist aufgefallen, wenn man eine Bank betritt, dass am Schalter ja immer schön die Zahlkarten für Hilfsaktionen liegen, sodass man in dem Augenblick, in dem man sein Geld abholt, auch sofort die Gelegenheit hat, zu helfen. Und auf vielleicht sehr angenehme Weise ein schlechtes Gewissen, sofern überhaupt vorhanden, zu besänftigen, zu beschwichtigen. Heutzutage scheint alles einfach in unserem Leben zu sein und je einfacher und je praktikabler alles ist, desto schwerer wird es überhaupt, über einen Begriff wie Wahrheit zu sprechen.

August Macke - Der Garten am See
August Macke - Der Garten am See

Wenn die Wahrheit keinen Sinn mehr in sich trägt, dann taucht Nietzsches Rede vom letzten Menschen auf, der sich die Frage stellt, was ist eigentlich Sehnsucht, was ist Liebe und natürlich, was ist Wahrheit. Was ist das aber für eine Welt, in der es keine Wahrheit mehr gibt, in der sie nichts mehr gilt? Eine Welt der leblosen und nackten Maschinen, in der das Hohe des Menschlichen ebenso beseitigt ist wie das Niedere. Eine Welt, in der die Unzulänglichkeiten des Menschen bereinigt sind, um seine Funktionsgerechtigkeit zu begründen. Vielleicht entstammt die Sucht nach der Wahrheit gerade aus jener Unzulänglichkeit des Menschen. Immer wieder kommt die Frage auf, die uns beschäftigt und die uns auch zu Recht beschäftigt: Was ist Wahrheit? Wir sind gezwungen, eine Tasse als Tasse zu bezeichnen und nicht als Baum. Würden wir das durchgängig anders machen, würden wir bald in eine entsprechende Institution kommen. Das ist die Folge, wenn Sprachlichkeit vom Individuum verletzt wird. Ich will das deutlich machen. Es gibt eine Reihe von sehr schweren seelischen Erkrankungen, die sich darin zeigen und ausdrücken, dass die allgemein gültigen Formen des Sprechens, des Denkens, des Handelns zerstört sind, und es ist sehr, sehr schwer, diese Zerstörungen rückgängig zu machen oder gar zu heilen. Wir nehmen, ohne es zu wissen, ein großes Ausmaß von Verbindlichkeiten wahr in unserem täglichen Sprechen, in jedem Augenblick, wenn wir uns unterhalten, wenn wir über etwas sprechen. In dem Augenblick, in dem ich zu einem Menschen spreche, hört er, vernimmt er, nimmt er wahr, und zwar nicht nur die Töne, die Gesten, sondern vor allem den Inhalt. Und wenn nicht in demselben Augenblick ein Gleiches in mir oder im anderen ertönt, aufklingt, gibt es keine Verständigung. Das Problem des Sprechens ist ein zentrales Problem und es ist immer das Problem der Wahrheitsfindung. Wenn ich den Wahrheitsbegriff nicht in Anspruch nähme, brauchte ich mich gar nicht mit dem Menschen zu unterhalten, weil ja doch jeder verschieden denken würde. Es gäbe kein Gespräch mehr. Wenn jeder verschieden denkt, kann ich mit ihm nicht sprechen, weil nicht mehr ein Gleiches anklingt, nicht mehr ein Gleiches oder Ähnliches wahrgenommen wird. Die Bedeutung des Gesprächs steht im Zentrum des Humanums. Nichts führt daran vorbei. Ohne das Sprechenkönnen, ohne die geistige Unterhaltung, ist einfach Menschliches nicht möglich, weil das Gespräch Höhepunkt und Gipfel nicht nur des Denkens, sondern auch des Empfindens ist. In der großen Philosophie ist das Gespräch als die höchste Kategorie angesehen worden. Auch im Christentum und seiner Theologie ist der große Gedanke gefasst worden: „Wo zwei in meinem Namen versammelt sind, bin ich unter ihnen", und Hegel sah das Gespräch als das Dasein des Geistes - des höchsten Geistes. Alles, was schön ist, und alles, was groß ist, was uns erschüttert, all das ist im Grunde genommen ein Gespräch. Ob es die Kunst ist in all ihren Formen oder die Wissenschaft oder auch die Erfahrung des Menschen mit dem Menschen. Das Höchste, was das Leben uns schenken kann, ist, dass wir einem Menschen begegnen können, dass wir uns mit ihm austauschen können, in tiefem Sinne des Menschseins und seines Geistes. Das ist das Schönste und Höchste, was es gibt, und das geht nur durch die Idee der gemeinsamen Suche nach Wahrheit.

Das Wort
Wunder von ferne oder traum
Bracht ich an meines landes saum
Und harrte bis die graue norn
Den namen fand in ihrem born –
Drauf konnt ichs greifen dicht und stark
Nun blüht und glänzt es durch die mark…
Einst langt ich an nach guter fahrt
Mit einem kleinod reich und zart
Sie suchte lang und gab mir kund:
›So schläft hier nichts auf tiefem grund‹
Worauf es meiner hand entrann
Und nie mein land den schatz gewann…
So lernt ich traurig den verzicht:
Kein ding sei wo das wort gebricht.
Stefan George
Nun sehen Sie etwas, was für uns doch sehr wichtig ist. Sicherlich ist ein verbindender, absoluter Wahrheitsbegriff verlorengegangen, und doch suchen wir ihn. Wir sind auf der Suche nach Wahrheit, nicht nach einer x-beliebigen, sondern nach einer uns verbindenden Wahrheit. Was wäre das Leben ohne diese Suche. Aber wir wissen, dass Wahrheit nicht in Besitz genommen werden kann. Sie wäre sonst geknechtet und etwas anderes, als sie sein soll, und vor allem wäre der Mensch geknechtet und unfrei. Wenn Wahrheit nur im Gespräch zu erfahren ist, dann können wir sie nicht wie Geld oder wie einen Gegenstand besitzen und festhalten. Wir müssen immer die Augen dem gegenüber offen haben, was Wahrheit ist. Wir haben nicht einen absoluten Wahrheitsbegriff, und doch suchen wir ihn irgendwie. Und wir suchen ihn nicht, weil das eine entlegene Angelegenheit ist, sondern weil es etwas ist, was der Mensch im Grunde genommen immer in Anspruch nimmt, auch ohne es wahrzunehmen. Das ist ein Stück des Umgangs mit der Wahrheit, des Umgangs, der oft sehr schwer ist. Diesen Aspekt bemerken wir gerade in Unterhaltung und im Gespräch. Es ist die Erscheinung des Rechthaben-wollens. Wir alle können das bei uns selbst verfolgen aus unserer eigenen Geschichte. Und haben wir einmal eine Stufe erreicht, dann meinen und denken wir, jetzt ist es erreicht, ich habe mir mein Weltbild geformt, ich weiß, wie ich die Dinge zu beurteilen habe, wie ich Menschen zu sehen habe, was ich über Politik und all die vielfältigen Erscheinungen, die uns begegnen, zu denken habe. Wenn wir diese Stufe erreicht haben, dann sind wir eigentlich ganz froh, dass wir ein Weltbild haben und halten auch daran fest. Dieses Festhalten an dem einmal Gedachten, Errungenen, das kann für den anderen Menschen sehr unangenehm werden. Wir finden das nicht nur im Gespräch der Generationen, sondern überhaupt im Gespräch der Menschen miteinander. Wie schnell führt gerade eine politische Frage oder eine Frage der Kunst zu Verhärtungen, zu Verknöcherungen, wo man den Eindruck hat, ein Gespräch geht nicht mehr weiter. Das Gespräch ist vorab festgefahren, weil der Mensch nicht mehr bereit ist, sich zu lösen von einmal Erreichtem und Behauptetem. Hier taucht der Gedanke der Entwicklung auf und die Frage, wollen wir in unserem Leben irgendwann einmal stehenbleiben, wollen wir darauf verzichten, uns weiter zu entwickeln, weil es unbequem wäre, Neues zu lernen? Hier sehen wir, wie schwer im Grunde das Menschsein ist, und es gehört ein Stück Redlichkeit und Wahrhaftigkeit dazu, einem anderen Menschen zuliebe eine sicherlich bequem gewordene Position verlassen zu müssen und zu können. Dies wird nicht zum Schaden, sondern zum Gewinn des eigenen Menschseins beitragen.

August Macke - Landschaft mit Baumstämmenr

August Macke - Landschaft mit Baumstämmen

Mit der Wahrheit umzugehen ist nicht einfach. Es ist auch nicht einfach, Mensch zu sein, sicherlich. Es gibt einen bequemen Weg, es gibt vor allem den Weg, der da heißt: bloß über nichts nachdenken, man lebt nur einmal . . . Warum es sich unnötig schwer machen? Warum Wahrheit? Brauchen wir sie? Wir brauchen sie nicht allein aus dem Grund, weil wir vielleicht sittliche Menschen werden und ein gutes Gewissen haben wollen. Wenn wir unser eigenes Leben betrachten und zurückdenken und überlegen, woran wir seinen Wert erkennen können, und uns die Frage stellen: was war es wert?, dann waren es keine oberflächlichen Genüsse, auch nicht ein So-dahin-leben, denn dieses vergisst man sehr schnell. Es stößt uns z.B. auf: Wenn wir auf ein Jahr zurückblicken, und es hat sich nichts Besonderes ereignet, dann ist es sehr schnell vorübergegangen. Was gibt dem Leben eigentlich Gewicht? Doch wohl die Begegnung des Menschen mit dem Menschen. Sie füllt das Leben aus. Es ist das Erlebnis des Gesprächs, woran sich der Wert und die Idee des Lebens ausmachen lassen. Gerade daran erfahren wir den Wert des Lebens. Die Betrachtung der Natur, das Hören von Musik, das Sichversenken in ein Bild, auch das ist Gespräch, auch das ist etwas, was in uns eine Unterhaltung des Menschen mit dem Menschen wachruft, erinnern lässt und eine Gelegenheit in die Wege leitet, das erinnerte Gespräch zu wiederholen und an diesem Gespräch weiter zu arbeiten, es fortzuentwickeln.Viel hat erfahren der Mensch seit ein Gespräch wir sind und können hören voneinander.“ Hölderlin begreift den Menschen, ja, den Menschen als Gespräch. Hier ist eine Höhe des Denkens und des Empfindens erreicht, die für uns Leitstern ist, etwas, wonach wir uns sehnen, das uns aber oft, meistens, sehr entfernt erscheint. Und doch, wenn nur ein Abglanz davon in unserem Leben auftaucht, erinnern wir uns gerne daran.

August Macke - Die zwei Katzen

August Macke - Die zwei Katzen

Nun zeigt sich etwas, das unserem Leben Ziel und Orientierung gibt. Das Ereignis des Gesprächs ist zugleich das Ereignis des Glücks. Gerade in der Begegnung des Menschen mit dem Menschen, die gesprächsweise zu begreifen ist, gerade dort ereignet sich das, was für jeden Menschen das Ziel des Lebens ist: Glück zu finden, glücklich zu sein. Aber dass das Glück mit Wahrheit zu tun hat, vielleicht sogar mit dem Umgang des Menschen mit Wahrheit, daran denken wir nicht gerne, weil wir immer meinen, das Glück kommt von oben, von ungefähr, zufälligerweise. Nein, es wohnt und ist versteckt in uns selbst. Auch das Glück gilt es aufzuspüren. Wir werden es, wenn überhaupt, nur bergen können im Gespräch des Menschen mit dem Menschen, denn da ereignet sich die Wahrheit.                                                                     

Dr. Manuel Tögel
 
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