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Von der Würde des Menschen

 

Manuel Tögel
Immer wieder wird mir das Anliegen vorgetragen, in kurzen Worten zu erklären, was unitarische Religion ist und bedeutet. Dabei lässt sich die Antwort eigentlich ganz leicht formulieren, denn der erste Satz unseres Gelöbnisses ist in seiner Konzentriertheit nicht zu überbieten. „In Ehrfurcht vor Gott, dem Ewigen und Unerforschlichen, will ich Achtung hegen vor der Würde des Menschen und allem Leben.“

Ein Gottesbegriff ist mit dem Menschenbild und seines Verhaltens zur Natur auf das Engste verbunden ausgedrückt. Dabei stelle ich mir immer die Frage, warum das vielen Menschen nicht genügt. Ein altes Sprichwort mag zur Klärung beitragen: In der Kürze liegt die Würze – aber wo ist die Speise?

In der doch ganz stark vom Christentum geprägten Tradition des Abendlandes scheint ein einfacher Gottesbegriff, so wie wir ihn haben, nicht zu genügen. Sind die Menschen vielleicht erst dann zufrieden und befriedigt, wenn ihnen ein ganzes Arsenal von Theodizeen, also Lehren von Gott, Christologien, Lehren von Christus, Mariologien, Lehre von Maria, Ekklesiologien, also Lehren von der Kirche, Erbsündenlehre und anderes mehr zur Verfügung steht?

Es könnte sein, dass die Menschen einen Gottesbegriff nach ihren Vorstellungen und Anschauungen haben wollen und vielleicht benötigen. Ich glaube, bei vielen ist es der Fall, aber nicht bei allen Menschen. In den letzten Jahren haben Umfragen und Studien erwiesen, dass eine zunehmende Anzahl der Befragten mit dem christlichen Gottesbegriff und seinen Lehren nichts, oder nur sehr wenig anfangen können. „Ja, ich glaube an Gott, aber mehr auch nicht“, lautet die durchgängige Aussage, die man bei diesen Menschen oft vernehmen kann. Dem ist hinzuzufügen, dass die Zahl der Konfessionslosen in unserem Lande stetig wächst. Auf dieses Phänomen werde ich später noch einmal zurückkommen.

Wir haben uns für diese Konfirmation ein Thema ausgesucht, das auf den ersten Blick so selbstverständlich anmutet aber bei näherer Betrachtung gar nicht so leicht zu behandeln ist. Der erste Artikel unseres Grundgesetzes hebt mit dem Satz an: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Gedanke schmückt als Inschrift ein Frankfurter Gerichtsgebäude. Vor vielen Jahren, ich habe es schon an anderer Stelle erzählt, wurde die „Würde“ geklaut und sie war für lange Zeit weg, sie, die „Würde“. Was blieb? „Die…des Menschen ist unantastbar“. Es war ein Vorfall, der leicht als Bild zu verstehen sein könnte: Man kann also die Würde ganz einfach stehlen, sie dem Menschen wegnehmen. Zur Beruhigung: Nach etwa einem Jahr hing die „Würde“ wieder an der alten Stelle und alles war wieder in Ordnung. War es das?

Die Würde hat in unserer freien Theologie einen ganz besonderen Stellenwert. Lassen Sie mich noch einmal auf den ersten Satz unseres Gelöbnisses zurückkommen: „In Ehrfurcht vor Gott, dem Ewigen und Unerforschlichen, will ich Achtung hegen vor der Würde des Menschen und allem Leben.“ In diesem Satz ist alles gesagt, was für das religiöse Bedürfnis der Menschen, nicht nur unserer Zeit, wesentlich ist. Dieser Satz umfasst einen hohen und doch einfachen Gottesbegriff, ein damit verbundenes Bild des Menschen, der vom großen Begriff der Ehrfurcht erfüllt sein kann und soll, und ein Bild von der Natur, der gegenüber der Mensch genauso viel Ehrfurcht hegen soll wie vor allem Hohen, das ihn bewegt. Alles, was wesentlich ist, ist in diesem Satz gesagt. Er ist theologisch, er ist ethisch und, modern gesprochen, von einem religiösen Umweltbewusstsein geprägt. Dieser Satz ist selbst umfassender als die zehn Gebote, weil darin mehr und weil darin weniger steht als in ihnen. Und er ist moderner, weil die Ehrfurcht vor allem Leben Teil des Gottesbegriffes ist.

Was nutzen alle Ge- und Verbote, wenn der Mensch nicht in der Idee der Ehrfurcht erzogen wurde und sich in ihr entwickelt hat?

Die Humanität gehört zum geistigen Fundament der unitarischen freien Religion. Sie berührt den Gedanken der Mitmenschlichkeit genauso wie die Erfordernisse einer menschlichen Bildung. Der antike Gedanke „Nichts Menschliches sei dem Menschen fremd!“ deutet auf das eigentliche Bildungsideal hin, das Erbe zu bewahren, das der Antike, des Christentums, der Aufklärung und der bürgerlichen Kultur.

Liebe Konfirmanden. Ihr habt es bestimmt nicht leicht, euren schulischen aber auch Euren Lebensweg zu beschreiten, aber denkt daran, gerade in eurem Alter werden die Weichen für das Kommende und Mögliche gestellt. An dieser Stelle wünsche ich euch schon jetzt alles Gute für die Zukunft, bleibt uns treu und wir unsererseits werden für euch da sein.

Noch einmal zu den einleitenden Gedanken zurück. Wir brauchen eine Ethik, die religiös begründet ist, daher die Notwendigkeit des Religionsunterrichts auch über die Konfirmation hinaus. Wenn in unserer Zeit die Wertmaßstäbe schwächeln oder gar zu schwinden drohen, wenn das, was uns heute gut morgen aber als schlecht erscheint, oder umgekehrt, wenn bei aller Beliebigkeit das Menschsein keinen Halt mehr zu finden vermag, dann tut es mehr als gut, an unserem reinen Gottesbegriff das abzuleiten, was für eine menschengemäße Ethik unabdingbar ist: der Bezug zum Absoluten, ohne das jedes menschliche Denken und Handeln, aber auch Empfinden in die Jeweiligkeit eines gerade Behaupteten versinkt.

Ein Gemeindemitglied besprach unlängst mit mir die Überlegung, ob die seit einiger Zeit vehement steigende Austrittswelle z.B. aus der Katholischen Kirche nicht verheerende Folgen für den Bestand des Religionsunterrichts nach sich ziehen würde. Dem konnte ich nur zustimmen, wir waren uns darüber hinaus einig, dass eine konfessionslos geprägte Ethik niemals den notwendigen Begriff des Absoluten vermitteln könnte, der unabdingbar für die Erziehung zum Menschsein ist. Hierbei kann unser Gottesbegriff für Etliches hilfreich sein.

Liebe Eltern, ich danke ihnen für ihre Treue, uns ihre Kinder anvertraut zu haben. Die Konfirmandenfreizeit in Fulda hat gezeigt, wie durchaus aufgeschlossen und interessiert ihre Kinder, jetzt muss man von Jugendlichen sprechen, waren, nicht nur in der Lage, das schwierige Thema über „Die Würde des Menschen“ zu behandeln, sondern auch mit großer Aufmerksamkeit die kunst- und religionsgeschichtlichen Dimensionen dieser unvergleichlichen hessischen Stadt nachzuempfinden.

Was bleibt am Ende zu sagen? Der Kampf um die Erhaltung der Bildung wird ein bestimmendes Element unserer gemeinsamen Arbeit bleiben. Wenn ich hoffe, dass dies in der bewährten bisherigen Form uns gelingen wird, muss ich mich jedoch zum Abschluss bei Ihnen entschuldigen, dass ich zwischendurch einige schwere kirchen- und igesellschaftskritische Aussagen eingeflochten habe, die vielleicht der Feier einer unitarischen Konfirmation entgegenläufig erscheinen können. Aber die Lage ist ernst. Nachdenken hat noch nie geschadet.

Liebe Konfirmanden, liebe Eltern und Familien, ich glaube, ja ich bin überzeugt, dass sie einen schönen, vielleicht auch besinnlichen Festtag erleben können. Die besonderen Wünsche gelten natürlich unseren Konfirmanden, ihren schulischen, beruflichen und lebensgeschichtlichen Weg in Hoffnung und Engagement beschreiten zu können. Dazu begleiten sie unsere besten Wünsche.

Manuel Tögel

Beiträge der Konfirmanden

 

 

Niklas Bott

Niklas Bott

Warum ist es gut, Achtung vor dem Anderen zu haben?

Wenn ich jemanden Achtung schenke, dann schenkt er mir auch Achtung zurück.

Wenn ich aber von einem Anderen nicht geachtet werde, dann fühlt es sich so an, als ob ich von irgendetwas ausgeschlossen werde und ich bin traurig. Wenn z.B. meine Freunde jemanden ausschließen, dann finde ich das nicht gut, weil ich weiß, wie es ist, ausgeschlossen zu werden. Aber es ist nicht immer leicht, Andere zu achten, z.B. wenn man jemanden nicht mag.

Ich finde, man sollte jedem Achtung entgegen bringen, auch wenn er nicht so ist wie man selbst. Daher sollte man auch niemanden z.B. nach seinem Äußeren beurteilen, da derjenige vielleicht fürsorglich, freundlich und auch lustig ist. Auch wenn man Leute nicht ausstehen kann, sollte man für sie da sein, wenn sie Hilfe benötigen.

Die Welt wäre bestimmt viel friedlicher und es gäbe keine Kriege mehr, wenn die Menschen einander mehr achten würden.

Mein Leitspruch lautet:

Wer sich im Anderen erkennt, gewinnt wahres Menschsein

 

Yannick Melzer

Yannick Melzer
Ich möchte gerne mit ihnen über das Thema „menschenwürdiges Leben“ sprechen. Was bedeutet eigentlich „menschenwürdiges Leben“?

Wenn ich nach der Schule nach Hause laufe, sehe ich Menschen, die können sich ein menschenwürdiges Leben leisten. An manchen Ecken sieht man das Gegenteil. Die Ärmeren müssen Hartz IV beantragen. Oft trauen sie sich nicht den Antrag zu stellen, weil sie meinen, sie bekommen das auch ohne die Hilfe vom Staat geregelt. Sie schämen sich in dem Fall.

Ist das ein menschenwürdiges Leben?

Zum Existieren braucht man Geld für Kleidung, für die Nahrung und für eine gescheite Wohnung. Dafür muss man aber auch etwas tun, z.B. auf Arbeitsuche gehen und nicht einfach faul herumliegen.

Zum menschenwürdigen Leben gehört auch, dass man in der Schule eine gute Ausbildung erhält, denn wenn man auf die Hauptschule kommt, hat man es in Zukunft schwer, eine Arbeit zu bekommen. So kann man dann kein menschenwürdiges Leben führen.

Aber jeder Mensch sollte zumindest eine Chance bekommen, ein menschenwürdiges Leben führen zu können. In vielen Ländern ist das leider nicht so, z.B. in Ländern, in denen es Kindersoldaten gibt oder Kinder arbeiten müssen.

Jeder Mensch, überall auf der Welt, sollte die gleiche Möglichkeit haben, sich zu entfalten und ein menschenwürdiges Leben führen zu können.

Mein Leitspruch lautet:

Wer sich für andere einsetzt, stärkt die menschliche Gemeinschaft.

 

 

Laura Schleich

Laura Schleich

Mein Thema, welches ich heute gerne ansprechen möchte lautet „Die Gleichwertigkeit der Menschen“.

Aber was soll man unter Gleichwertigkeit verstehen?

Jeder Mensch ist ein Individuum. Menschen haben unterschiedliche Charakterzüge, sehen verschieden aus, haben einen unterschiedlichen Glauben oder gar keinen.

Auch die Vorstellungen und Bedürfnisse der Menschen unterscheiden sich stark. Die Menschen sind also unterschiedlich und doch haben alle den gleichen Wert.

Diese Gleichwertigkeit lässt sich exemplarisch darlegen. Mein Beispiel lässt sich um Jahrtausende Jahre zurückverfolgen. Hierbei handelt es sich um die Sklaverei der Menschen und in späteren Zeiten die Leibeigenen.

Menschen wurden nicht wie Menschen behandelt, sie wurden in verschiedene Stände eingeteilt. Somit wurde Ihnen die Gleichwertigkeit genommen. Dies gilt für alle Arten der Unterdrückung und Ausbeutung und leider tritt diese Intoleranz auch heute noch überall auf.

Mein Leitspruch lautet:

Gleichgültigkeit tötet die Seele, Mitmenschlichkeit belebt sie.

Konfirmanden 2010

 

Beitrag von Frau Karin Frank anlässlich der Jubiläumskonfirmation am 11. April 2010

Karin Frank

Liebe Jubiläumskonfirmanden, liebe Gemeindemitglieder und Freunde, lieber Manuel, der du uns zu dieser besonderen Feierstunde so herzlich eingeladen hast!

Ich möchte uns alle in das Jahr 1960 zurückversetzen. Es war der Beginn des Aufbruchs zu neuen Grenzen und Lebensformen. Unbegrenzter Fortschrittsglaube durch Triumphe in Wissenschaft und Technik beflügelte die Menschen. Die Sterne und damit der Himmel kamen näher. Allerdings war die Politik zweigeteilt in Ost- und Westkonflikte und stand eher im Zeichen der Konfrontation. Die Jugend selbst – und wir sollten mit der Konfirmation im März 1960 bald dazu gehören – gab sich nicht mehr mit der gesellschaftlichen Führung der früheren Generation zufrieden. Es herrschte – manchmal bis ins Chaos – Umbruchstimmung: „Love an Peace“, Proteste gegen das Establishment, gegen den imperialistisch angesehenen Vietnamkrieg und die politisierte Kunst in Literatur und Malerei sowie Bildhauerei, mögen nur einige Auswirkungen zeigen. Die Wörter dieses Jahrzehnts bewiesen, wie groß die Erwartungen, aber auch die Enttäuschungen zu dieser Umbruchstimmung waren: APO, Black Power, 3. Welt, Kommune, Kulturrevolution, LSD, Notstandsgesetze, Pop Art u.v.m.

Wir waren im 14. Lebensjahr und standen noch fast kindlich unter der Erziehungsgewalt unserer Eltern, dazu gehörte: Anständigkeit, Schulorientierung, Pflichterfüllung und Höflichkeit – immer unter der Aufsicht der besorgten Mütter und Väter.

Mein persönlicher Aufbruch zur Eigenständigkeit war die Fahrt aus dem Hintertaunus zum unitarischen Religionsunterricht nach Bad Homburg. Pfarrer Sigurd Taesler leitete die Doppelstunde jeden Donnerstagnachmittag in der Landgrafenstraße. Es war seine ihm eigene Art uns ein bisschen Freiheit spüren zu lassen – die etwas Älteren unter uns durften in der Pause mit ihm auch ein Zigarettchen rauchen – und uns nicht nur mit den Grundlagen der Entstehungsgeschichte der Gemeinde vertraut zu machen, sondern uns zur freien Meinungsäußerung, zum Vergleichen und zum Engagement zu bewegen. Wir waren durchweg begeistert und freuten uns darauf am 27. März als eigenständige Mitglieder in die Gemeinde aufgenommen zu werden. Hinzu kam, dass wir mit dem Vorstellungstermin, der im Festsaal der Johann Wolfgang von Goethe Universität stattfand, die Frankfurter Konfirmanden kennenlernten und sich so unser Gesprächs- und Bekanntenkreis lustig, frech, aber stets niveauvoll erweiterte.

Der eigentliche Konfirmationstag fand zu meiner persönlichen Freude in der Paulskirche statt, denn wir waren der letzte Jahrgang vor der Einweihung der neuen Weihehalle in der Fischerfeldstraße. Deswegen persönliche Freude: Da ich bis heute mit meinen Schulklassen aus Siegen auf Goethes Spuren wandle und Frankfurt besuche, gehört auch die Geschichte der Paulskirche dazu und es herrscht stets Bewunderung, wenn ich zum Schluss sage: Ta, Leute, hier in dieser geschichtsträchtigen Kirche bin ich als Unitarierin konfirmiert worden. Ein „boah-eh“ ist dann das Geringste.

Doch zurück zum 27. März 1960. Mit der Konfirmation kam auch die Kleiderfrage auf uns zu. Auch hier folgten wir wie selbstverständlich dem Vorschlag Pfarrer Taeslers: Die Buben im Anzug und die Mädchen ganz in Weiß, denn „das pietistische Schwarz der protestantischen Konfirmation macht euch doch einfach zu alten Leuten!“

Auch hier wäre eine persönliche Erfolgsmeldung zu erwähnen: Da ich vom Kindergarten an mit dem Sohn des evangelischen Pastors in Usingen befreundet war und wir häufig diskutierten, gab ich ein bisschen an und sagte ihm: Ja WIR werden in Weiß konfirmiert, d.h. helle Freude und wacher Geist, nicht das verknöcherte Schwarz. Daraufhin brachte er seinen Vater dazu, zumindest auf schwarze Röcke mit weißen Blusen umzusteigen. Ich denke, heutzutage steht die Kleiderfrage nicht mehr so sehr zur Diskussion und unsere ersehnten ersten hochhackigen Schuhe haben auch an Bedeutung verloren.

Nicht verloren sind allerdings die Wertvorstellungen, die man uns mit auf den Weg gegebe hat. Und so manches Mal ertappe ich mich im Unterricht bei Sprüchen von Pfarrer Taesler wie „Man darf alles, aber in Maßen“ oder „es herrscht hier Meinungsfreiheit, stets im angemessenen Ton“ oder „vergesst nie: Der Mensch ist frei und würd’ er in Ketten geboren“.

Diese freiheitliche Grundhaltung, das Hochhalten kultureller Werte und die Toleranz in Glaubensfragen sind für mich und ich denke für sie und euch alle der Mittelpunkt unseres religiösen Denkens. Dass dies auch bei unseren Kindern fortgeführt wurde, verdanken wir auch dir, lieber Manuel, genauso wie die berührende Feier heute.

So möchte ich mich mit dem Goethewort meine kleine Ausführung abschließen: „Man kann in wahrer Freiheit leben und doch nicht ungebunden sein.“

Jubiläumskonfirmaden

 
© 2010 Unitarische Freie Religionsgemeinde Frankfurt/Main