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Verschwörung

Manuel Tögel

Für jeden historisch interessierten Menschen ist die Konfrontation mit einer Verschwörungstheorie immer mit etwas Grauen verbunden. Das liegt nicht zuletzt an der besonderen Mixtur, die halbe Wahrheiten, plausibel klingende Vermutungen und entlegene Vorstellungen miteinander verbinden, um eine reißerische Story in die Welt zu setzen, die von vielen Menschen begierig aufgesogen werden kann.  

Der heutige Büchermarkt quillt über  von solchen Erzeugnissen. Nichts kann phantastisch genug, nichts kann entlegen genug sein, um als vermeintliche Wahrheit verkauft werden zu können. Man fühlt sich unwillkürlich an die Reliquienverehrung erinnert. Zumindest wird in deren Arsenalen kräftig geplündert: so die Gesetzestafeln Moses, die Bundeslade oder auch der sogenannte Heilige Gral. Sie sollen jeweils weltbeherrschende Zauberkraft besitzen und manchmal jagen neue oder auch alte Nazis nach ihnen, oder auch Kommunisten, um ihre anrüchigen Ziele zu erreichen. Natürlich wissen das stets ehrliche Wissenschaftler mit Titanen-Kräften zu verhindern, um die Welt vor Schaden zu bewahren. 

Eine ganze Medienindustrie hat sich äußerst erfolgreich diesen Verschrobenheiten, ja Verrücktheiten angenommen. Beliebt sind dabei besonders die Templer und ihre vermeintlichen Schätze, unter denen sich vor allem einer verbirgt: der Heilige Gral, jenes Gefäß, das das Blut des gekreuzigten Jesus aufgefangen haben soll. Obwohl im Neuen Testament nichts davon steht, haben sich schon im Mittelalter romantische Ideen entwickelt, die sich um die Suche nach dem Heiligen Gral gruppierten. Seit der Artus-Sage und den Ritten der Tafelrunde, aber auch seit dem Parzival tauchen immer wieder entsprechende Geschichten auf, um im 19. Jahrhundert mit neuen Zusätzen versehen zu werden. Letztere wurden oftmals der Geschichte des Templerordens entnommen, um in abenteuerlichen Romanen Einzug zu finden. 

Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts tauchte eine „neue“ Lesart der Gralslegende auf. Der Gral, der das Blut Christi aufgenommen haben sollte, sei gar kein materielles Gefäß, sondern das weitervererbte Blut Jesu. Die Geschichte des Grals sei also gar nichts anderes als die der Kinder Jesu und deren Nachkommen, die natürlich immer wieder, durch die Kirche versteht sich, verfolgt worden seien und noch werden? Auf jeden Fall liegt hier eine besonders abseitige Verschwörungstheorie vor, auf die wir später noch zurück kommen. 

Es gehört zu den Besonderheiten unserer Zeit, dass sich mit Verschwörungstheorien gut Geld machen lässt. Grund genug, um sich mit den Ursachen und Strukturen solcher Theorien zu beschäftigen. Vieles kann dabei, unseres Rahmens wegen, nur erwähnt, kurz angesprochen oder umrissen werden. Vielleicht würde sich an einer anderen Stelle eine Ausführlichkeit anbieten. 

Wahrscheinlich sind Verschwörungstheorien so alt wie die menschliche Gesellschaft, denn sie haben es letztlich mit dem Geheimnis der Macht zu tun. Wer hat die Macht über die Menschen, über ein Volk oder über einen Staat? Worin liegt ihre Legitimität, also ihre Rechtmäßigkeit begründet? Ist sie gottgegeben, vererbt oder übertragen oder alles zusammen? Ging alles mit „rechten Dingen“ zu? Vereinfacht gesprochen kreisen diese Fragen um die Geheimnisse der Macht. Es ist erstaunlich, welcher Aufwand in den alten Hochkulturen getrieben wurde, diese Fragen sichtbar zu beantworten. Von Anfang an sah sich Macht zur Legitimierung gezwungen und ihr gottgewolltes Erscheinungsbild zum Ausdruck zu bringen. So hielten es die alten Mesopotamier, die alten Ägypter, Inder und Chinesen. 

Macht musste immer die Aura des Göttlichen, Übermenschlichen und Geheimnisvollen besitzen, um effektiv sein zu können. So ergab es sich von ganz alleine, dass die Paladine einer solch verstandenen Macht die Priester waren. Sie gaben der Macht ihren Rückhalt beim Errungenwerden, beim Erhalten oder wieder beim Neuerwerben. Indes, die unverhohlene Macht hat immer wieder Widerspruch und Widerstand geerntet und ganz selten gab es Machinhaber, die für sich und ihre Nachfolger ein gutes Regime behaupten konnten, und das für eine längere Zeit. Mir fallen dabei nur die Adoptionskaiser des römischen Reiches, also Trajan, Hadrian, Antonius Pius und Marc Aurel, oder die preußische Vierergruppe, Großer Kurfürst, Friedrich I., Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große ein. Ansonsten hielt sich die Macht meist auf Krücken und musste mehr oder weniger mühsam gehalten werden. Herrschaft war stets bedroht von Neid und Missgunst nahestehender Personen. Umsturz und Machtwechsel stellten sich meist als Folge ein und dann wieder die Frage der Legitimation. Meist war ein schlechtes Regime mit Misswirtschaft, Korruption und genereller Ungerechtigkeit verbunden. War die Macht gar diskreditiert, also unglaubhaft geworden, stellte sich schnell die Schuldfrage ein, wenn nicht der Machtinhaber, mussten doch andere die Schuld haben. Eine Verschwörung schien in jedem Falle vorhanden gewesen zu sein. 

Das war immer die Stunde der Suche nach den Sündenböcken gewesen, in alten wie in neueren Zeiten. Da der Mensch von Alters her Gut und Böse als Raster seines Welt- und Gesellschaftsverständnisses zu benutzen pflegte, stellte sich schnell eine dämonologische Betrachtungsweise ein, das heißt: eine Verschwörung des Bösen war ursächlich mit Missständen, Ungerechtigkeiten, Kriegen und Katastrophen verbunden. Neid, Gier, Hass und ein kleiner Geist waren stets die Triebkräfte, die üble Nachrede, Gerüchte und Verschwörungsgedanken in die Welt zu setzen. 

Das war um so leichter möglich, als Gesellschaften im Laufe der Geschichte komplexer, noch strukturierter und damit nicht mehr einfach zu begreifen und zu durchschauen waren. Die Fama, also das Gerücht und die üble Nachrede waren das „natürliche“ Fundament, auf dem sich jedwelche Verschwörungstheorien seit jeher errichten ließen. Und diese haben auch immer Spaß bereitet: die Moritaten über erhabene Personen, über ihre Hintermänner und Verbrecher. Eine Gerüchteküche hat stets die Lust nach ihrer Verköstigung ausgelöst. Aber manchmal erwirken solche Speisen ein gegenteiliges Bedürfnis, das nach eine heilen Welt. 

Das wohl seltsamste Beispiel ist das des falschen Nero. Der echte Kaiser Nero, der von der christlichen Geschichtsschreibung uminterpretierte, war beim Volk des römischen Reiches durchaus beliebt und das so sehr, dass man in vielen Provinzen an seinen Tod nicht glauben konnte. So war es möglich, dass wenige Jahre nach der Ermordung des Kaisers im Orient ein Mann auftreten und behaupten konnte, er sei der wahre Nero. Dessen Anhängerschaft war so groß, dass das römische Imperium Mühe hatte, dem „Spaß“ ein Ende zu bereiten. 

Die Geschichte des falschen Nero steht nicht alleine, die englische Chronik, letzter Plantagenet oder letzter Stewart, weiß genauso davon zu berichten wie die französische, Zwillingsbruder Ludwigs XIV. oder die russische, Demetrius. Es sind allesamt bunte Verschwörungstheorien, die eine literarische Plattform gefunden haben, aber doch eines deutlich machen können: die Größe der mythologischen Kraft der Verschwörungstheorien. Der Tote, der Ermordete, lebt weiter in den Wünschen und Vorstellungen, und er lebt weiter, bis er sein Werk vollbringen kann, und sei es als greiser Kaiser Rotbart im Kyffhäuser. 

Die obskurste und zugleich folgenschwerste Verschwörungstheorie knüpft an den Verrat des Judas an. Wie schon im Band III der „Geschichte der unitarischen freien Religion“ ausgeführt wurde, sind die Unsicherheiten, Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten in den vier Texten der Passionsgeschichte maßgeblich für eine Fülle verschiedener und gegensätzlicher Auffassungen und Deutungen. Dabei fallen insbesondere die Unterschiede der Darstellung von Tod, Grablegung und Auferstehung Jesu auf. Dabei müsste man eigentlich annehmen, dass über das Zentrum des christlichen Glaubens unmissverständlich und eindeutig hätte berichtet werden sollen. Wenn Sie in Ruhe noch einmal die betreffenden Stellen des Neuen Testaments durchlesen und vergleichen, springen die Differenzen, allein was die beteiligten Personen oder die Zeugenschaft anbelangt, gleichsam ins Auge. Dabei sind es vor allem die Fragen nach dem festgestellten Tod und der möglichen Auferstehung, die starke Zweifel aufkommen lassen ob der Güte der Texte überhaupt. 

Die Redaktion, die die Schriften des Neuen Testaments zusammenstellte, ab 200 n.Chr., 400 n.Chr. oder auch später, hat in dieser zentralen Angelegenheit geschlampt und es versäumt, einen stringenten, eindeutigen Text zu erstellen. Somit können Fragen wie „ist Jesus wirklich am Kreuz gestorben?“ oder „ist Jesus auferstanden?“ nicht zweifelsfrei beantwortet werden. Damit liefern die Evangelien selbst eine hervorragende Grundlage für jedwelche Verschwörungstheorie. Interessanterweise tauchen schon solche Elemente im Neuen Testament auf: „er ist gar nicht tot!“ oder ‚“er kommt wieder“. Hiermit wurde ohne Frage der Mythos des Messias angesprochen. 

Es gehört zum Wesen des Christentums von Anfang an durch seine Texte selbst eine Mehrdeutigkeit ermöglicht und damit den Zwiespalt zwischen wahrem und falschem Christentum selbst gestiftet zu haben. Hinzu trat der Zwang, spätestens seit dem 4. Jahrhundert n.Chr., ständig an den Texten herumzubasteln, um ein richtiges Christentum ablesbar zu machen. Die permanenten Umarbeitungen, Korrekturen, Einschübe, Streichungen und nicht zuletzt Fälschungen charakterisieren das gesamte auf uns zukommende Schrifttum des frühen und auch noch spätantiken Christentums. Die Machenschaften der windigen Bibliothekare der damaligen Zeiten setzten das gesamte Werk einer beachtlichen Fragwürdigkeit aus. Kein Wunder, dass sich hieran wieder Verschwörungstheorien anknüpfen ließen. 

Die frühmittelalterlichen Bibliotheken wurden so zu Orten, wenn nicht zweifelhafter Umtriebe, so doch zu Bastionen von Geheimnissen. Der Mythos des geheimen Wissens fand seine Wiedergeburt als unsichtbare Macht. Die Fälschungssucht etlicher Mönche gaben dem Ganzen noch einen Auftrieb: so die erdichteten Christenverfolgungen, so die erfundene alte Kirchengeschichte und so die bis heute bestehende Behauptung, Konstantin der Große hätte das Christentum zur Staatskirche erhoben. All diese Vorgehensweisen, einschließlich der Erstellung des Neuen Testaments, wurden von Anfang an von Misstrauen, Widerspruch und Ablehnung begleitet. Das Christentum hat aus seinem Wesen heraus seine ureigene Ketzerei hervorgebracht und hat sich in seiner gesamten Geschichte bis heute mit seiner Ketzerei auseinander setzen müssen. 

Wen wundert es, wenn radikale Betrachter das gesamte Christentum als eine monströse Verschwörungstheorie ansehen können? Ich gebe zu, es kann durchaus Spaß machen, es so zu sehen, wenn nicht sofort die Erinnerung an die ungeheuren Ketzerverfolgungen auftaucht oder die Hexenverfolgungen oder die Pogrome an Juden. 

Damit sind wir zur eigentlichen Grundfiguration einer jeden Verschwörungstheorie gekommen: den Verrat. Das abendländische Vorbild davon ist der Verrat des Judas, der seinen Meister Jesus den Schächern auslieferte. Das Folgenschwere an dieser Geschichte war indes nicht der persönliche Verrat eines Jüngers, sondern die Übertragung dieser Tat auf ein Kollektiv, das dann für den Tod Jesu verantwortlich gemacht werden konnte. Auch hier lassen die Texte der Evangelien Deutungsspielraum zu. Aber gerade wegen dieser Spielräume hatte das Christentum von Anfang an neben dem ihn innewohnenden Ketzerpotential auch den Antijudaismus am Bein. Damit war ein Grundmodell geschaffen, das in den verschiedenen Krisen der folgenden Zeiten eine schreckliche Wirkung entfalten sollte. War eine Krise gegeben, sei sie von der Natur oder den Menschen erzeugt, so konnte sie nicht von Gott gewollt angesehen werden, aber Schuld musste einer Seite zugeschrieben sein. Ein Sündenbock musste her: Juden, Ketzer, Hexen, denn diese sollten sich verschworen haben gegen die christliche Gemeinschaft. Der Verrat des Judas hatte in der Tat große Folgen. 

Es muss ausdrücklich betont werden, dass in der gesamten Geschichte des Abendlandes es immer gebildete Menschen und Gruppierungen gab, die sich dem Wahnsinn solcher Verschwörungstheorien entgegen setzten. Das aufklärerische Potential  des Abendlandes lässt sich nun mal nicht auf das 18. Jahrhundert beschränken. 

Als mit Luthers Reformation das Zeitalter der Konfessionen anhob, ging ein Riss durch ganz Europa, der im Grunde erst nach dem Zweiten Weltkrieg sich allmählich schloss. Die konfessionelle Spaltung ab 1520 indes stiftete eine Plattform für weitere Verschwörungstheorien. Man begann sich gegenseitig vorzuwerden, den wahren Glauben und die wahre Kirche verraten zu haben. Noch ein weiteres wurde durch die Reformation ausgelöst, und, wenn auch nicht ganz neu, eine kirchen- und glaubenskritische Einstellung, die durch den Humanismus mit seinen Text- und Geschichtsforschungen verstärkt, zur Gründung antitrinitarischer bzw. unitarischer Gemeinden führen sollte. 

Das wurde als ein Totalangriff auf jede christliche Konfession verstanden und musste allerschnellstens unterdrückt und vernichtet werden. Das war schlimmer als der Verrat des Judas. Was blieb den Unitariern einzig übrig, als in den wenigen dafür in Frage kommenden Ländern im Untergrund zu überleben. Das Wissen indes, dass eine solche „verruchte Gemeinschaft“ im Untergrund existierte oder vielleicht sogar wirkte, löste eine neue Form von Verschwörungstheorie aus, die sich bald aber auch auf die Rosenkreuzler, Freimaurer und Illuminaten erstreckte und seltsamerweise später die Jesuiten betraf. Wenn der gesamte Verlauf der Neuzeit von einem Erstarken des Bürgertums geprägt war, hat das doch schließlich erreichte Ziel, die Französische Revolution von 1789, eine riesige Wunde hinterlassen, deren Heilung bis heute noch nicht gelungen ist. 

Damit beginnen die Verschwörungstheorien der Moderne. Ein weites Thema, nur so viel sei, die deutsche Geschichte betreffend, gesagt: Deren Wurzeln liegen in der misslungenen Verarbeitung von Geschichte:

So die nicht gelungene Bildung zur Nation und die übersteigerten, dann enttäuschten nationalen Größenvorstellungen und nicht zuletzt und damit verknüpft: die Dolchstoßlegenden. Letztere sind ein gefährliches Gemisch aus Halbwahrheiten, Entstellungen, Irreführungen und einem nicht geringen Quäntchen Wahnsinn. Dolchstoßlegenden und Verschwörungstheorien lebten nach dem Zweiten Weltkrieg munter weiter. Die Unangenehmsten reichen von der Kommunisten-Jagd bis zur Auseinandersetzung mit dem Terrorismus, die medienwirksamen und immer mit Sensationslust verbundenen von Kennedy, Monroe zu Barschel und Diana. Da Verschwörungstheorien immer auch eine säkular-religiöse Dimension an sich haben, werden die betreffenden Aspekte beim kommenden Sommerseminar erörtert werden können.

Manuel Tögel

 
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