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Gilt für den Zufall das
Gleiche wie für das Schicksal? Schicksal kommt von Geschick. Wer aber
schickt es? Hebbel sagt: Das entsteigt der Brust des Menschen. Das ist eine
große Antwort auf eine gewichtige Frage, denn von dieser hängt sehr viel
ab. Das Leben und seine Gestaltung sind davon betroffen. Wie frei kann ich
mein Leben gestalten, wenn es im Schicksal eingebettet ist und von Zufällen
erschüttert wird? Sind die so genannten Umstände, die unser Leben in eine
Bahn zwingen, nicht gewichtiger als der Wille des Menschen, sein Leben frei
zu gestalten? Beginnt denn nicht das Leben jedes Menschen mit dem Zufall der
Geburt, dem Hineingestoßenwerden in Verhältnisse, die das Leben fortan
bestimmen werden? Ist das nicht das Ausschlaggebende?
Was die Frage des
Schicksals betrifft, gibt es im Grunde genommen zwei Theorien, die die
abendländische Geschichte durchgeistern. Die eine Theorie, vor allem von
Augustinus und Luther vertreten, lautet: Das Leben ist vorherbestimmt im
Plane Gottes. Gegen diese Vorherbestimmung kann der Mensch nichts anderes
machen, als sie geduldig auszuleben. Diese Ethik ist in der abendländischen
Welt über weite Strecken bestimmend gewesen und sie hat auch heute noch
eine Bedeutung. Denken Sie z.B. an den Spruch: „Das Leiden geduldig
ertragen“. Das wird häufiger gesagt und manchmal scheint es mir, als ob
eine Zynik daraus hervortritt. Ich glaube, die Theorie der Vorherbestimmung
wäre nur dann sinnvoll anzunehmen, wenn es dem Menschen möglich wäre, den
Sinn von Leid in jeder Hinsicht zu erfassen. Das können wir aber höchstens
in einem eingeschränkten Maße.
Ich habe schon von der
Geduld dem Leiden gegenüber gesprochen. Dies verbietet allerdings, hinter
jedem Leiden einen Sinn zu sehen. Welches Leid ist denn genau genommen
produktiv für die Entwicklung? Vielleicht reift der Mensch am Leid, aber
das merkt er höchstens im Nachhinein. Doch nicht immer gibt das Leiden die
Möglichkeit der Entwicklung und der Reife. Denken Sie an das Kind, das
leidet. Im Grunde genommen wird gerade in diesen Situationen das Leiden
traumatisch, eine Wunde, die eben nicht verheilt, die auch einen
Reifungsprozess zu blockieren vermag. Ich könnte viele Beispiele geben, an
denen wir sehen können, dass Leid eben nicht mit Sinn verbunden ist, nicht
unbedingt produktiver Faktor der menschlichen Entwicklung sein kann. Die
Vorherbestimmung des menschlichen Lebens, wie es verläuft, wie es gestaltet
wird in einem Schöpfungsplan, in einem Plan der Weltseele, ist eine
problematische Angelegenheit, sei es in einem wie auch immer zu denkenden
Allwirken oder in Gott. Der Unterschied zwischen beiden ist schwierig, denn
wir gehen ja von dem Gedanken aus, dass, wenn es Gott gibt, jeder Begriff,
jede Bestimmung von ihm unzureichend ist. Trotzdem ist der Name Gottes für
das, was wir glauben und empfinden, wohl der Name, der dem am nächsten
kommt.
Die andere Theorie ist,
dass der Mensch als Individuum, als schöpferisches Wesen sein Leben durchgängig
selbst zu gestalten vermag, aus der Vernunft, dem Selbstbewusstsein und aus
der Bildung heraus, aus seiner Geistigkeit und seiner Menschlichkeit. Diese
Theorie wurde vor allem durch Erasmus von Rotterdam und den Humanisten der
Neuzeit vertreten. Aus dem freien Willen heraus Leben gestalten zu können,
Leben in Freiheit zu leben, auch dieser Theorie kann man mit Skepsis
begegnen, denn der Erwerb der Vernunft, der Erwerb der Bildung ist allemal
von Umständen und äußeren Gegebenheiten abhängig. Denken Sie an die
Generation, die 1939 vielleicht gerade ihr Abitur machte. Ähnliches werden
Sie bei der Generation von 1914 sehen, die gerade in ihrer Bildung stand.
Welche Möglichkeiten hatten sie? Hat ihnen nicht die Zeit, in der sie
lebten, vieles von den Möglichkeiten genommen, sich zu entfalten, Leben zu
gestalten? Das war sicher auch eine finanzielle Angelegenheit, aber nicht
nur. Möglichkeiten der Entfaltung sind einfach zerstört worden.
Entwicklung braucht auch einen Schutz, gerade beim Kind und beim
Jugendlichen, aber auch sonst. Entwicklung muss begleitet, betreut werden,
und diese Begleitung, diese Betreuung bedarf auch einer finanziellen
Absicherung und bedarf des äußeren Schutzes. Die Nöte und die Sorgen des
Alltäglichen müssen doch etwas weggehalten werden, damit der Mensch sich
dem Geistigen zuwenden kann, im umfassenden Sinne der Muse. Ja, das Musische
im weiten Sinne bedarf auch der Ruhe, nicht der quälenden Sorge: Woher
kommt das tägliche Brot? Es gibt wenig Menschen, auch in der Geschichte der
Kunst, die, obwohl sie nicht wussten, was esse ich heute, trotzdem schöpferisch
gewesen sind. Das sind eigentlich genaugenommen die großen Ausnahmen.
Kunst im Allgemeinen, auch
das Schöpferische des Menschen, bedarf eines Schutzes. Sie sehen darin,
dass beide Theorien vom Zufall und vom Schicksal, die der Vorherbestimmung
und die des freien Willens, im Grunde genommen nicht ganz so griffig sind.
Was aber stimmt? Wo leben wir? Was prägt uns? Ist gar der Zufall etwas, das
mit dem Schicksal zu tun hat? Der Zufall, und da ist die Sprache sehr genau,
deutet auf das zufallende, das Gegebene, aber nicht von einer bestimmten
Person, sondern von einem Geschick. Aber Geschick und Vorsehung sind
ungenaue Ausdrücke, sehr ungenaue, denn sie sind eigentlich nur zu denken
durch einen genaueren Bezug des Menschen zu Gott. Erst dann können diese
Begriffe ihren Sinn haben. Aber nichtsdestotrotz wird damit das Ganze
schwerer zu verstehen.
Gibt es überhaupt eine
Antwort auf diese Frage? Zufall, Schicksal, entstammen sie menschlicher
Brust? Übernimmt sich der Mensch nicht, wenn er sich dieser Frage nähert
und eine Antwort geben will? Ist das nicht die Antwort nach dem Sinn des
Weltgeschehens, die Antwort, die den Sinn des Seins freilegt? Die
Philosophie hat das immer gerne getan, Weltzusammenhänge, Menschliches im
umfassenden Sinne, in einen Sinn zu fassen,
ein ganzes Weltumspannendes zu geben, das alles enthält, aus dem
heraus alles sinnvoll ist. Aus diesem Stoff werden Systeme gestaltet.
Systeme sind immer in einer jeweiligen Zeit entstanden, sind in der Sprache
der Zeit gefasst und haben darin ihre Geltung. Sie weisen sicherlich darüber
hinaus, doch haftet ihnen auch immer im Zuge der Zeit etwas Unmodernes an.
So hatte das 19. Jahrhundert das Systemdenken des großen deutschen
Idealismus satt. Man wollte sich wieder den Einzeldingen der Natur zuwenden,
und sie eben nicht aus der Brille des Systems sehen. Aus diesen
Einstellungen entstand viel Produktives. Der ungeheure Aufschwung des
Technisch-Praktischen, der Naturwissenschaft, die Ausbeutung der Ressourcen
der Welt, ist nicht zuletzt daraus zu verstehen, dass man systemmüde war.
Wir leben wieder in einer
Zeit, die auch systemmüde ist. Es gibt kein gültiges System eines
Philosophen unserer Tage, das Sinn stiftet in jeder Hinsicht. Wir können
sagen, das ist gut so, und trotzdem fehlt uns etwas: die Möglichkeit, die
Dinge systematisch betrachten zu können, sie eintragen zu können in eine
Ordnung. Die Dinge, die Erscheinungen, bleiben alle irgendwie vereinzelt.
Das ist ein Dilemma, denn der Mensch sucht meines Erachtens von Hause aus
nach Sinn. Das braucht er. Auch wenn der Sinn in der Entwicklung des
Menschen sich nicht immer als der Gleiche erweist, vielleicht durch einen
anderen ersetzt wird, ist es doch der Sinn im Allgemeinen, den der Mensch
braucht, um leben zu können. Wenn der Sinn auch nicht alles umfassen kann,
so umfasst er doch manches, was wesentlich ist. Vielleicht hat man den
Fehler gemacht, die philosophischen Systeme allzu wörtlich zu nehmen –
wortwörtlich, gleichsam als seien sie neue Testamente, die die Welt und
alles, was sie umspannt, abdecken. Vielleicht hat man vergessen, dass sie
gesprächsweise Entwürfe waren. Entwürfe, Welt und Mensch denken zu können.
Das ist wichtig. Heute spricht man vom Ende der Philosophie. Seit einigen
Jahrzehnten geistert dieser Ausdruck durch die kulturkritischen Journale.
Das Ende der Philosophie ist allenthalben zu sehen und zu verspüren. Die
fehlenden Wertmaßstäbe bei der Betrachtung moderner Kunst oder politischer
Phänomene sprechen genauso Bände, wie die Hilflosigkeit, seelischen
Erscheinungen begegnen zu können.
Die Möglichkeit, Dinge in
ihrer Einheit zu betrachten, in ihrem Bezug zu einem Einheitlichen, scheint
uns abhanden gekommen zu sein. Am deutlichsten, darauf mache ich gerne
aufmerksam, merken wir dies bei Nietzsches „Letztem Menschen“. Nietzsche
hat nicht die Philosophie zerstört, er hat einen neuen Entwurf gegeben,
einen neuen Entwurf, den Menschen zu denken. Das ist vielfach missverstanden
worden, aber vielleicht ist das, was er gegeben hat, an einer Stelle
wesentlich. Es gibt keinen Denker unserer Nation, der so entschieden die
moderne Welt gesehen, kritisiert, analysiert hat, wie eben Nietzsche. Der
letzte Mensch ist doch derjenige, der sich von seinem Menschsein
verabschiedet hat, gerade weil er die Frage stellt: Was ist Sehnsucht, was
ist Liebe, was ist Hoffnung? Er kann damit nichts mehr anfangen, aber er
stellt wenigstens die Frage. Mir scheint dass wir in einer Zeit leben, in
der nicht einmal mehr diese Frage gestellt wird, die Frage nach der
Hoffnung, der Sehnsucht. Brauchen wir nicht Bilder des Lebens, um hoffen zu
können, um Sehnsucht in uns zu verspüren? Brauchen wir nicht Denkweisen,
Glaubensweisen, damit überhaupt so etwas möglich ist wie Hoffnung und
Sehnsucht? Ist der Gedanke, dass das Schicksal der menschlichen Brust
entsteigt, nicht vielleicht ein Gedanke des 19. Jahrhunderts, der seine
Kraft, sein Leben angesichts des unseren längst verloren hat? Wie weit
gestaltet eigentlich der Mensch sein Leben? Aus der Unterhaltung heraus? Ein
Gedanke, der sich sehr stark aufdrängt. Geht der Mensch nicht auf seinem
Wege der vollen Unterhaltung entgegen? Das sind etwas trübe Aussichten.
Religionen haben in unserer Zeit, in unserer Kultur, die sich abendländisch
verstehen will, sicherlich an Ausstrahlung verloren. Sie haben sie nicht
zuletzt deshalb verloren, weil der Bezug des Menschen zu einem Absoluten längst
relativiert wurde.
Sind Sehnsucht und Hoffnung
nur möglich durch den Blick des Menschen auf ein Absolutes? Es braucht
nicht das Absolute zu sein, das für alle verbindlich ist, an das alle
glauben müssen, aber es muss in irgendeiner Form in meiner Seele
aufleuchten, ein unbedingt Gültiges sein. Dies ist die deutsche Übersetzung
des Absoluten, nicht wortwörtlich, aber im Übertragenen. Haben wir von
einem unbedingt Gültigen, von einem Absoluten in unserer Geschichte, in der
politischen, der menschlichen, der geistigen nicht längst schon Abstand
genommen? Hat der Gang des Menschen zur Freiheit nicht zugleich zur Folge,
auf das Absolute verzichten zu müssen, um möglichst frei und ungebunden zu
sein? Wir wollen hier nicht über die Freiheit sprechen. Wenn für jeden
Menschen der gleiche absolute Wert gültig sein soll, kann es keine
uneingeschränkte Freiheit für jeden Einzelnen geben. Trotzdem, ich glaube,
der Mensch braucht diesen Halt, er braucht dieses Absolute, dieses unbedingt
Gültige – für sich! Nicht als etwas, das für alle gleich sein muss, das
sie vereinheitlicht, „um Mensch zu sein“. Nein. Das Absolute stellt sich
für jeden einzelnen anders dar. Aber es ist für ihn gültiger Sinngehalt.
Der scheint mir notwendig. Denn es gibt keinen relativen Sinn. Sinn gibt es
nur in Bezügen, die gelten. Erst in diesen geltenden Bezügen kann der
Mensch Halt finden. Den braucht er auch, um sein Lebensschiff zu steuern in
wilder See. Und die See ist oftmals wild. Halt ist notwendig, doch wo wird
er geboten in dieser unserer Gesellschaft, im „Lebensstandard“, der
Karriere, im Profit?
Aber das sind in der Tat
vergänglich Werte, denn dahinter steht die echte Haltlosigkeit. Ein
seltsames Phänomen, denn im Grunde genommen gibt der reine Gewinn, das
Gewinnorientiertsein, eben nicht den versprochenen Halt. Dahinter muss etwas
anderes stehen, sonst verliert der Mensch schnell sein Gesicht.
Der Verlust von Gesichtern
ist etwas, das wir fast tagtäglich sehen können. Gesichtslosigkeit ist
auch immer ein Zeichen der Haltlosigkeit. Die Politik spricht da Bände. Ich
glaube, wir müssen uns auf den Weg machen, das zu suchen, was für uns Sinn
hat. Jeder Einzelne braucht Halt, um zu leben, zu entwerfen, zu gestalten.
Ich sprach von den beiden Theorien der Lebenssicht: Der Theorie des
Vorherbestimmten und der Theorie des freien Willens. Es gibt eine dritte Möglichkeit,
nämlich, dass der Mensch in sich die Notwendigkeit verspürt, sich auf den
Weg zu machen, Sinn und Leben zu suchen, selbst zu entwerfen, auch wenn es
nicht immer geht, selbst wenn er versagt, enttäuscht wird, verzweifelt. Und
doch, dieser Weg, Sinn zu suchen, ist wesentlich und wichtig. Und schauen
Sie, alle Entwürfe des Lebens gibt es in Angeboten, Angeboten des Erbes und
der Vergangenheit, aber sie können nie als solche genommen und aus dem Born
der Tiefe geholt werden, wenn sie nicht zugleich umgestaltet werden als Entwürfe
des jetzigen Lebens. Rezepte enthalten eine Vergangenheit, nie aber Schätze,
die der Mensch gleichsam ummünzen muss, um ein Morgen zu gewinnen, eine
Zukunft im Blick zu haben. Das ist es, was wir vielleicht in dieser unserer
Zeit vergessen haben. Es gibt, und das ist ja das Interessante,
augenblicklich nicht nur kein gültiges, kein allgemein anerkanntes
philosophisches und damit ethisches System, es gibt gar keines mehr. Aber es
gibt auch keine Gesellschaftstheorie mehr. Eine ganz wichtige Angelegenheit.
Die letzten Jahrhunderte haben immer davon gelebt, eine Anzahl von Entwürfen
zu haben, in denen eine Gesellschaft von morgen ins Auge gefasst wird. Das
gibt es nicht mehr, und die Entwürfe, die vielleicht noch vorhanden sind,
sind mehr als angekränkelt. Wichtig ist aber daran eines: Wir müssen ein
Morgen entwerfen, wir müssen auch Vorstellungen des Zusammenlebens haben.
Das ist ja das, was die Bilder des Lebens ausmacht.
Eine Sehnsucht geht nie in
das Vergangene, sie nimmt Vergangenes auf, um sie in einem Morgen, in einer
Zukunft erwarten zu können. Dies ist der Genius des Geistes, aus dem
Vergangenen zu leben, weil es in einem Zukünftigen erwartet wird. Zufall
und Schicksal – entstammen sie der menschlichen Brust? Das war die Frage.
Der Horizont der Antwort könnte lauten, dass vieles von dem, was Schicksal
ist, auch in eigener Regie liegen könnte. Nicht alles, nicht jedes, denn
Sinn in allem zu sehen und zu suchen ist bestimmt nicht richtig. Das Leiden
des Menschen zeigt es und deutet es an. Aber doch ist manches dem Menschen möglich.
Seinen Charakter wird er wohl sicherlich nicht ändern können, aber einige
Ecken und Kanten können auch ein wenig abgeschliffen werden. Das täte
manchen Menschen gut und es geht auch. Der Charakter ist immer ein
Wesenszug, ein Eigentümliches eines jeden. Er gehört sicherlich zum
menschlichen Eigentum, das zu schützen ist. Aber manchmal kann ein
Charakter auswuchern, und das tut nicht gut. Mit dem Begriff des Charakters
sehen Sie schon die Schwierigkeiten der Beantwortung. Eine Lösung enthalten
sie nicht, aber sie geben zu denken. Das Schicksal zeigt etwas: Es zeigt die
Gebundenheit des Menschen an die Zeit und in der Zeit, in der er lebt.
Zugleich aber auch das, was als Zeit in ihm angelegt ist, das er entwerfen
kann. Insofern entsteigt das Schicksal der menschlichen Brust. Der Zufall
ist das Eingebundensein in einem Höheren, das uns zuerst gar nicht
durchsichtig ist, das aber bei der näheren Betrachtung Sinn birgt, den es
zu suchen gilt, um den Halt zu erlangen.
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