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Die Aufgabe der Gestaltung
des Lebens steht vor jedem Menschen, ja, er findet sich im Grunde erst in
ihr. Sie stellt sich auf jeder Stufe des Lebens, in jeder Phase der
Entwicklung. Wo Menschliches zu sich kommt, ist schon immer die Aufgabe der
Gestaltung des Lebens erfüllt.
Das Dahinleben oder der bloße
Vollzug des Aufgetragenen in Arbeit, Bildung oder in menschlichen
Beziehungen verstellen im Grunde das Zusichkommen des Menschen, und doch
sind sie notwendige und wesentliche Stufen dazu. Der Geist des Menschen
bedarf der Arbeit, der Bildung, der menschlichen Beziehung, er erhält in
ihnen erst seine Wirklichkeit. Und doch hat er immer, um sich neu zu gründen,
neu zu entfalten, die Bestimmung auf sich selbst nötig. Der Dichter gibt
seit je diesen Zusammenhang kund. Das Geheimnis der Beseelung der Natur und
des menschlichen Seins in allen Gestalten liegt in der Tätigkeit des
Dichtens. „Dichterisch wohnet der Mensch auf dieser Erde“.
Rainer Maria Rilke schuf in
seinen Sonetten an Orpheus ein Werk, das den Weltbezug des Menschen durch
dichterisches Denken und Empfinden umgestaltet zur Erde, auf der der Mensch
sich und seine Wirklichkeit findet. Dichten ist nicht bloße Sache einiger
begnadeter Menschen, sondern Angelegenheit der menschlichen Seele, sie lebt
auf besondere Weise in der verdichteten Wahrnehmung ihrer Bezüge, was
meint, dass der Mensch in einem wesentlichen Maße die Dinge der Natur, des
Lebens schlechthin, aber auch die Gestalten des Menschlichen aufnehmen soll,
durch Betrachtung und Empfindung.
Für Spinoza ist die
Erkenntnis der Dinge von der Liebe zu ihnen nicht zu trennen und doch, die
Realität des Menschen sieht anders aus. Er wehrt die Dinge, die ihm
begegnen, eher ab, als dass er sie liebt. Das geistige Tun des Menschen wäre
dagegen als ein dichterisches zu denken. Diese Erde ist dann seine Schöpfung,
das innere Reich, das sich nach außen entfaltet, gegen die Kräfte der
eigenen Abwehr. Die Poesie lebt in der Liebe des Menschen zur Natur, zu
ganzen Leben.
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Die Leier deutet das Symbol
des dichterischen Tuns, das alles, was ihm begegnet, sich zu eigen zu machen
versteht. So die Begegnung mit dem Leid, als dem notwendigen Schatten des
Mensch-Seins, so auch die Begegnung mit dem Tod, den dichterisches Denken
immer in die Mitte des Lebens stellt, gerade als seine Gestaltungskraft.
So weist das Symbol der Blume des Todes, der Mohn, auf das Medium
geistiger Tätigkeit, auf die Erinnerung, die „den leisesten Ton nicht
wieder verlieren“ wird. Mag auch durch die Vielschichtigkeit des Lebens
die klare Kontur einer Gestalt schwer zu fassen sein, die Aufforderung an
das Humanum bleibt, erkenne die Bilder des Lebens und die Bilder des
Geistes: „Wisse das Bild“.
Leben und Tod sind die
beiden Seiten einer Bewegung, ein Doppelbereich, in dem die Dinge erst in
ihrem Ernst, in ihrem Gewicht erscheinen, ewig und versöhnt, ewig und mild
werden. Es ist der Doppelbereich, der wechselnd Vergängliches und Unvergängliches
zu Tage treten lässt. Und doch deutet sich Tieferes an, die Einheit alles
sich Widerstreitenden, alles sich Entgegensetzenden. Wir können dieses
Unendliche Gott nennen. Er ist der Geist, der alles verbinden mag. Er ist
der Geist, in dem sich Menschliches spiegelt und das schöpferische Tun
gestaltet, das Dichtung genannt wird.
Im dichterischen Schaffen
des Menschen kommt der seelische Begriff der Abwehr zur Sprache: Alles
Fremde, was dem Menschen entgegentritt, wird nach dem Maße der Abwehr zu
eigen gemacht. Er selbst bleibt draußen stehen. Doch die Abwehr enthält
immer Es. Von dem zu sagen ist, das Es das Unvergängliche ist, und von dem
Spinoza sagt, das Es die unendliche Substanz ist, die alles enthält, auch
die Abwehr, die ihr zuteil wird. Es ist ein Unendliches, in dem alles, was
ist aufgehoben scheint.
Heil dem Geist, der uns
verbinden mag;
denn wir leben wahrhaftig
in Figuren.
Und mit kleinen Schritten
gehen die Uhren
neben unserm eigentlichen
Tag.
Goethe war in seinem
Forschen und Trachten immer auf der Suche nach der Grundfigur aller Dinge.
Diese deutet das bildhafte Wesen, das allem zu Grunde liegt, dem Stein, der
Pflanze, dem Tier und schließlich dem Menschlichen. Und so beleuchtet er
die symbolhafte Natur von allem Lebendigen. Das Spektrum vom Urgestein bis
zum Mythos kündet von der Harmonie des Kosmos, dass alles in Figuren lebt.
Alles, was wir haben, alles, was wir leben, sind Bilder, Bilder des Geistes.
Wenn wir uns anschicken, sei es ein Ding, sei es die Seele oder sei es gar
Gott zu fassen, zu erhaschen, sofort ist es uns entzogen, entzieht Es sich
uns. Denn nicht nur Gott, sondern auch alle Dinge, in denen er lebt, sind
unfassbar, nur an den Bildern und durch sie vermögen wir sie zu begreifen.
Wenn sich alles entzieht, hätte der Mensch nichts. Er hält sich allein an
der Unvollständigkeit dessen, was er fassen kann, meint, der Begriff, sein
Begriff, würde alles umfassen.
Allein manches Fremde wird
abgewehrt, und doch hält sich gerade Tätigkeit des Abwehrens beide Seiten
fest: das Fremde und das Eigene, das Unvergängliche und das Vergängliche.
Es ist Kennzeichen menschlicher Abwehr, eben genau dies nicht zu begreifen,
was abgewehrt wird, sonst würde es nicht abgewehrt werden. Und doch stellt
gerade die Abwehr den Bezug zum Eigentlichen dar. Gerade die Abwehr, und
dies ist der lebendigste Widerspruch, errichtet die Wirklichkeit des
Menschen.
Ohne unsern wahren Platz zu
kennen,
handeln wir aus wirklichem
Bezug.
Die Antennen fühlen die
Antennen,
und die leere Ferne trug…
Reine Spannung. O Musik der
Kräfte!
Ist nicht durch die lässlichen
Geschäfte
Jede Störung von dir
abgelenkt?
Die Mitte des Menschlichen
macht sich in der Mitteilung aus. Sie ist das wahre Medium eines inneren
Reiches, das in der Lage ist, die gegebene Welt zur humanen Erde
umzugestalten. Wir leben alle in diesem Nebeneinander von gegebener Welt und
möglicher Erde. Der verbindende Geist allein ist die Sprache. Sie ist das
dichterische Tun des Menschen, sie ist Triebkraft jeglicher Wandlung. Die
sprachliche Mitteilung ist die Aufnahme und die Annahme jedes Begegnenden.
Was dem Menschen auch immer begegnet, das tritt stets im Gewande des Fremden
auf, sei es das eigene Gefühl, sei es die Ansicht des anderen Menschen oder
sei es ein Gegenstand der Natur und des Geistes. Immer tritt Fremdes dem
Menschen entgegen. Er wird beinahe zur Verhärtung verführt, beinahe dahin
geführt, das Fremde schlechthin abzuwehren. Das Fremde schlechthin ist das
menschliche Schicksal. Man weiß nie, wann es schreckt oder wann es glückt.
Solange das Menschliche
menschlich betrachtet wird, so lange fällt jener Trieb des Menschen auf,
sich Fremdes zu Eigen zu machen. Und so werden die beiden Seiten
menschlichen Verhaltens sichtbar: Das Fremde als fremdes abzuwehren und im
Fremden das Eigene suchen. So wird jedes Tier, das der Mensch noch nie
gesehen und das ihm begegnet, in bekannte Vorstellungen eingeordnet –
Verwandtes im Fremden gesucht. So ist das Fremde immer die notwendige Störung
zur Findung des Eigenen. Denn nur die Erweiterung des Menschlichen macht die
Fülle seiner Entwicklung aus, immer wieder Fremden begegnen zu können, es
sich zu Eigen zu machen und durch das Andere zu ergänzen. Und doch: „Mit
kleinen Schritten gehen Uhren neben unserem eigentlichen Tag“.
Es ist nicht anzunehmen,
dass die Natur, die Welt, sich in Begriffliches, in Fassbares oder gar
Handfestes auflösen wird. Immer wo der Mensch sich anschickt, sich selbst
zu finden, tritt notwendigerweise ihm das Fremde entgegen. Das Fremde ist
die treibende Kraft seiner Selbstfindung. Wo nur Bekanntes sich finden lässt,
tritt rasch Ermüdung ein. „Reine Spannung. O Musik der Kräfte! Ist nicht
durch die lässlichen Geschäfte jede Störung von dir abgelenkt?“ Die Störung
ist allemal die Triebfeder der Entwicklung, und Störung soll immer münden
in Arbeit an und mit dem Fremden. Allein das Können der Arbeit vermag nicht
alles auszufüllen, vermag dem Menschen nicht alles zu geben. Alles
umsichtige Sorgen, alles gezielte Handeln kann nicht die Erfüllung bringen:
Es fehlt ein Letztes, das Geschenk.
Selbst wenn sich der Bauer
sorgt und handelt,
wo die Saat in Sommer sich
verwandelt,
reicht er nie hin. Die Erde
schenkt.
(XII. Sonett an Orpheus -
1. Teil)
Eine innerweltliche Begründung
reicht nicht aus, das Humane zu finden und zu verwirklichen. Die Erde wird
durch bloßen Weltbezug nie erreicht, das innere Reich des Menschen nie gegründet.
Die Unvollkommenheit des Menschen liegt nicht zuletzt in seinem reinen
Weltbezug. Doch was ist dieser reine Weltbezug? Kein Ausdruck ist
geeigneter, den bloßen Weltbezug zu beschreiben als der bornierte der
„Selbstverwirklichung“. Als ob sich je von sich aus etwas selbst
verwirklichen könnte. Der Weltbezug tritt immer im Gewand der Selbstgefälligkeit
auf mit dem Streben, sich durchzusetzen, mit dem Willen geschätzt zu
werden, aber beides unter dem Aspekt der Macht. Gerade der Wille zur Macht
blutet die mögliche Erde aus und lässt sie zum Stein einer gegebenen Welt
erstarren.
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