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„Dichterisch wohnet der Mensch auf dieser Erde“

 

Manuel Tögel
Meindert Hobbema - "Die Allee von Midelharnis", 1689

Die Aufgabe der Gestaltung des Lebens steht vor jedem Menschen, ja, er findet sich im Grunde erst in ihr. Sie stellt sich auf jeder Stufe des Lebens, in jeder Phase der Entwicklung. Wo Menschliches zu sich kommt, ist schon immer die Aufgabe der Gestaltung des Lebens erfüllt.

Das Dahinleben oder der bloße Vollzug des Aufgetragenen in Arbeit, Bildung oder in menschlichen Beziehungen verstellen im Grunde das Zusichkommen des Menschen, und doch sind sie notwendige und wesentliche Stufen dazu. Der Geist des Menschen bedarf der Arbeit, der Bildung, der menschlichen Beziehung, er erhält in ihnen erst seine Wirklichkeit. Und doch hat er immer, um sich neu zu gründen, neu zu entfalten, die Bestimmung auf sich selbst nötig. Der Dichter gibt seit je diesen Zusammenhang kund. Das Geheimnis der Beseelung der Natur und des menschlichen Seins in allen Gestalten liegt in der Tätigkeit des Dichtens. „Dichterisch wohnet der Mensch auf dieser Erde“.

Rainer Maria Rilke schuf in seinen Sonetten an Orpheus ein Werk, das den Weltbezug des Menschen durch dichterisches Denken und Empfinden umgestaltet zur Erde, auf der der Mensch sich und seine Wirklichkeit findet. Dichten ist nicht bloße Sache einiger begnadeter Menschen, sondern Angelegenheit der menschlichen Seele, sie lebt auf besondere Weise in der verdichteten Wahrnehmung ihrer Bezüge, was meint, dass der Mensch in einem wesentlichen Maße die Dinge der Natur, des Lebens schlechthin, aber auch die Gestalten des Menschlichen aufnehmen soll, durch Betrachtung und Empfindung.

Für Spinoza ist die Erkenntnis der Dinge von der Liebe zu ihnen nicht zu trennen und doch, die Realität des Menschen sieht anders aus. Er wehrt die Dinge, die ihm begegnen, eher ab, als dass er sie liebt. Das geistige Tun des Menschen wäre dagegen als ein dichterisches zu denken. Diese Erde ist dann seine Schöpfung, das innere Reich, das sich nach außen entfaltet, gegen die Kräfte der eigenen Abwehr. Die Poesie lebt in der Liebe des Menschen zur Natur, zu ganzen Leben.

 

Caspar David Friedrich - " Der Sommer"
Nur wer die Leier schon hob
auch unter Schatten,
darf das unendliche Lob
ahnend erstatten.
Nur wer mit Toten vom Mohn
aß, von dem ihren,
wird nicht den leisesten Ton
wieder verlieren.
Mag auch die Spiegelung im Teich
oft uns verschwimmen:
Wisse das Bild.
Erst in dem Doppelbereich
werden die Stimmen
ewig und mild.
(IX. Sonett an Orpheus - 1. Teil)

Die Leier deutet das Symbol des dichterischen Tuns, das alles, was ihm begegnet, sich zu eigen zu machen versteht. So die Begegnung mit dem Leid, als dem notwendigen Schatten des Mensch-Seins, so auch die Begegnung mit dem Tod, den dichterisches Denken immer in die Mitte des Lebens stellt, gerade als seine Gestaltungskraft.  So weist das Symbol der Blume des Todes, der Mohn, auf das Medium geistiger Tätigkeit, auf die Erinnerung, die „den leisesten Ton nicht wieder verlieren“ wird. Mag auch durch die Vielschichtigkeit des Lebens die klare Kontur einer Gestalt schwer zu fassen sein, die Aufforderung an das Humanum bleibt, erkenne die Bilder des Lebens und die Bilder des Geistes: „Wisse das Bild“.

Leben und Tod sind die beiden Seiten einer Bewegung, ein Doppelbereich, in dem die Dinge erst in ihrem Ernst, in ihrem Gewicht erscheinen, ewig und versöhnt, ewig und mild werden. Es ist der Doppelbereich, der wechselnd Vergängliches und Unvergängliches zu Tage treten lässt. Und doch deutet sich Tieferes an, die Einheit alles sich Widerstreitenden, alles sich Entgegensetzenden. Wir können dieses Unendliche Gott nennen. Er ist der Geist, der alles verbinden mag. Er ist der Geist, in dem sich Menschliches spiegelt und das schöpferische Tun gestaltet, das Dichtung genannt wird.

Im dichterischen Schaffen des Menschen kommt der seelische Begriff der Abwehr zur Sprache: Alles Fremde, was dem Menschen entgegentritt, wird nach dem Maße der Abwehr zu eigen gemacht. Er selbst bleibt draußen stehen. Doch die Abwehr enthält immer Es. Von dem zu sagen ist, das Es das Unvergängliche ist, und von dem Spinoza sagt, das Es die unendliche Substanz ist, die alles enthält, auch die Abwehr, die ihr zuteil wird. Es ist ein Unendliches, in dem alles, was ist aufgehoben scheint.

Heil dem Geist, der uns verbinden mag;

denn wir leben wahrhaftig in Figuren.

Und mit kleinen Schritten gehen die Uhren

neben unserm eigentlichen Tag.

Goethe war in seinem Forschen und Trachten immer auf der Suche nach der Grundfigur aller Dinge. Diese deutet das bildhafte Wesen, das allem zu Grunde liegt, dem Stein, der Pflanze, dem Tier und schließlich dem Menschlichen. Und so beleuchtet er die symbolhafte Natur von allem Lebendigen. Das Spektrum vom Urgestein bis zum Mythos kündet von der Harmonie des Kosmos, dass alles in Figuren lebt. Alles, was wir haben, alles, was wir leben, sind Bilder, Bilder des Geistes. Wenn wir uns anschicken, sei es ein Ding, sei es die Seele oder sei es gar Gott zu fassen, zu erhaschen, sofort ist es uns entzogen, entzieht Es sich uns. Denn nicht nur Gott, sondern auch alle Dinge, in denen er lebt, sind unfassbar, nur an den Bildern und durch sie vermögen wir sie zu begreifen. Wenn sich alles entzieht, hätte der Mensch nichts. Er hält sich allein an der Unvollständigkeit dessen, was er fassen kann, meint, der Begriff, sein Begriff, würde alles umfassen.

Allein manches Fremde wird abgewehrt, und doch hält sich gerade Tätigkeit des Abwehrens beide Seiten fest: das Fremde und das Eigene, das Unvergängliche und das Vergängliche. Es ist Kennzeichen menschlicher Abwehr, eben genau dies nicht zu begreifen, was abgewehrt wird, sonst würde es nicht abgewehrt werden. Und doch stellt gerade die Abwehr den Bezug zum Eigentlichen dar. Gerade die Abwehr, und dies ist der lebendigste Widerspruch, errichtet die Wirklichkeit des Menschen.

Ohne unsern wahren Platz zu kennen,

handeln wir aus wirklichem Bezug.

Die Antennen fühlen die Antennen,

und die leere Ferne trug…

Reine Spannung. O Musik der Kräfte!

Ist nicht durch die lässlichen Geschäfte

Jede Störung von dir abgelenkt?

 

Die Mitte des Menschlichen macht sich in der Mitteilung aus. Sie ist das wahre Medium eines inneren Reiches, das in der Lage ist, die gegebene Welt zur humanen Erde umzugestalten. Wir leben alle in diesem Nebeneinander von gegebener Welt und möglicher Erde. Der verbindende Geist allein ist die Sprache. Sie ist das dichterische Tun des Menschen, sie ist Triebkraft jeglicher Wandlung. Die sprachliche Mitteilung ist die Aufnahme und die Annahme jedes Begegnenden. Was dem Menschen auch immer begegnet, das tritt stets im Gewande des Fremden auf, sei es das eigene Gefühl, sei es die Ansicht des anderen Menschen oder sei es ein Gegenstand der Natur und des Geistes. Immer tritt Fremdes dem Menschen entgegen. Er wird beinahe zur Verhärtung verführt, beinahe dahin geführt, das Fremde schlechthin abzuwehren. Das Fremde schlechthin ist das menschliche Schicksal. Man weiß nie, wann es schreckt oder wann es glückt.

Solange das Menschliche menschlich betrachtet wird, so lange fällt jener Trieb des Menschen auf, sich Fremdes zu Eigen zu machen. Und so werden die beiden Seiten menschlichen Verhaltens sichtbar: Das Fremde als fremdes abzuwehren und im Fremden das Eigene suchen. So wird jedes Tier, das der Mensch noch nie gesehen und das ihm begegnet, in bekannte Vorstellungen eingeordnet – Verwandtes im Fremden gesucht. So ist das Fremde immer die notwendige Störung zur Findung des Eigenen. Denn nur die Erweiterung des Menschlichen macht die Fülle seiner Entwicklung aus, immer wieder Fremden begegnen zu können, es sich zu Eigen zu machen und durch das Andere zu ergänzen. Und doch: „Mit kleinen Schritten gehen Uhren neben unserem eigentlichen Tag“.

Es ist nicht anzunehmen, dass die Natur, die Welt, sich in Begriffliches, in Fassbares oder gar Handfestes auflösen wird. Immer wo der Mensch sich anschickt, sich selbst zu finden, tritt notwendigerweise ihm das Fremde entgegen. Das Fremde ist die treibende Kraft seiner Selbstfindung. Wo nur Bekanntes sich finden lässt, tritt rasch Ermüdung ein. „Reine Spannung. O Musik der Kräfte! Ist nicht durch die lässlichen Geschäfte jede Störung von dir abgelenkt?“ Die Störung ist allemal die Triebfeder der Entwicklung, und Störung soll immer münden in Arbeit an und mit dem Fremden. Allein das Können der Arbeit vermag nicht alles auszufüllen, vermag dem Menschen nicht alles zu geben. Alles umsichtige Sorgen, alles gezielte Handeln kann nicht die Erfüllung bringen: Es fehlt ein Letztes, das Geschenk.

Selbst wenn sich der Bauer sorgt und handelt,

wo die Saat in Sommer sich verwandelt,

reicht er nie hin. Die Erde schenkt.

(XII. Sonett an Orpheus - 1. Teil)

Eine innerweltliche Begründung reicht nicht aus, das Humane zu finden und zu verwirklichen. Die Erde wird durch bloßen Weltbezug nie erreicht, das innere Reich des Menschen nie gegründet. Die Unvollkommenheit des Menschen liegt nicht zuletzt in seinem reinen Weltbezug. Doch was ist dieser reine Weltbezug? Kein Ausdruck ist geeigneter, den bloßen Weltbezug zu beschreiben als der bornierte der „Selbstverwirklichung“. Als ob sich je von sich aus etwas selbst verwirklichen könnte. Der Weltbezug tritt immer im Gewand der Selbstgefälligkeit auf mit dem Streben, sich durchzusetzen, mit dem Willen geschätzt zu werden, aber beides unter dem Aspekt der Macht. Gerade der Wille zur Macht blutet die mögliche Erde aus und lässt sie zum Stein einer gegebenen Welt erstarren.

Manuel Tögel

 
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