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Die
Wahrheit zu sagen, ist nicht immer einfach!
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Der Begriff
„Wahrheit", wie vielschichtig ist er mit seinen mannigfaltigen
Aspekten: manchmal erscheint uns Wahrheit notwendig, manchmal lustig und
manchmal kümmern wir uns gar nicht um sie. Oftmals hat „Wahrheit"
ein Pathos an sich und schreitet auf tönernen Füßen umher, braucht sie
der Mensch oder gehört sie gar dem Menschlichen an?
Vielleicht lohnt es sich,
ein wenig den Blick auf die Erscheinungsformen zu werfen, die uns verraten,
wie wir mit der Wahrheit umgehen. Wir stellen uns oftmals die Frage: was ist
eigentlich Wahrheit, gibt es Wahrheit, ist nicht die Wahrheit so vereinzelt
geworden, dass sie nur für den Einzelnen gilt? Ist Wahrheit vielleicht
sogar ein isoliertes Gebilde, etwas, was man nur im Gewissen, im Denken des
einzelnen Menschen antreffen kann, Wahrheit also nur für dich und mich?
Gibt es überhaupt eine Wahrheit, die verbindet? Was bedeutet dem Menschen
Wahrheit? Braucht er sie eigentlich? Kann er mit ihr nicht viel besser nach
Gutdünken umgehen? Einmal sie gebrauchen, wenn es ihm bequem ist, oder
vielleicht ein anderes Mal darauf verzichten, wenn es auch bequem ist? Haben
wir nicht der Wahrheit gegenüber ein bequemes Verhältnis? Von Zeit zu Zeit
sagen wir ganz gerne die Unwahrheit, auch weil es bequem ist. Wir stoßen
immer auf so etwas wie Bequemlichkeit, Trägheit.
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Wahrheit zu sagen, verlangt
das nicht Zivilcourage? Und die Wahrheit immer zu sagen, ist das überhaupt
praktikabel, ist das nicht verletzend? Schließen wir uns damit nicht von
den Menschen aus? Sie alle sind in ihrem Leben schon einmal einem Menschen
begegnet, der es gleichsam darauf anlegt, der darauf abzielt, immer die
Wahrheit zu sagen. Aber wir würden auf den ersten Blick dann doch annehmen,
ihm fehle eine Tugend, die im menschlichen Umgang doch unabdingbar ist, die
Diplomatie. Man kann den Menschen nicht immer die Wahrheit sagen, oder man
nimmt in Kauf und zielt darauf ab, die Menschen zu verletzen, sie zu kränken.
Der Umgang des Menschen mit dem Menschen ist eine komplizierte
Angelegenheit, eine Angelegenheit, die uns vielleicht auch das zu bedenken
gibt: Hat
im Umgang des Menschen mit dem Menschen Wahrheit überhaupt
etwas verloren? Ist sie da nicht unbequem, unpassend, vielleicht gar nicht
akzeptabel? Dies gibt zu denken. Aber was ist eigentlich Wahrheit, brauchen
wir sie? Ich glaube, man muss über die Wahrheit nachdenken. Sie ist mehr
als eine Tugend. Wahrhaftig sein ist weniger als die Wahrheit. Und nicht
zuletzt, wir merken es immer wieder, es ist das Schicksal der modernen Zeit,
dass in ihr Selbstverständlichkeiten, Verbindlichkeiten und damit auch
Wahrheiten verlorengegangen sind.
Ich erwähne immer gerne
das Jahr der Säkularisation 1803, das vorbereitet und nachbereitet den
entscheidenden Bruch der Selbstverständlichkeiten in die Wege geleitet hat.
Vor allem einer Selbstverständlichkeit, dass es die alle Menschen
verbindende, absolute Wahrheit gibt — eine Selbstverständlichkeit, die,
repräsentiert durch Thron und Altar, in
Europa herrschte. Diese Selbstverständlichkeit ist gebrochen, damit
natürlich auch eine Bezogenheit, eine Gebundenheit aller Menschen an einen
Wahrheitsbegriff und auch eine Geborgenheit unter einem absoluten Begriff.
Mit dem Gang des Geistes, freier zu denken, sich einen freien Glauben zu
schaffen, ist der absolute Wahrheitsbegriff verlorengegangen. Ist er
verlorengegangen? Gibt es ihn überhaupt?
Das ist die entscheidende Frage. Was ist Wahrheit? Können wir ohne
Wahrheit auskommen? Ich glaube, nein. Die Wahrheit ist keine Angelegenheit,
die nur in einer Dimension auftaucht, nur in einer Richtung sich bestimmt,
auf ein Ziel abzielt. Wahrheit umfasst doch viel, viel mehr. Sie hebt an bei
unserem alltäglichen Leben und hat immer etwas mit Erkenntnis zu tun, mit
Empfindung. Und damit beginnt eine ganz kleine Stufe des menschlichen
Lebens, ein Stück seiner Alltäglichkeit. Wie gehe ich mit meinen Gefühlen
um, wie gehe ich damit um, was ich dem Menschen sage, wie handle ich? All
dies, Empfindung, das Sprechen mit anderen Menschen, das Handeln, das Tun,
ist bestimmt von Wahrheit und ohne Wahrheit anzunehmen gar nicht
vollziehbar. Sehe ich etwas richtig? Was habe ich für ein Verhältnis zu
den Dingen? Was habe ich für ein Verhältnis zu den Menschen, mit denen ich
umgehe, mit denen ich zu tun habe? Erkenne ich die Gegebenheiten, die mich
betreffen, die andere betreffen? Das ist gar nicht so leicht. Wie schwierig
das ist, merkt man in dem Augenblick, in dem man mit den eigenen Gefühlen
zu tun hat. Was habe ich für Empfindungen, wie gehe ich mit dem Menschen
um, und was habe ich für Empfindungen dabei? Ist der Umgang des Menschen
mit dem Menschen nicht vorab gekennzeichnet von Sympathie und Antipathie?
Wenn mir jemand sympathisch ist, dann höre ich gerne zu, mit dem beschäftigte
ich mich vielleicht ein bisschen länger, aber wehe, er ist mir
unsympathisch. Da mache ich einen Bogen, schließe ihn aus und möchte mich
mit ihm so gut wie nicht beschäftigen. Wahrheit hat natürlich sehr viel
auch mit Sympathie und Antipathie zu tun. Ich glaube nicht, dass einer von
uns so leicht einem Menschen die Wahrheit sagt, der ihm unsympathisch ist,
es sei denn, um ihn zu ärgern. Es gehört ein bestimmtes Vertrauensverhältnis
dazu, die Wahrheit zu sagen. Es gibt Menschen, die haben sehr unangenehme
Eigenschaften, die immer wieder andere Menschen stören. Man merkt das, man
beobachtet das. Vielleicht ist er einem sympathisch, dieser Mensch, und es
kommt einem der Gedanke, vielleicht kann ich ihm helfen. Allein schon dieses
„kann ich einem Menschen helfen“ ist natürlich immer abhängig
davon, ob er mir sympathisch ist. Nur heutzutage sind die Möglichkeiten der
Hilfeleistung auch sehr angenehm und schnell. Mir ist aufgefallen, wenn man
eine Bank betritt, dass am Schalter ja immer schön die Zahlkarten für
Hilfsaktionen liegen, sodass
man in dem Augenblick, in dem
man sein Geld abholt, auch sofort die Gelegenheit hat, zu helfen. Und auf
vielleicht sehr angenehme Weise ein schlechtes Gewissen, sofern überhaupt
vorhanden, zu besänftigen, zu beschwichtigen. Heutzutage scheint alles
einfach in unserem Leben zu sein und je einfacher und je praktikabler alles
ist, desto schwerer wird es überhaupt, über einen Begriff wie Wahrheit zu
sprechen.
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August Macke - Der Garten am See
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Wenn die Wahrheit keinen
Sinn mehr in sich trägt, dann taucht Nietzsches Rede vom letzten Menschen
auf, der sich die Frage stellt, was ist eigentlich Sehnsucht, was ist Liebe
und natürlich, was ist Wahrheit. Was ist das aber für eine Welt, in der es
keine Wahrheit mehr gibt, in der sie nichts mehr gilt? Eine Welt der
leblosen und nackten Maschinen, in der das Hohe des Menschlichen ebenso
beseitigt ist wie das Niedere. Eine Welt, in der die Unzulänglichkeiten des
Menschen bereinigt sind, um seine Funktionsgerechtigkeit zu begründen.
Vielleicht entstammt die Sucht nach der Wahrheit gerade aus jener Unzulänglichkeit
des Menschen. Immer wieder kommt die Frage auf, die uns beschäftigt und die
uns auch zu Recht beschäftigt: Was ist Wahrheit? Wir sind gezwungen, eine
Tasse als Tasse zu bezeichnen und nicht als Baum. Würden wir das durchgängig
anders machen, würden wir bald in eine entsprechende Institution kommen.
Das ist die Folge, wenn Sprachlichkeit vom Individuum verletzt wird. Ich
will das deutlich machen. Es gibt eine Reihe von sehr schweren seelischen
Erkrankungen, die sich darin zeigen und ausdrücken, dass die allgemein gültigen
Formen des Sprechens, des Denkens, des Handelns zerstört sind, und es ist
sehr, sehr schwer, diese Zerstörungen rückgängig zu machen oder gar zu
heilen. Wir nehmen, ohne es zu wissen, ein großes Ausmaß von
Verbindlichkeiten wahr in unserem täglichen Sprechen, in jedem Augenblick, wenn
wir uns unterhalten, wenn wir
über etwas sprechen. In dem Augenblick, in
dem ich zu einem Menschen spreche, hört er, vernimmt er, nimmt er
wahr, und zwar nicht nur die Töne, die Gesten, sondern vor allem den
Inhalt. Und wenn nicht in demselben Augenblick ein Gleiches in mir oder im
anderen ertönt, aufklingt, gibt es keine Verständigung. Das Problem des
Sprechens ist ein zentrales Problem und es ist immer das Problem der
Wahrheitsfindung. Wenn ich den Wahrheitsbegriff nicht in Anspruch nähme,
brauchte ich mich gar nicht mit dem Menschen zu unterhalten, weil ja doch
jeder verschieden denken würde. Es gäbe kein Gespräch mehr. Wenn jeder
verschieden denkt, kann ich mit ihm nicht sprechen, weil nicht mehr ein
Gleiches anklingt, nicht mehr ein Gleiches oder Ähnliches wahrgenommen
wird. Die Bedeutung des Gesprächs steht im Zentrum des Humanums. Nichts führt
daran vorbei. Ohne das Sprechenkönnen, ohne die geistige Unterhaltung, ist
einfach Menschliches nicht möglich, weil das Gespräch Höhepunkt und
Gipfel nicht nur des Denkens, sondern auch des Empfindens ist. In der großen
Philosophie ist das Gespräch als die höchste Kategorie angesehen worden.
Auch im Christentum und seiner Theologie ist der große Gedanke gefasst
worden: „Wo zwei in meinem Namen versammelt sind, bin ich unter
ihnen", und Hegel sah das Gespräch als das Dasein des Geistes - des höchsten
Geistes. Alles, was schön ist, und alles, was groß ist, was uns erschüttert,
all das ist im Grunde genommen ein Gespräch. Ob es die Kunst ist in all
ihren Formen oder die Wissenschaft oder auch die Erfahrung des Menschen mit
dem Menschen. Das Höchste, was das Leben uns schenken kann, ist, dass wir
einem Menschen begegnen können, dass wir uns mit ihm austauschen können,
in tiefem Sinne des Menschseins und seines Geistes. Das ist das Schönste
und Höchste, was es gibt, und das geht nur durch die Idee der gemeinsamen
Suche nach Wahrheit.
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Das
Wort
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Wunder von ferne oder traum
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Bracht
ich an meines landes saum
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Und
harrte bis die graue norn
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Den namen fand in ihrem born –
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Drauf
konnt ichs greifen dicht und stark
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Nun blüht und glänzt es durch die mark…
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Einst langt ich an nach guter fahrt
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Mit
einem kleinod reich und zart
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Sie suchte lang und gab mir kund:
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›So schläft hier nichts auf tiefem grund‹
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Worauf es meiner hand entrann
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Und nie mein land den schatz gewann…
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So lernt ich traurig den verzicht:
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Kein ding sei wo das wort gebricht.
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Stefan George
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Nun sehen Sie etwas, was für uns doch sehr
wichtig ist. Sicherlich ist ein verbindender, absoluter Wahrheitsbegriff
verlorengegangen, und doch suchen wir ihn. Wir sind auf der Suche nach
Wahrheit, nicht nach einer x-beliebigen, sondern nach einer uns verbindenden
Wahrheit. Was wäre das Leben ohne diese Suche. Aber wir wissen, dass
Wahrheit nicht in Besitz genommen werden kann. Sie wäre sonst geknechtet
und etwas anderes, als sie sein soll, und vor allem wäre der Mensch
geknechtet und unfrei. Wenn Wahrheit nur im Gespräch zu erfahren ist, dann
können wir sie nicht wie Geld oder wie einen Gegenstand besitzen und
festhalten. Wir müssen immer die Augen dem gegenüber offen haben, was
Wahrheit ist. Wir haben nicht einen absoluten Wahrheitsbegriff, und doch
suchen wir ihn irgendwie. Und wir suchen ihn nicht, weil das eine entlegene
Angelegenheit ist, sondern weil es etwas ist, was der Mensch im Grunde
genommen immer in Anspruch nimmt, auch ohne es wahrzunehmen. Das ist ein Stück
des Umgangs mit der Wahrheit, des Umgangs, der oft sehr schwer ist. Diesen
Aspekt bemerken wir gerade in Unterhaltung und im Gespräch. Es ist die
Erscheinung des Rechthaben-wollens. Wir alle können das bei uns selbst
verfolgen aus unserer eigenen Geschichte. Und haben wir einmal eine Stufe
erreicht, dann meinen und denken wir, jetzt ist es erreicht, ich habe mir
mein Weltbild geformt, ich weiß, wie ich die Dinge zu beurteilen habe, wie
ich Menschen zu sehen habe, was ich über Politik und all die vielfältigen
Erscheinungen, die uns begegnen, zu denken habe. Wenn wir diese Stufe
erreicht haben, dann sind wir eigentlich ganz froh, dass wir ein Weltbild
haben und halten auch daran fest. Dieses Festhalten an dem einmal Gedachten,
Errungenen, das kann für den anderen Menschen sehr unangenehm werden. Wir
finden das nicht nur im Gespräch der Generationen, sondern überhaupt im
Gespräch der Menschen miteinander. Wie schnell führt gerade eine
politische Frage oder eine Frage der Kunst zu Verhärtungen, zu Verknöcherungen,
wo man den Eindruck hat, ein Gespräch geht nicht mehr weiter. Das Gespräch
ist vorab festgefahren, weil der Mensch nicht mehr bereit ist, sich zu lösen
von einmal Erreichtem und Behauptetem. Hier taucht der Gedanke der
Entwicklung auf und die Frage, wollen wir in unserem Leben irgendwann einmal
stehenbleiben, wollen wir darauf verzichten, uns weiter zu entwickeln, weil
es unbequem wäre, Neues zu lernen? Hier sehen wir, wie schwer im Grunde das
Menschsein ist, und es gehört ein Stück Redlichkeit und Wahrhaftigkeit
dazu, einem anderen Menschen zuliebe eine sicherlich bequem gewordene
Position verlassen zu müssen und zu können. Dies wird nicht zum Schaden,
sondern zum Gewinn des eigenen Menschseins beitragen.
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r
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August Macke - Landschaft mit Baumstämmen
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Mit der Wahrheit umzugehen ist nicht einfach. Es
ist auch nicht einfach, Mensch zu sein, sicherlich. Es gibt einen bequemen
Weg, es gibt vor allem den Weg, der da heißt: bloß über nichts
nachdenken, man lebt nur einmal . . . Warum es sich unnötig schwer machen?
Warum Wahrheit? Brauchen wir sie? Wir brauchen sie nicht allein aus dem
Grund, weil wir vielleicht sittliche Menschen werden und ein gutes Gewissen
haben wollen. Wenn wir unser eigenes Leben betrachten und zurückdenken und
überlegen, woran wir seinen Wert erkennen können, und uns die Frage
stellen: was war es wert?, dann waren es keine oberflächlichen Genüsse, auch nicht ein
So-dahin-leben, denn dieses vergisst man sehr schnell. Es stößt uns z.B.
auf: Wenn wir auf ein Jahr zurückblicken, und es hat sich nichts Besonderes
ereignet, dann ist es sehr schnell vorübergegangen. Was gibt dem Leben
eigentlich Gewicht? Doch wohl die Begegnung des Menschen mit dem Menschen.
Sie füllt das Leben aus. Es ist das Erlebnis des Gesprächs, woran sich der
Wert und die Idee des Lebens ausmachen lassen. Gerade daran erfahren wir den
Wert des Lebens. Die Betrachtung der Natur, das Hören von Musik, das
Sichversenken in ein Bild, auch das ist Gespräch, auch das ist etwas, was
in uns eine Unterhaltung des Menschen mit dem Menschen wachruft, erinnern lässt
und eine Gelegenheit in die Wege leitet, das erinnerte Gespräch zu
wiederholen und an diesem Gespräch weiter zu arbeiten, es fortzuentwickeln. „Viel hat erfahren der Mensch seit ein Gespräch wir sind und können
hören voneinander.“ Hölderlin begreift den Menschen, ja, den Menschen
als Gespräch. Hier ist eine Höhe des Denkens und des Empfindens erreicht,
die für uns Leitstern ist, etwas, wonach wir uns sehnen, das uns aber oft,
meistens, sehr entfernt erscheint. Und doch, wenn nur ein Abglanz davon in
unserem Leben auftaucht, erinnern wir uns gerne daran.
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August Macke - Die zwei Katzen
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Nun
zeigt sich etwas, das unserem Leben Ziel und Orientierung gibt. Das
Ereignis des Gesprächs ist zugleich das Ereignis des Glücks. Gerade
in der Begegnung des Menschen mit dem Menschen, die gesprächsweise zu
begreifen ist, gerade dort ereignet sich das, was für jeden Menschen
das Ziel des Lebens ist: Glück zu finden, glücklich zu sein. Aber
dass das Glück mit Wahrheit zu tun hat, vielleicht sogar mit dem
Umgang des Menschen mit Wahrheit, daran denken wir nicht gerne, weil
wir immer meinen, das Glück kommt von oben, von ungefähr, zufälligerweise.
Nein, es wohnt und ist versteckt in uns selbst. Auch das Glück gilt
es aufzuspüren. Wir werden es, wenn überhaupt, nur bergen können im
Gespräch des Menschen mit dem Menschen, denn da ereignet sich die
Wahrheit. |
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