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Vom Wandel des Wissens                          am Beispiel der Kunstgeschichte

 

Manuel Tögel

Dass Wissen sich wandelt, verändert, umgestaltet, erweitert, verengt und erneuert, gehört zum Bestand unserer Erfahrung. Wir können das deutlich an dem sehen, was Allgemeinbildung heißt. Das 19. Jahrhundert hatte eine ganz andere Vorstellung davon als das 20., ja selbst Jahrzehntegruppen innerhalb beider Epochen ließen Unterschiede erkennen. Dass dies mit der immer rasanter werdenden Entwicklung in Naturwissenschaft und Technik zu tun hat, versteht sich von selbst. Dass aber auch die Betrachtungsweisen dessen, was zur großen Literatur und Malerei gehört sich stets verändern, ist unserem Bewusstsein nicht so geläufig. Für das 19. Jahrhundert mögen Gustav Freytag, 1816-1895, und die Künstler der Historienmalerei stehen, für das 20. Paul Heyse, 1830-1914, 1910 Literaturnobelpreis, und die Neue Sachlichkeit. In allen vier Fällen hat das jeweilige Zeitbewusstsein Größe und Bedeutung der Werke für Literatur und Kunst betont, der Gang der Zeit hat es aber geschehen lassen, dass einiges total vergessen, zur Nebensache gemacht oder wieder neu bewertet wurde. Dies ging vielen Einschätzungen und Beurteilungen nicht anders. 

Besonders schön kann der Wandel des Wissens am Begriff „Europa“ illustriert werden. Seinen mythologischen Ausgang fand er in der Entführung der kleinasiatischen Königstochter Europa durch den Göttervater Zeus in Gestalt eines Stieres nach Kreta. Bei Herodot, 5. Jahrhundert v.Chr., tritt die Bezeichnung „Europa“ in zweifacher Form auf, zum einen als der Name einer mittelgriechischen Landschaft und zum anderen als Name eines der drei damals bekannten Erdteile: Libyen (Afrika), Asien und Europa. Letzteres reichte nach den damaligen Vorstellungen von Gibraltar bis zum Schwarzen Meer. Eine nördliche Begrenzung war weitgehend unbekannt. 

Bei den Römern war die Erdteilbestimmung der alten Griechen nicht mehr präsent. Der Name „Europa“ wurde wieder auf ein Gebiet Griechenlands reduziert: auf Trakien. Durch den Sieg Karl Martells über die Araber bei Tours und Poitiers 732 wurde der Name Europäer auf die fränkischen Krieger übertragen, um fortan im Dunstkreis der Reiche Karls des Großen zu bleiben. Im Mittelalter trat der Begriff Europa fast ganz zugunsten des der „christlichen Welt“ zurück, wobei die Zugehörigkeit der östlichen, byzantinisch geprägten Länder, immer umstritten war. Mit dem Fall von Konstantinopel durch die Osmanen 1453 wurde der Begriff „Europa“ wieder aktuell, um sich letztlich auf den westlichen Teil des Kontinents zu beschränken. 

Wenn der Ausspruch des Fürsten Metternich, dass östlich der Simmeringer Landstraße (einem Vorort Wiens zugehörend) Asien begann, vielleicht nicht ganz so ernst gemeint war, verriet er doch ein Bewusstsein, das die europäische Kultur auf die westliche Hemisphäre allein bezogen wissen wollte. Dazu gehört auch die Gesinnung des großen deutschen Historikers Leopold von Ranke, 1795-1886, der die europäische Geschichte aus dem Verhältnis der romanischen zu den germanischen Völkern verstand und entwickelte und somit die slawische Welt außen vor ließ. Dazu passend ist Rankes Ausspruch von 1824: „In der Tat gehen uns New York und Lima näher an als Kiew und Smolensk“. Abschließend dazu könnte man annehmen, dass sich bis Konrad Adenauer an dieser Sichtweise nicht viel geändert hatte. 

Ein weiteres, nicht weniger bedeutsames Beispiel für den Wandel des Wissens ist unsere Kenntnis über die Kelten. Nicht zuletzt durch die Ausgrabungen am Glauberg – wir haben dann später die große Keltenausstellung in Frankfurt besichtigen können – haben sich seit etwa 1990 grundlegende Neueinsichten über die Geschichte nicht nur Mitteleuropas 800 v.Chr. bis 100 n.Chr. ergeben. So können die unzähligen, zum Teil äußerst kostbaren und kunstvollen Grabungsfunde, die zuvor der etwas abstrakten der Hallstein- und der Latenézeit zugerechnet wurden, nunmehr den keltischen Völkern zugeschrieben werden. Somit können die Kelten als unsere ersten historische feststellbaren Vorfahren betrachten. 

Überhaupt stellt der Zeiteinschnitt um 1990 eine bedeutendere Zäsur dar, als wir bislang annahmen. Ganz gewiss ist aus noch zu bedenkenden Gründen eine freiere Sichtweite gewonnen worden, die sich nicht nur auf die Archäologie, sondern auch auf Geschichte und Kunst erstreckt. Vielleicht mag an erster Stelle die allmählich historisch sich verstärkende Einsicht stehen, dass das Heilige römische Reich nie das der deutschen Nation hieß. Es war vor allem das Werk deutscher Historiker des 19. Jahrhundert, das mit Beginn der Ostfränkischen Herrscher 911 eine deutsche Geschichte verfassen musste. Dies ist mittlerweile Zug um Zug korrigiert worden. Es hat sich halt nie eine Urkunde oder ein Dokument finden lassen, dass im Alten Reich der Titel eines deutschen Königs oder deutschen Kaisers geführt wurde. Damit hatten wir uns schon an anderer Stelle beschäftigt. 

Aber es gab seit 1990 noch eine ganze Reihe weiterer, vor allem die Kunstgeschichte berührende Neubewertungen. Zunächst einmal stand die altvertraute Epocheneinteilung in ihrer Gefälligkeit zur Disposition: also Vorromanik, Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus, Historismus, Jugendstil und die vom Bauhaus herkommende Moderne. In den neuesten Forschungen, die meistens bei der Wissenschaftlichen Buchgemeinschaft Darmstadt erschienen sind, werden die einst als sicher geglaubten Begriffsbestimmungen der Kunstgeschichte in Frage gestellt und zum Teil neu bedacht und modifiziert. Ein Grund für die Neubewertung lag im Vergleich der Kunstentwicklungen, die die einzelnen europäischen Territorien erfahren haben. Dabei kamen nicht nur die großen Unterschiede im Kunstbewusstsein der jeweiligen Länder zur Sprache, sondern auch die Differenzen, die in den verschiedenen Regionen dieser Länder festzustellen sind. Einig ist man sich darin, dass die mittelalterliche Kunst mit der Karolinik beginnt. Wie weit diese dem Sammelbegriff der Vorromanik zuzuordnen ist, ist zweifelhaft geworden. Kann man die karolingische Kunst als einen großen Versuch ansehen, antike Formen mit fränkischen Elementen zu verbinden oder ist sie als eine bloße Fortschreibung spätantiker Kunstsprache zu verstehen? Die heutige Forschung ist sich hierin nicht mehr einig. Vielleicht nicht zuletzt dadurch, dass die europaweit verheerenden Verwüstungen durch Ungarn, Wikinger und Sarazenen allzu wenig von der Epoche übrig ließen und spätere Zeiten allzu viel umgestalteten. 

In Südhessen, das die größte Dichte karolingischer Bauwerke aufweist, lassen sich die besagten Probleme anschaulich erörtern und eine allzu schnelle Einordnung in kunstgeschichtliche Rubriken in Frage stellen: Die Karolinik als ein Fragment? 

Auch mit dem Kunstschaffen im Zeitalter der Ottonischen Kaiser ist es letztlich nicht besser bestellt, obwohl mit ihm vom eigentlichen Epochenbeginn der Romanik auszugehen ist. Aber auch das ist mittlerweile umstritten. So ist es eben mit den Neubewertungen, alles scheint in Fluss geraten zu sein. Ich bin indes der Ansicht, dass Grundbestimmungen und Grundeinteilungen in Geschichte und Kunst weiterhin notwendig sind, um sich zu orientieren und vor allem um einen kritischen Blick zu bewahren, der in der Lage ist, Neubewertungen zu hinterfragen. Für mich steht fest, dass Karolinik und Ottonik aus der Spätantike all die Grundelemente entnommen haben, die für die Ausbildung der mittelalterlichen Kunst bestimmend sein sollten. 

Eines waren sie aber nicht in der Lage zu entwickeln: den großen Gewölbebau. Dies blieb dem Zeitalter der salischen Kaiser vorbehalten. Europaweit gingen von drei Standorten mächtige Impulse aus: dem Kaiserdom zu Speyer, der Abteikirche zu Cluny und der Kathedrale zu Durban. Gerade die letztere hat durch die Verwendung von Kreuzrippengewölben und der verdeckten Strebepfeiler zu einer Neubewertung der einstmals sicheren Unterscheidungsmerkmale zwischen Romanik und Gotik geführt, denn der um 1100 vollendeten nordenglischen Kirche fehlt nur eines, was sie als gotischen Bau ausweisen könnte: der Spitzbogen. 

Doch dieser war in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts in der normannischen Architektur genau so zu Hause, wie in der burgundischen. Dort ist es nicht selten der Fall, dass eine untere Reihe der Bögen „gotisch spitz“ und die obere Reihe „romanisch rund“ erscheint. Dies musste vielen Kunsthistorikern, die klare Unterscheidungsmerkmale haben wollten, entgangen sein. Aber nicht nur diese neue Unsicherheit kündet von einem Wandel des Wissens, sondern auch die Neubewertungen der Epochen selbst, die in ihren Hervorbringungen Parallelitäten, Ungleichzeitiges und Rückwärtsgewandtes, aber auch Fortschrittliches aufweisen. Um 1200 waren die Grundstrukturen der französischen Kathedralgotik gegeben und strebten ihrer Vollendung entgegen. In Deutschland erreichte die Spätromanik der Stauferzeit ihren Höhepunkt. Die Gleichzeitigkeit der Kathedrale zu Chartres und der Bau von Groß St. Martin zu Köln ist mehr als erstaunlich, denn sie birgt durchaus eine Ungleichzeitigkeit, die man sehr wohl als ein Motiv in der Kunstgeschichte nennen könnte. Als ein gutes Beispiel dafür mag das Jahr 1247 in Köln dienen, in dem die Grundsteinlegung des größten gotischen Doms genau so erfolgte, wie die Vollendung der letzten spätromanischen Kirche St. Kunibert. 

Wenn sich ab 1250 die gotische Bauweise als ein internationaler Stil durchzusetzen begann, so sind doch dessen nationale und regionale Ausformulierungen und Unterschiede beachtlich. Die individuelle Ausprägung eines Bauwerkes wird zu einem weiteren Motiv der Kunstgeschichte, das sich in nicht wenigen Fällen der Einordnung entzieht. Dies gilt unter anderem für die wenigen Beispiele der deutschen Frühgotik: die Elisabethenkirche in Marburg, die Liebfrauenkirche in Trier und das Zisterzienserkloster in Haina. 

Die Probleme, die Vergleiche des gotischen Stils der einzelnen Nationen und Regionen mit sich bringen, führen zu einer notwendigen Neubewertung der ganzen Epoche, die bis vor nicht allzu langer Zeit wesentlich einheitlicher beschrieben wurde. Wesentlich stärker betreffen die „neuen“ Unsicherheiten das Zeitalter der Renaissance. Wir alle haben gelernt, dass die Wiedergeburt der Antike im christlichen Geist – die bevorzugte Beschreibung dieser Epoche – zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Italien stattfand. Der Maler Massacio, der Architekt Brunellesci und der Bildhauer Donatello sind als die Initialkünstler angesehen worden. Der daran ansetzende Verlauf der Renaissance hat sich bis etwa 1550 gänzlich auf Italien beschränkt – ein Selbstverständnis für die bürgerliche Bildung. Bei keiner älteren Epoche der Kunstgeschichte ist der Verständnishorizont so ins Wanken geraten wie bei der Renaissance. Mit der Neuwürdigung der altniederländischen Malerei, die ab 1400 mit den Brüdern van Eyck, Hugo van Goes und Rogier van Weyden zu einer ungeahnten Höhe führte, wird mittlerweile deren maltechnische Perfektion als Voraussetzung der italienischen Malerei der Hochrenaissance angesehen. 

Bei der Architektur ist die Neubewertung noch wesentlich komplizierter. In Frankreich, Spanien und vor allem in England wurde noch weit im 16. Jahrhundert im gotischen Stil gebaut, während zur gleichen Zeit in Italien der Barock seiner vollen Entfaltung zustrebte. Während sich in Deutschland die Malerei mit Dürer, Grünewald, Holbein d.J., durchaus, wenn auch in einer anderen Kunstsprache, mit den italienischen Meisterwerken sich vergleichen lässt, ist in der Architektur kaum etwas vom „Neuen“ zu verspüren. Von einer Hand voll Ausnahmen abgesehen, ist die deutsche Renaissance mehr eine verquetschte Spätgotik, die sich ganz allmählich mit barocken Elementen angereichert hat, denn als ein eindeutig auszumachender Stil. Die eigentlich deutsche Renaissance ist eine gelungene Rezeption des italienischen Frühbarocks, wie es zum Beispiel das Werk von Elias Holl in Augsburg ansichtig macht. Und dann das Barock, die heutige Forschung ist mit ihren Erkenntnissen, was die Einteilung in Früh-, Hoch- und Spätbarock anbelangt, völlig durcheinander geraten. Durch die irrige Annahme, das Rokoko sei als die Spätphase des Barock zu verstehen – die Kunsthistoriker schienen gar nicht auf die Daten der Entstehung geachtet zu haben -, ist die Einteilungsskala völlig zusammengebrochen. 

Unser Wissen ist nicht nur im Wandel, sondern vielmehr ins Schwimmen geraten. Das ist eigentlich auch nichts Neues, ich erinnere mich noch an meine Schulzeit, in der der Jugendstil als geschmacklos und verachtenswert galt. Heute sehen wir diese in der Tat kurze Epoche als schöpferischen Übergang vom Historismus in die Moderne. Nicht wenige Biografien von Jugendstilkünstlern mündeten in das Bauhaus mit seiner diktatorischen Beherrschung der Kunst des 20. Jahrhunderts. Trotz alledem sehen wir zum Beispiel im Kunstschaffen der Nachkriegszeit, unter dem Begriff der „fünfziger Jahre“ aus Not geboren, mittlerweile eine beachtliche Leistung. Die Kunst dieser Zeit hatte in der Tat eine Ornamentik entwickelt, was immer als ein Zeichen für eine eigenständige Kunstepoche angesehen wurde. Wird es das heute noch? Und dann zum Schluss noch etwas Ungeheures, was den Wandel des Wissens nicht nur bezüglich der Kunstgeschichte betrifft: Die Revision des Historismus, also grob gesprochen, die Kunst des 19. Jahrhunderts. 

2005 erschien Professor Gottfried Kiesows Werk „Das verkannte Jahrhundert – Der Historismus am Beispiel Wiesbaden“. Eine völlig neue Denkrichtung und Anschauungsweise wurde darin freigelegt. Einst Verachtetes kann nunmehr in seiner künstlerischen Würde beachtet werden. Der Wandel des Wissens wird mit solch einer neuen Schau zum geistigen Abenteuer. Ich möchte mit Worten von Professor Kiesow enden: 

„Im 20. Jahrhundert wandte man sich mit dem Internationalen Stil der Neuen Sachlichkeit radikal von allen historischen Stilen ab. Gegen wir jetzt in der logischen Abfolge wieder einem neuen Historismus entgegen, wofür der Wunsch nach dem Wiedererstehen total verschwundener Bauten zu sprechen scheint?“ (Monumente 1/2-2008, S. 68) 

Ein kleiner Nachruf: 2008 wurde das von Friedrich Arnold Brockhaus 1808 begründete Konversationslexikon im Buchformat eingestellt! Eine Zäsur!

Manuel Tögel

 
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