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Dies sind keine Worte
Homers, auch nicht Worte der griechischen Klassik, denn Geheimnisse, oder,
wie hier ausgedrückt, Heimlichkeiten durften in der griechischen Religion
nicht ausgesprochen werden. Es sind Worte Christi aus dem Matthäus-Evangelium.
Doch in der griechischen Kultur konnte das Innerste der Religion sehr wohl
bildhaft, gleichnishaft oder parabelhaft angedeutet werden. Mir scheint,
dass darüber hinaus die Verwandtschaft der Religion des Neuen Testaments
der griechischen Religion gegenüber größer ist, als die abendländische
Tradition es wahrhaben wollte, denn nicht umsonst steht dieser Beitrag unter
dem Begriff: Die Mythen des Neuen Testaments.
Sie werden Schwierigkeiten
haben, ein solches Thema in Literaturverzeichnissen zu finden.
Religionswissenschaftlich werden in unserer Tradition die Geschichten und
Bilder des Neuen Testaments nicht als Mythen bezeichnet. Es sind Bilder der
Offenbarung, die in ihrer Unmittelbarkeit geglaubt werden sollten, nicht
aber mythische Bilder, die im allgemeinen Verständnis dem sogenannten
Heidentum angehören. Es war eigentlich bislang die Angelegenheit der europäischen
Religionskritik, Bilder und Geschichten des Neuen Testaments aus
irgendwelchen Vernunftgründen abzulehnen. Kaum sind diese dabei als Mythen
bezeichnet worden. Erst die Vergleichende Religionswissenschaft und
insbesondere die Forschung der Entstehung der Schriften des Neuen Testaments
kam zur Einsicht, dass das Neue Testament nicht nur aus Einflüssen der jüdischen
Religion, sondern auch von anderen orientalischen Religionen, insbesondere
der hellenischen, gebildet wurde.
Ja, durch strenge Trennung
der jüdischen von der christlichen Religion wurde erst die Sicht freigelegt
für die Fremdeinflüsse bei der Entstehung der christlichen Religion.
Erschwerend kam hinzu, dass die Schriften des Neuen Testaments erst 200
n.u.Z. in Rom redaktionell so zusammengestellt wurden wie sie auf uns
zugekommen sind. Dies übrigens mit der Einschränkung, dass die ältesten,
überhaupt erhaltenen Dokumente des Neuen Testaments größtenteils aus dem
4. und 5. Jahrhundert stammen. Es sind damit eine Fülle von textkritischen
Unsicherheiten gegeben, die um ein Vielfaches dadurch verstärkt werden,
dass der historische Rahmen der Entstehung der christlichen Religion äußerst
ungesichert ist. Dies gilt insbesondere für die historische Gestalt des
Jesus von Nazareth, der da genannt wurde Christus. Wir haben so gut wie
keine historischen Quellen, nur die sowieso schon ungesicherten des Neuen
Testaments, die ohnehin nicht als historisch anzusehen sind.
Der bedeutendste Augenzeuge
des 1. Jahrhunderts n.u.Z., Josephus Flavius, der große Geschichtsschreiber
des jüdisch-römischen Krieges, besaß ohne Frage eine gründliche Kenntnis
des damaligen Palästinas mit all seinen politischen, ökonomischen, religiösen
und kulturellen Hintergründen. Doch die Gestalt des Jesus von Nazareth ist
bei ihm nicht fassbar. Dasselbe gilt für andere historischen Quellen dieser
Zeit. Religionsgeschichtlich hat das alles aber nichts zu sagen, weil die
christliche Religion über die Antike gesiegt hat und bis heute ein
bestimmender Faktor nicht nur der europäischen Kultur geworden ist. Sie
wurde das nicht zuletzt, da unzählige Menschen in vielen Ländern und
Erdteilen über zwei Jahrtausende hinweg die unmittelbare Wahrheit des im
Neuen Testaments Niedergelegten glaubten und glauben. Das ist ein Faktum
unserer Kultur, an dem abgesehen von religionskritischen Einwänden kaum zu
rütteln ist. Sicherlich hat die Säkularisation seit Reformation, Aufklärung
und Geburt der bürgerlichen Gesellschaft ein Vielfaches getan, die
Unmittelbarkeit des christlichen Glaubens anzutasten. Mit Unmittelbarkeit
des Glaubens ist die wortwörtliche Verkündung der Schriften gemeint, und
der bedingungslos bedenkenlose Glauben an diese.
Wir leben in einer Zeit, in
der sicherlich noch so eine Unmittelbarkeit des Glaubens vorkommt, eine
breite Kritik an diesem Glauben jedoch meist unartikuliert erscheint, wenn
man von der aktuellen Strömung des sogenannten neuen Atheismus absieht. Am
meisten ist jedoch eine Gleichgültigkeit gegenüber den Inhalten und Formen
dem Christentum vorherrschend. Bestenfalls tritt uns eine sentimentale Anhänglichkeit
an den alten Glauben entgegen, die durch gesellschaftliche
„Gegebenheiten“ bestimmt wird. Diese Gegebenheiten beschränken sich auf
Veranstaltungen wie Taufe, Kommunion, Konfirmation, Hochzeiten und
Beerdigungen, wobei die Konventionalität dieser Ereignisse immer bedrückender
wird. Ein Gedanke wie „Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und
will aussprechen die Heimlichkeiten vom Anfang der Welt“ wird heutzutage
nicht nur wie aus einer fernen Zeit gesprochen, sondern ist fremd und
unverständlich.
Ich habe die These
vertreten, dass das Christentum eine mittelalterliche Religion ist, die in
der Spätantike ihre Begründung und im Mittelalter ihre Vollendung erfahren
hat. Sie wurde theologisch im 15. Jahrhundert durch Nikolaus von Kues
abgeschlossen und hat den Erschütterungen der Neuzeit und der Moderne im
Grunde genommen wenig entgegnen können. Wenn, dann nur in einer
Formensprache des Mittelalters. Der christliche Glaube hatte ja sein Credo,
sein Bekenntnis von den Konzilien von Nicäa 325 und Konstantinopel 381
erhalten. Damit war im Grunde genommen das Glaubensgut, die Dogmatik,
festgelegt und fast abgeschlossen. Wie es dazu kam, ist eine andere
Angelegenheit, nur so viel sei gesagt, dass diese Dogmatik und ihr
Bekenntnis aus heftigsten Auseinandersetzungen mit anderen christlichen
Positionen, wie der gnostischen und der arianisch-unitarischen, entstanden
ist.
Doch wie nähert man sich
dem Christentum? Durch die Behauptung des unmittelbaren Glaubens nicht mehr.
Durch seine Theologie auch nicht mehr, und seine Veranstaltungen sprechen in
den seltensten Fällen noch an. Also, wie nähert man sich dem Christentum?
Vielleicht mit dem Satz „Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und
will aussprechen die Heimlichkeiten vom Anfang der Welt“. Schauen wir uns
einmal die vier Evangelien an. In der Tat, der Löwenanteil dieser Schriften
wird von Aussprachen und Lehren Christi bestimmt. Vielfach sehen wir in den
Reden Christi eine strenge Anlehnung an die jüdische Religion, seltsam
verbunden mit deren einwilliger Interpretation. Also ein jüdischer Rabbi,
ein Schriftgelehrter? Dazu passen aber überhaupt nicht die Fremdeinflüsse,
die nicht nur aus dem Umfeld der Reden, sondern auch aus diesen selbst
sprechen. So z.B. die gnostische Lehre von den Glückseligen und den
Verdammten und damit verbunden der abgrundtiefe Hass auf die Ungläubigen.
Dazu passt auch nicht die Übernahme von Mythen aus dem vorderen Orient und
aus Griechenland, Ägypten nicht zu vergessen.
„Aus Ägypten habe ich
meinen Sohn gerufen“ Matthäus 2,15. Ein Christ würde sagen, das sei in
diesem Zusammenhang ein unerlaubtes Zitat. Wer sich aber z.B. einmal die Mühe
macht, die Zitate der hebräischen Bibel, also des Alten Testaments, mit
ihrem Zusammenhang im Neuen Testament zu vergleichen, wird folgendes
feststellen müssen: Diese Zitate bilden jeweils eine theologische
Schaltstelle und geben die Grundlage der christlichen Dogmatik her. Ich
ziehe ein Beispiel heraus. Sie wissen, Christus ist am Jordan durch Johannes
getauft worden. Dabei tat sich der Himmel über ihm auf und Gott sprach:
„Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe.“ Matthäus
3,17. Der angegebene Querverweis bezieht sich auf Jesaia 42,1: „Seht, mein
Knecht, den ich stütze, mein Erwählter, an dem ich mein Wohlgefallen habe!
Ich lege meinen Geist auf ihn, dass er den Völkern die Wahrheit verkünde“.
Aus dem Zitat des
christlichen Rahmens ist die Gottessohnschaft von Gott ausgesprochen und
dies war für die entsprechende Dogmatik von Nicäa und Konstantinopel eine
entscheidende Grundlage. Bei Jesaja der hebräischen Bibel lässt sich ein
ganz anderer Rahmen festmachen. Es ging um die Befreiung der Israeliten aus
dem babylonischen Exil und um eine diesbezügliche Zwiesprache des Propheten
Jesaja mit Gott. Dabei sind uns zwei Lieder vom Gottesknecht überliefert.
Den Beginn des ersten haben wir vernommen. Im Laufe dieser Zwiesprache
Jesaja 48,12 f wird klar, dass damit der Perserkönig Kyros gemeint ist.
Kyros eroberte 539 v.u.Z. Babylonien und gestattete den Israeliten nicht nur
die Rückkehr nach Palästina, sondern auch den Wiederaufbau ihres Tempels
und war ihnen auch sonst sehr gewogen. Ein Anhänger der
Zarathustra-Religion als Vorbild des Gottessohns? Die Beispiele ließen sich
beliebig fortsetzen und sprechen von einer Willkürlichkeit im Zitatenwesen
des Neuen Testaments.
Der eigentliche und
vornehmste Mythos des Neuen Testaments ist uns stillschweigend
entgegengetreten, der des Gottessohnes. Gott liebte Kyros, den Perserkönig,
einen Erwählten, der Gottes Willen vollzieht. Also keine Messias-Stelle des
Alten Testaments! Aber die Kyros-Folie scheint für das Neue Testament schon
Grund genug zu sein, den Anspruch der Gottessohnschaft zu belegen. Der
Gottessohn wird nie als wortwörtliches Zitat aus der hebräischen Bibel,
auch im prophetischen Sinne auszumachen sein. Gegen solche Vermenschlichung
trat Moses auf den Berg Sinai seinem Volk entgegen. Er gab ihm den Entwurf
einer strengen monotheistischen Religion. Die hebräische Bibel schrieb die
Erfahrungen des jüdischen Menschen, des jüdischen Volkes mit seinem
Gottesbegriff auf, also die Erfahrung des Menschen mit seinem Gott, wobei
Moses als Erfahrung die Maßgabe auswies, dass es nur einen Gott gibt, vom
dem man sich kein Bild machen darf. Und das sollte gerade die Buntheit
dieser Erfahrung ermöglichen. Ein zu dogmatisierender Gottessohn ist im
Horizont der jüdischen Religion nicht auszumachen. Nicht, dass in der jüdischen
Religion keine Mythen anzutreffen wären, aber gerade mit dem Mythos des
Gottessohns tat sich die Geschichte der jüdischen Religion immer schwer,
weil er vorzugsweise feindlichen Religionen angehört, insbesondere der
Isis- und Osiris-Religion Ägyptens und der Adonis-Religion Syriens. In
dieser Hinsicht kommen vor allem die hellenistischen Einflüsse auf das Neue
Testament zum Zuge. Es sollte gerade die Dionysos-Religion sein, die dem
Christentum sein Zentrum gab.
Den Verfassern des Neuen
Testaments ist ein großes schriftstellerisches Raffinement nicht
abzusprechen, diese skandalhafte Verbindung unterbelichtet zu halten. Schon
in der Dionysos-Religion zeigte sich ein großes Erneuerungs- und
Auferstehungsbedürfnis des Menschen. Fleisch und Blut des sich opfernden
Gottes wurde zum Heil der Menschen in Brot und Wein verwandelt, das sie
genießen konnten, um am Göttlichen teilzuhaben. Gegen so etwas hat Moses
nicht nur seine Gesetze am Berg Sinai geschrieben, sondern jederzeit gesagt,
dass dies ein Gräuel im Angesicht Gottes wäre – Kannibalismus.
„Da sie aber aßen, nahm
Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach:
Nehmet, esset; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab
ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des neuen
Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden“
Matthäus 26,26-28. Also, der Mythos des sich opfernden Gottes, der das Heil
bringt, die Auferstehung, die Erneuerung. In der Dionysos-Religion sah es
etwas anders aus. Die Fruchtbarkeit von Mensch und Natur stand im
Vordergrund, sicherlich auch die Bewältigung von Leben und Tod, aber bei
Matthäus ist etwas quergeschoben, nämlich der seltsame Umstand, dass der
Gottessohn sein Opfer vor dem Opfertod feiert. Ist das Geheimnis des
sogenannten „Letzten Abendmahls“ eine Verdeckung des Umstandes, dass,
wenn es nach der Auferstehung gefeiert worden wäre, einem jede Verbindung
mit der Dionysos-Religion ins Auge gefallen wäre? War es ein
schriftstellerischer Trick? Ja, es war einer. Nein, es war keiner, weil er
die seltsame Scham des Menschen vor diesen Vorgängen bekunden musste.
Hier sind wir am Fundament
des Mythos angelangt. Die Mythen geben die Bilder des Menschen; von seinem
Triebleben und seiner Vernunft, von seinem individuellen Leben und seiner
Gesellschaftlichkeit, von seiner Realität und seiner Wirklichkeit. Und
gerade das Und, das zwischen diesen Begriffen immer auftaucht,
ist zugleich Grund des Bruches zwischen ihnen. Die Begriffe die den Menschen
so wichtig sind, sind verbunden und doch getrennt. Davon kündet der Mythos.
Gott schafft die Welt, damit trennt er sich von seiner Schöpfung. Er
verbindet sich wieder mit ihr durch den Opfertod seines Sohnes, von dem er
sich trennt. Durch diese Erlösungstat verbindet er sich wieder mit Mensch,
Natur und Kosmos, um sich beim Jüngsten Gericht wieder in Teilen von ihr zu
trennen. Doch wo ist die Vernunft? Wenn ich nach der Vernunft in der
Theologie frage, muss ich zugleich nicht nur nach der Vernunft des Menschen
fragen, sondern vielmehr nach der Vernunft seines Trieblebens. Dieses
erzeugt die Bilder seines Lebens, die wir Mythen nennen.
Die Dramen des antiken
Theater zeigten den Menschen im Spannungsbogen seines Trieblebens und seiner
Sittlichkeit, seines Menschseins und seiner Suche nach dem Göttlichen. Sie
zeigten sein Schicksal, das sich aus dem Spannungsbogen ergab, und das
Sich-Erkennen des antiken Zuschauers im antiken Drama.
Dieses brachte die
Katharsis, die Reinigung, die Befreiung vom inneren Druck, die Erlösung.
Sich aussprechen zu können, ist eine Grundfiguration der Reinigung, eine
Befreiung vom Druck. „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab
mir ein Gott zu sagen wie ich leide“ (Goethe: Torquato Tasso).
Wir haben noch kein Verständnis
vom Triebleben des Menschen gewonnen, aber jetzt können wir schon sagen,
dass die Darstellung von Mythen in Schrift, Theater und Kult diese
Reinigungsfunktion hat und diesen Erlösungscharakter besitzt. Und dies
geschah nicht nur im griechischen Theater oder bei den Eleusinischen
Mysterien, sondern es geschah auch im Nachvollzug des 26. Kapitels von Matthäus,
Vers 26-28. Wir erblicken auf einmal in der christlichen Religion das
allgemein Menschliche in der jeweiligen Sprache seiner jeweiligen Kultur. Es
ist nicht ein X-beliebiges oder ein Verlogenes was da zur Sprache kommt,
kein Firlefanz oder ein Theologen-Märchen. Es ist die Besprechung einer
menschlichen Grundstruktur, die zu einer gotthaften Sprache erhoben wird:
dem Dionysos gemäß. „Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und
will aussprechen die Heimlichkeiten vom Anfang der Welt“.
Was haben sich die Leute in
den letzten 200 Jahren über die Jungfrauengeburt Mariens die Mäuler
zerrissen. Zum Verständnis ist zu sagen:
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Die Gottgleichheit Christi wurde 325 in Nicäa und 381 in
Konstantinopel festgelegt,
-
die Gottesmutterschaft 431 am Konzil von Ephesus; dies spricht die übernatürliche
Zeugung Christi aus, Christus ist von der Jungfrau Maria geboren worden.
-
1854 wurde das Dogma der unbefleckten Empfängnis Marias verkündet,
also: Auch Maria ist ohne Erbsünde gezeugt worden.
-
1950 wurde die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel zum Dogma
erhoben.
In der christlichen
Theologie sind die letzten beiden Dogmen nur noch Christus zugestanden
worden. Demeter lässt grüßen. Ist das dem Dionysos gemäß? Ja, weil der
damalige theatralische Prunk der Verkündigung der Dogmen noch Heerscharen
von Gläubigen erschütterte. Aber sind das nicht vergangene Zeiten? Ein
allzu spätes Wiederaufnehmen mittelalterlicher Kultur? Würde nicht das
nichtkatholische Christentum vor den Kopf gestoßen durch das Fremdartige,
das mehr an altgriechische Mysterien gemahnt, als einen Versuch, moderne
christliche Theologie zu begründen? Und das nach Nikolaus von Kues!
Wir kommen zu den schönen
Weihnachtsbildern des Lukas-Evangeliums, die die Menschen, bislang
wenigstens, immer wieder berührt haben. Das Naturhafte, das Einfache und
doch Erhabene berührte Menschen immer auf irgendeine Weise, selbst wenn sie
sich nicht christlich oder religiös verstanden. Doch Sentimentalität
beiseite. Als der Engel zu Maria trat und sie im Geiste Gottes schwängerte,
sprach sie folgende Worte.
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Bei dieser Stelle habe ich
mich immer gewundert, denn die christlich-theologische Bezeichnung für
Christus ist der „Soter“, auf Deutsch „der Heiland“. So, jetzt
denken wir mal nach: „Meine Seele erhebet den Herrn“ – seltsam –
„und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilands“ – damit ist doch
der Sohn gemeint! Das ist nur durch die Dionysos-Religion zu begreifen, denn
hier spricht Ariadne, die sich mit Dionysos vermählt, „denn er hat die
Niedrigkeit seiner Magd angesehen“.
Ganz interessant ist es
hier vielleicht, die Legende über die Geburt Buddhas anzufügen. Historisch
gesichert ist, dass Buddha um 560 v.u.Z. geboren wurde:
„In seiner vorhergehenden
Existenz in Tuschitahimmel ließ der Erleuchtete seinen Blick suchend über
die Erde schweifen: Nur ein König und eine Königin waren würdig, ihn
wiederzuverkörpern. Er wählte Maja, die Gattin des Königs Schuddhodana.
Diese legte anlässlich eines Festes ein Keuschheitsgelübde ab; in der
folgenden Nacht träumte sie, ein weißer Elefant sei in ihre Seite
eingedrungen. Nach zehn Mondmonaten gebar sie im Haine des Dorfes Lumbini
ihren Sohn, der nicht von seinem Vater gezeugt worden war. Kurz nach der
Geburt starb Maja.“
Man hat dem Christentum
immer vorgeworfen, das Triebleben zu unterdrücken. Da ist viel Wahres dran.
Aber wenn ich mir die verhüllte Triebhaftigkeit der Lukas-Passage ansehe,
dann stutze ich. Gott-Vater, Gott-Sohn, Göttin-Mutter, Sohn als Erwecker
der Magd, rein gezeugt, leibhaftig in den Himmel aufgenommen? Das alles
purzelt durchs Hirn. Dem Dionysos gemäß?
Übrigens, literarisch
gesehen sind die Schriften des Neuen Testaments jedem Werk ihrer Zeit in
gewissen Hinsichten ebenbürtig. Wichtiger jedoch ist, dass solche Passagen
1500 Jahre unserer Kultur mitprägten. Sie prägten sie, weil sie Mythen
darstellen, Sehnsüchte des Menschen, sich im Spannungsbogen zwischen
Geburt, Zeugung und Tod zu finden, und sie boten sich an, weil Menschen die
Bereitschaft in sich haben, Welt mythisch zu erblicken. Religionen können
totgeschlagen werden, diese Bereitschaft des Menschen nie.
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