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Manuel Tögel

... eine dynamische, als eine Religion, die nicht an unveränderliche Glaubenssätze oder Dogmen gebunden ist und auf eine lange geschichtliche Entwicklung zurückblicken kann. Wo steht unsere Religion heute? Was sind und waren die bestimmenden Faktoren für die Gestaltung unserer Gemeinde? Wir möchten versuchen, beim diesjährigen Sommerseminar am 28. und 29. August 2010 mittels der Auseinandersetzung mit dem Thema „Unitarische freie Religion in heutiger Zeit – Eine Standortbestimmung“ diese grundlegenden Fragen näher zu beleuchten und zu beantworten.

Der nun folgende Text stammt aus der mittlerweile vergriffenen Publikation „Religion zwischen Mythos und Geschichte“ von Dr. Manuel Tögel und soll als Denkanstoß und Einstimmung zum Sommerseminar diene.

Die Mythen des Neuen Testaments
„Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und will aussprechen die Heimlichkeiten vom Anfang der Welt“. – Matthäus 13,35

Dies sind keine Worte Homers, auch nicht Worte der griechischen Klassik, denn Geheimnisse, oder, wie hier ausgedrückt, Heimlichkeiten durften in der griechischen Religion nicht ausgesprochen werden. Es sind Worte Christi aus dem Matthäus-Evangelium. Doch in der griechischen Kultur konnte das Innerste der Religion sehr wohl bildhaft, gleichnishaft oder parabelhaft angedeutet werden. Mir scheint, dass darüber hinaus die Verwandtschaft der Religion des Neuen Testaments der griechischen Religion gegenüber größer ist, als die abendländische Tradition es wahrhaben wollte, denn nicht umsonst steht dieser Beitrag unter dem Begriff: Die Mythen des Neuen Testaments.

Sie werden Schwierigkeiten haben, ein solches Thema in Literaturverzeichnissen zu finden. Religionswissenschaftlich werden in unserer Tradition die Geschichten und Bilder des Neuen Testaments nicht als Mythen bezeichnet. Es sind Bilder der Offenbarung, die in ihrer Unmittelbarkeit geglaubt werden sollten, nicht aber mythische Bilder, die im allgemeinen Verständnis dem sogenannten Heidentum angehören. Es war eigentlich bislang die Angelegenheit der europäischen Religionskritik, Bilder und Geschichten des Neuen Testaments aus irgendwelchen Vernunftgründen abzulehnen. Kaum sind diese dabei als Mythen bezeichnet worden. Erst die Vergleichende Religionswissenschaft und insbesondere die Forschung der Entstehung der Schriften des Neuen Testaments kam zur Einsicht, dass das Neue Testament nicht nur aus Einflüssen der jüdischen Religion, sondern auch von anderen orientalischen Religionen, insbesondere der hellenischen, gebildet wurde.

Ja, durch strenge Trennung der jüdischen von der christlichen Religion wurde erst die Sicht freigelegt für die Fremdeinflüsse bei der Entstehung der christlichen Religion. Erschwerend kam hinzu, dass die Schriften des Neuen Testaments erst 200 n.u.Z. in Rom redaktionell so zusammengestellt wurden wie sie auf uns zugekommen sind. Dies übrigens mit der Einschränkung, dass die ältesten, überhaupt erhaltenen Dokumente des Neuen Testaments größtenteils aus dem 4. und 5. Jahrhundert stammen. Es sind damit eine Fülle von textkritischen Unsicherheiten gegeben, die um ein Vielfaches dadurch verstärkt werden, dass der historische Rahmen der Entstehung der christlichen Religion äußerst ungesichert ist. Dies gilt insbesondere für die historische Gestalt des Jesus von Nazareth, der da genannt wurde Christus. Wir haben so gut wie keine historischen Quellen, nur die sowieso schon ungesicherten des Neuen Testaments, die ohnehin nicht als historisch anzusehen sind.

Der bedeutendste Augenzeuge des 1. Jahrhunderts n.u.Z., Josephus Flavius, der große Geschichtsschreiber des jüdisch-römischen Krieges, besaß ohne Frage eine gründliche Kenntnis des damaligen Palästinas mit all seinen politischen, ökonomischen, religiösen und kulturellen Hintergründen. Doch die Gestalt des Jesus von Nazareth ist bei ihm nicht fassbar. Dasselbe gilt für andere historischen Quellen dieser Zeit. Religionsgeschichtlich hat das alles aber nichts zu sagen, weil die christliche Religion über die Antike gesiegt hat und bis heute ein bestimmender Faktor nicht nur der europäischen Kultur geworden ist. Sie wurde das nicht zuletzt, da unzählige Menschen in vielen Ländern und Erdteilen über zwei Jahrtausende hinweg die unmittelbare Wahrheit des im Neuen Testaments Niedergelegten glaubten und glauben. Das ist ein Faktum unserer Kultur, an dem abgesehen von religionskritischen Einwänden kaum zu rütteln ist. Sicherlich hat die Säkularisation seit Reformation, Aufklärung und Geburt der bürgerlichen Gesellschaft ein Vielfaches getan, die Unmittelbarkeit des christlichen Glaubens anzutasten. Mit Unmittelbarkeit des Glaubens ist die wortwörtliche Verkündung der Schriften gemeint, und der bedingungslos bedenkenlose Glauben an diese.

Wir leben in einer Zeit, in der sicherlich noch so eine Unmittelbarkeit des Glaubens vorkommt, eine breite Kritik an diesem Glauben jedoch meist unartikuliert erscheint, wenn man von der aktuellen Strömung des sogenannten neuen Atheismus absieht. Am meisten ist jedoch eine Gleichgültigkeit gegenüber den Inhalten und Formen dem Christentum vorherrschend. Bestenfalls tritt uns eine sentimentale Anhänglichkeit an den alten Glauben entgegen, die durch gesellschaftliche „Gegebenheiten“ bestimmt wird. Diese Gegebenheiten beschränken sich auf Veranstaltungen wie Taufe, Kommunion, Konfirmation, Hochzeiten und Beerdigungen, wobei die Konventionalität dieser Ereignisse immer bedrückender wird. Ein Gedanke wie „Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und will aussprechen die Heimlichkeiten vom Anfang der Welt“ wird heutzutage nicht nur wie aus einer fernen Zeit gesprochen, sondern ist fremd und unverständlich.

Ich habe die These vertreten, dass das Christentum eine mittelalterliche Religion ist, die in der Spätantike ihre Begründung und im Mittelalter ihre Vollendung erfahren hat. Sie wurde theologisch im 15. Jahrhundert durch Nikolaus von Kues abgeschlossen und hat den Erschütterungen der Neuzeit und der Moderne im Grunde genommen wenig entgegnen können. Wenn, dann nur in einer Formensprache des Mittelalters. Der christliche Glaube hatte ja sein Credo, sein Bekenntnis von den Konzilien von Nicäa 325 und Konstantinopel 381 erhalten. Damit war im Grunde genommen das Glaubensgut, die Dogmatik, festgelegt und fast abgeschlossen. Wie es dazu kam, ist eine andere Angelegenheit, nur so viel sei gesagt, dass diese Dogmatik und ihr Bekenntnis aus heftigsten Auseinandersetzungen mit anderen christlichen Positionen, wie der gnostischen und der arianisch-unitarischen, entstanden ist.

Doch wie nähert man sich dem Christentum? Durch die Behauptung des unmittelbaren Glaubens nicht mehr. Durch seine Theologie auch nicht mehr, und seine Veranstaltungen sprechen in den seltensten Fällen noch an. Also, wie nähert man sich dem Christentum? Vielleicht mit dem Satz „Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und will aussprechen die Heimlichkeiten vom Anfang der Welt“. Schauen wir uns einmal die vier Evangelien an. In der Tat, der Löwenanteil dieser Schriften wird von Aussprachen und Lehren Christi bestimmt. Vielfach sehen wir in den Reden Christi eine strenge Anlehnung an die jüdische Religion, seltsam verbunden mit deren einwilliger Interpretation. Also ein jüdischer Rabbi, ein Schriftgelehrter? Dazu passen aber überhaupt nicht die Fremdeinflüsse, die nicht nur aus dem Umfeld der Reden, sondern auch aus diesen selbst sprechen. So z.B. die gnostische Lehre von den Glückseligen und den Verdammten und damit verbunden der abgrundtiefe Hass auf die Ungläubigen. Dazu passt auch nicht die Übernahme von Mythen aus dem vorderen Orient und aus Griechenland, Ägypten nicht zu vergessen.

„Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“ Matthäus 2,15. Ein Christ würde sagen, das sei in diesem Zusammenhang ein unerlaubtes Zitat. Wer sich aber z.B. einmal die Mühe macht, die Zitate der hebräischen Bibel, also des Alten Testaments, mit ihrem Zusammenhang im Neuen Testament zu vergleichen, wird folgendes feststellen müssen: Diese Zitate bilden jeweils eine theologische Schaltstelle und geben die Grundlage der christlichen Dogmatik her. Ich ziehe ein Beispiel heraus. Sie wissen, Christus ist am Jordan durch Johannes getauft worden. Dabei tat sich der Himmel über ihm auf und Gott sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe.“ Matthäus 3,17. Der angegebene Querverweis bezieht sich auf Jesaia 42,1: „Seht, mein Knecht, den ich stütze, mein Erwählter, an dem ich mein Wohlgefallen habe! Ich lege meinen Geist auf ihn, dass er den Völkern die Wahrheit verkünde“.

Aus dem Zitat des christlichen Rahmens ist die Gottessohnschaft von Gott ausgesprochen und dies war für die entsprechende Dogmatik von Nicäa und Konstantinopel eine entscheidende Grundlage. Bei Jesaja der hebräischen Bibel lässt sich ein ganz anderer Rahmen festmachen. Es ging um die Befreiung der Israeliten aus dem babylonischen Exil und um eine diesbezügliche Zwiesprache des Propheten Jesaja mit Gott. Dabei sind uns zwei Lieder vom Gottesknecht überliefert. Den Beginn des ersten haben wir vernommen. Im Laufe dieser Zwiesprache Jesaja 48,12 f wird klar, dass damit der Perserkönig Kyros gemeint ist. Kyros eroberte 539 v.u.Z. Babylonien und gestattete den Israeliten nicht nur die Rückkehr nach Palästina, sondern auch den Wiederaufbau ihres Tempels und war ihnen auch sonst sehr gewogen. Ein Anhänger der Zarathustra-Religion als Vorbild des Gottessohns? Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen und sprechen von einer Willkürlichkeit im Zitatenwesen des Neuen Testaments.

Der eigentliche und vornehmste Mythos des Neuen Testaments ist uns stillschweigend entgegengetreten, der des Gottessohnes. Gott liebte Kyros, den Perserkönig, einen Erwählten, der Gottes Willen vollzieht. Also keine Messias-Stelle des Alten Testaments! Aber die Kyros-Folie scheint für das Neue Testament schon Grund genug zu sein, den Anspruch der Gottessohnschaft zu belegen. Der Gottessohn wird nie als wortwörtliches Zitat aus der hebräischen Bibel, auch im prophetischen Sinne auszumachen sein. Gegen solche Vermenschlichung trat Moses auf den Berg Sinai seinem Volk entgegen. Er gab ihm den Entwurf einer strengen monotheistischen Religion. Die hebräische Bibel schrieb die Erfahrungen des jüdischen Menschen, des jüdischen Volkes mit seinem Gottesbegriff auf, also die Erfahrung des Menschen mit seinem Gott, wobei Moses als Erfahrung die Maßgabe auswies, dass es nur einen Gott gibt, vom dem man sich kein Bild machen darf. Und das sollte gerade die Buntheit dieser Erfahrung ermöglichen. Ein zu dogmatisierender Gottessohn ist im Horizont der jüdischen Religion nicht auszumachen. Nicht, dass in der jüdischen Religion keine Mythen anzutreffen wären, aber gerade mit dem Mythos des Gottessohns tat sich die Geschichte der jüdischen Religion immer schwer, weil er vorzugsweise feindlichen Religionen angehört, insbesondere der Isis- und Osiris-Religion Ägyptens und der Adonis-Religion Syriens. In dieser Hinsicht kommen vor allem die hellenistischen Einflüsse auf das Neue Testament zum Zuge. Es sollte gerade die Dionysos-Religion sein, die dem Christentum sein Zentrum gab. 

Den Verfassern des Neuen Testaments ist ein großes schriftstellerisches Raffinement nicht abzusprechen, diese skandalhafte Verbindung unterbelichtet zu halten. Schon in der Dionysos-Religion zeigte sich ein großes Erneuerungs- und Auferstehungsbedürfnis des Menschen. Fleisch und Blut des sich opfernden Gottes wurde zum Heil der Menschen in Brot und Wein verwandelt, das sie genießen konnten, um am Göttlichen teilzuhaben. Gegen so etwas hat Moses nicht nur seine Gesetze am Berg Sinai geschrieben, sondern jederzeit gesagt, dass dies ein Gräuel im Angesicht Gottes wäre – Kannibalismus.

„Da sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des neuen Testaments, welches vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden“ Matthäus 26,26-28. Also, der Mythos des sich opfernden Gottes, der das Heil bringt, die Auferstehung, die Erneuerung. In der Dionysos-Religion sah es etwas anders aus. Die Fruchtbarkeit von Mensch und Natur stand im Vordergrund, sicherlich auch die Bewältigung von Leben und Tod, aber bei Matthäus ist etwas quergeschoben, nämlich der seltsame Umstand, dass der Gottessohn sein Opfer vor dem Opfertod feiert. Ist das Geheimnis des sogenannten „Letzten Abendmahls“ eine Verdeckung des Umstandes, dass, wenn es nach der Auferstehung gefeiert worden wäre, einem jede Verbindung mit der Dionysos-Religion ins Auge gefallen wäre? War es ein schriftstellerischer Trick? Ja, es war einer. Nein, es war keiner, weil er die seltsame Scham des Menschen vor diesen Vorgängen bekunden musste.

Hier sind wir am Fundament des Mythos angelangt. Die Mythen geben die Bilder des Menschen; von seinem Triebleben und seiner Vernunft, von seinem individuellen Leben und seiner Gesellschaftlichkeit, von seiner Realität und seiner Wirklichkeit. Und gerade das Und, das zwischen diesen Begriffen immer auftaucht, ist zugleich Grund des Bruches zwischen ihnen. Die Begriffe die den Menschen so wichtig sind, sind verbunden und doch getrennt. Davon kündet der Mythos. Gott schafft die Welt, damit trennt er sich von seiner Schöpfung. Er verbindet sich wieder mit ihr durch den Opfertod seines Sohnes, von dem er sich trennt. Durch diese Erlösungstat verbindet er sich wieder mit Mensch, Natur und Kosmos, um sich beim Jüngsten Gericht wieder in Teilen von ihr zu trennen. Doch wo ist die Vernunft? Wenn ich nach der Vernunft in der Theologie frage, muss ich zugleich nicht nur nach der Vernunft des Menschen fragen, sondern vielmehr nach der Vernunft seines Trieblebens. Dieses erzeugt die Bilder seines Lebens, die wir Mythen nennen.

Die Dramen des antiken Theater zeigten den Menschen im Spannungsbogen seines Trieblebens und seiner Sittlichkeit, seines Menschseins und seiner Suche nach dem Göttlichen. Sie zeigten sein Schicksal, das sich aus dem Spannungsbogen ergab, und das Sich-Erkennen des antiken Zuschauers im antiken Drama.

Dieses brachte die Katharsis, die Reinigung, die Befreiung vom inneren Druck, die Erlösung. Sich aussprechen zu können, ist eine Grundfiguration der Reinigung, eine Befreiung vom Druck. „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt, gab mir ein Gott zu sagen wie ich leide“ (Goethe: Torquato Tasso).

Wir haben noch kein Verständnis vom Triebleben des Menschen gewonnen, aber jetzt können wir schon sagen, dass die Darstellung von Mythen in Schrift, Theater und Kult diese Reinigungsfunktion hat und diesen Erlösungscharakter besitzt. Und dies geschah nicht nur im griechischen Theater oder bei den Eleusinischen Mysterien, sondern es geschah auch im Nachvollzug des 26. Kapitels von Matthäus, Vers 26-28. Wir erblicken auf einmal in der christlichen Religion das allgemein Menschliche in der jeweiligen Sprache seiner jeweiligen Kultur. Es ist nicht ein X-beliebiges oder ein Verlogenes was da zur Sprache kommt, kein Firlefanz oder ein Theologen-Märchen. Es ist die Besprechung einer menschlichen Grundstruktur, die zu einer gotthaften Sprache erhoben wird: dem Dionysos gemäß. „Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und will aussprechen die Heimlichkeiten vom Anfang der Welt“.

Was haben sich die Leute in den letzten 200 Jahren über die Jungfrauengeburt Mariens die Mäuler zerrissen. Zum Verständnis ist zu sagen:

-         Die Gottgleichheit Christi wurde 325 in Nicäa und 381 in Konstantinopel festgelegt,

-         die Gottesmutterschaft 431 am Konzil von Ephesus; dies spricht die übernatürliche Zeugung Christi aus, Christus ist von der Jungfrau Maria geboren worden.

-         1854 wurde das Dogma der unbefleckten Empfängnis Marias verkündet, also: Auch Maria ist ohne Erbsünde gezeugt worden.

-         1950 wurde die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel zum Dogma erhoben. 

In der christlichen Theologie sind die letzten beiden Dogmen nur noch Christus zugestanden worden. Demeter lässt grüßen. Ist das dem Dionysos gemäß? Ja, weil der damalige theatralische Prunk der Verkündigung der Dogmen noch Heerscharen von Gläubigen erschütterte. Aber sind das nicht vergangene Zeiten? Ein allzu spätes Wiederaufnehmen mittelalterlicher Kultur? Würde nicht das nichtkatholische Christentum vor den Kopf gestoßen durch das Fremdartige, das mehr an altgriechische Mysterien gemahnt, als einen Versuch, moderne christliche Theologie zu begründen? Und das nach Nikolaus von Kues!

Wir kommen zu den schönen Weihnachtsbildern des Lukas-Evangeliums, die die Menschen, bislang wenigstens, immer wieder berührt haben. Das Naturhafte, das Einfache und doch Erhabene berührte Menschen immer auf irgendeine Weise, selbst wenn sie sich nicht christlich oder religiös verstanden. Doch Sentimentalität beiseite. Als der Engel zu Maria trat und sie im Geiste Gottes schwängerte, sprach sie folgende Worte.

„Meine Seele erhebet den Herrn,

Und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilands;

Denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“.

Bei dieser Stelle habe ich mich immer gewundert, denn die christlich-theologische Bezeichnung für Christus ist der „Soter“, auf Deutsch „der Heiland“. So, jetzt denken wir mal nach: „Meine Seele erhebet den Herrn“ – seltsam – „und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilands“ – damit ist doch der Sohn gemeint! Das ist nur durch die Dionysos-Religion zu begreifen, denn hier spricht Ariadne, die sich mit Dionysos vermählt, „denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen“.

Ganz interessant ist es hier vielleicht, die Legende über die Geburt Buddhas anzufügen. Historisch gesichert ist, dass Buddha um 560 v.u.Z. geboren wurde:

„In seiner vorhergehenden Existenz in Tuschitahimmel ließ der Erleuchtete seinen Blick suchend über die Erde schweifen: Nur ein König und eine Königin waren würdig, ihn wiederzuverkörpern. Er wählte Maja, die Gattin des Königs Schuddhodana. Diese legte anlässlich eines Festes ein Keuschheitsgelübde ab; in der folgenden Nacht träumte sie, ein weißer Elefant sei in ihre Seite eingedrungen. Nach zehn Mondmonaten gebar sie im Haine des Dorfes Lumbini ihren Sohn, der nicht von seinem Vater gezeugt worden war. Kurz nach der Geburt starb Maja.“

Man hat dem Christentum immer vorgeworfen, das Triebleben zu unterdrücken. Da ist viel Wahres dran. Aber wenn ich mir die verhüllte Triebhaftigkeit der Lukas-Passage ansehe, dann stutze ich. Gott-Vater, Gott-Sohn, Göttin-Mutter, Sohn als Erwecker der Magd, rein gezeugt, leibhaftig in den Himmel aufgenommen? Das alles purzelt durchs Hirn. Dem Dionysos gemäß?

Übrigens, literarisch gesehen sind die Schriften des Neuen Testaments jedem Werk ihrer Zeit in gewissen Hinsichten ebenbürtig. Wichtiger jedoch ist, dass solche Passagen 1500 Jahre unserer Kultur mitprägten. Sie prägten sie, weil sie Mythen darstellen, Sehnsüchte des Menschen, sich im Spannungsbogen zwischen Geburt, Zeugung und Tod zu finden, und sie boten sich an, weil Menschen die Bereitschaft in sich haben, Welt mythisch zu erblicken. Religionen können totgeschlagen werden, diese Bereitschaft des Menschen nie.

Manuel Tögel

 
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