|
Für
jeden historisch interessierten Menschen ist die Konfrontation mit einer
Verschwörungstheorie immer mit etwas Grauen verbunden. Das liegt nicht
zuletzt an der besonderen Mixtur, die halbe Wahrheiten, plausibel klingende
Vermutungen und entlegene Vorstellungen miteinander verbinden, um eine reißerische
Story in die Welt zu setzen, die von vielen Menschen begierig aufgesogen
werden kann.
Der heutige Büchermarkt quillt über
von solchen Erzeugnissen. Nichts kann phantastisch genug, nichts kann
entlegen genug sein, um als vermeintliche Wahrheit verkauft werden zu können.
Man fühlt sich unwillkürlich an die Reliquienverehrung erinnert. Zumindest
wird in deren Arsenalen kräftig geplündert: so die Gesetzestafeln Moses,
die Bundeslade oder auch der sogenannte Heilige Gral. Sie sollen jeweils
weltbeherrschende Zauberkraft besitzen und manchmal jagen neue oder auch
alte Nazis nach ihnen, oder auch Kommunisten, um ihre anrüchigen Ziele zu
erreichen. Natürlich wissen das stets ehrliche Wissenschaftler mit
Titanen-Kräften zu verhindern, um die Welt vor Schaden zu bewahren.
Eine ganze Medienindustrie hat sich äußerst
erfolgreich diesen Verschrobenheiten, ja Verrücktheiten angenommen. Beliebt
sind dabei besonders die Templer und ihre vermeintlichen Schätze, unter
denen sich vor allem einer verbirgt: der Heilige Gral, jenes Gefäß, das
das Blut des gekreuzigten Jesus aufgefangen haben soll. Obwohl im Neuen
Testament nichts davon steht, haben sich schon im Mittelalter romantische
Ideen entwickelt, die sich um die Suche nach dem Heiligen Gral gruppierten.
Seit der Artus-Sage und den Ritten der Tafelrunde, aber auch seit dem
Parzival tauchen immer wieder entsprechende Geschichten auf, um im 19.
Jahrhundert mit neuen Zusätzen versehen zu werden. Letztere wurden oftmals
der Geschichte des Templerordens entnommen, um in abenteuerlichen Romanen
Einzug zu finden.
Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts
tauchte eine „neue“ Lesart der Gralslegende auf. Der Gral, der das Blut
Christi aufgenommen haben sollte, sei gar kein materielles Gefäß, sondern
das weitervererbte Blut Jesu. Die Geschichte des Grals sei also gar nichts
anderes als die der Kinder Jesu und deren Nachkommen, die natürlich immer
wieder, durch die Kirche versteht sich, verfolgt worden seien und noch
werden? Auf jeden Fall liegt hier eine besonders abseitige Verschwörungstheorie
vor, auf die wir später noch zurück kommen.
Es gehört zu den Besonderheiten unserer
Zeit, dass sich mit Verschwörungstheorien gut Geld machen lässt. Grund
genug, um sich mit den Ursachen und Strukturen solcher Theorien zu beschäftigen.
Vieles kann dabei, unseres Rahmens wegen, nur erwähnt, kurz angesprochen
oder umrissen werden. Vielleicht würde sich an einer anderen Stelle eine
Ausführlichkeit anbieten.
Wahrscheinlich sind Verschwörungstheorien so
alt wie die menschliche Gesellschaft, denn sie haben es letztlich mit dem
Geheimnis der Macht zu tun. Wer hat die Macht über die Menschen, über ein
Volk oder über einen Staat? Worin liegt ihre Legitimität, also ihre Rechtmäßigkeit
begründet? Ist sie gottgegeben, vererbt oder übertragen oder alles
zusammen? Ging alles mit „rechten Dingen“ zu? Vereinfacht gesprochen
kreisen diese Fragen um die Geheimnisse der Macht. Es ist erstaunlich,
welcher Aufwand in den alten Hochkulturen getrieben wurde, diese Fragen
sichtbar zu beantworten. Von Anfang an sah sich Macht zur Legitimierung
gezwungen und ihr gottgewolltes Erscheinungsbild zum Ausdruck zu bringen. So
hielten es die alten Mesopotamier, die alten Ägypter, Inder und Chinesen.
Macht musste immer die Aura des Göttlichen,
Übermenschlichen und Geheimnisvollen besitzen, um effektiv sein zu können.
So ergab es sich von ganz alleine, dass die Paladine einer solch
verstandenen Macht die Priester waren. Sie gaben der Macht ihren Rückhalt
beim Errungenwerden, beim Erhalten oder wieder beim Neuerwerben. Indes, die
unverhohlene Macht hat immer wieder Widerspruch und Widerstand geerntet und
ganz selten gab es Machinhaber, die für sich und ihre Nachfolger ein gutes
Regime behaupten konnten, und das für eine längere Zeit. Mir fallen dabei
nur die Adoptionskaiser des römischen Reiches, also Trajan, Hadrian,
Antonius Pius und Marc Aurel, oder die preußische Vierergruppe, Großer
Kurfürst, Friedrich I., Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große ein.
Ansonsten hielt sich die Macht meist auf Krücken und musste mehr oder
weniger mühsam gehalten werden. Herrschaft war stets bedroht von Neid und
Missgunst nahestehender Personen. Umsturz und Machtwechsel stellten sich
meist als Folge ein und dann wieder die Frage der Legitimation. Meist war
ein schlechtes Regime mit Misswirtschaft, Korruption und genereller
Ungerechtigkeit verbunden. War die Macht gar diskreditiert, also unglaubhaft
geworden, stellte sich schnell die Schuldfrage ein, wenn nicht der
Machtinhaber, mussten doch andere die Schuld haben. Eine Verschwörung
schien in jedem Falle vorhanden gewesen zu sein.
Das war immer die Stunde der Suche nach den Sündenböcken
gewesen, in alten wie in neueren Zeiten. Da der Mensch von Alters her Gut
und Böse als Raster seines Welt- und Gesellschaftsverständnisses zu
benutzen pflegte, stellte sich schnell eine dämonologische
Betrachtungsweise ein, das heißt: eine Verschwörung des Bösen war ursächlich
mit Missständen, Ungerechtigkeiten, Kriegen und Katastrophen verbunden.
Neid, Gier, Hass und ein kleiner Geist waren stets die Triebkräfte, die üble
Nachrede, Gerüchte und Verschwörungsgedanken in die Welt zu setzen.
Das war um so leichter möglich, als
Gesellschaften im Laufe der Geschichte komplexer, noch strukturierter und
damit nicht mehr einfach zu begreifen und zu durchschauen waren. Die Fama,
also das Gerücht und die üble Nachrede waren das „natürliche“
Fundament, auf dem sich jedwelche Verschwörungstheorien seit jeher
errichten ließen. Und diese haben auch immer Spaß bereitet: die Moritaten
über erhabene Personen, über ihre Hintermänner und Verbrecher. Eine Gerüchteküche
hat stets die Lust nach ihrer Verköstigung ausgelöst. Aber manchmal
erwirken solche Speisen ein gegenteiliges Bedürfnis, das nach eine heilen
Welt.
Das wohl seltsamste Beispiel ist das des
falschen Nero. Der echte Kaiser Nero, der von der christlichen
Geschichtsschreibung uminterpretierte, war beim Volk des römischen Reiches
durchaus beliebt und das so sehr, dass man in vielen Provinzen an seinen Tod
nicht glauben konnte. So war es möglich, dass wenige Jahre nach der
Ermordung des Kaisers im Orient ein Mann auftreten und behaupten konnte, er
sei der wahre Nero. Dessen Anhängerschaft war so groß, dass das römische
Imperium Mühe hatte, dem „Spaß“ ein Ende zu bereiten.
Die Geschichte des falschen Nero steht nicht
alleine, die englische Chronik, letzter Plantagenet oder letzter Stewart,
weiß genauso davon zu berichten wie die französische, Zwillingsbruder
Ludwigs XIV. oder die russische, Demetrius. Es sind allesamt bunte Verschwörungstheorien,
die eine literarische Plattform gefunden haben, aber doch eines deutlich
machen können: die Größe der mythologischen Kraft der Verschwörungstheorien.
Der Tote, der Ermordete, lebt weiter in den Wünschen und Vorstellungen, und
er lebt weiter, bis er sein Werk vollbringen kann, und sei es als greiser
Kaiser Rotbart im Kyffhäuser.
Die obskurste und zugleich folgenschwerste
Verschwörungstheorie knüpft an den Verrat des Judas an. Wie schon im Band
III der „Geschichte der unitarischen freien Religion“ ausgeführt wurde,
sind die Unsicherheiten, Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten in den
vier Texten der Passionsgeschichte maßgeblich für eine Fülle
verschiedener und gegensätzlicher Auffassungen und Deutungen. Dabei fallen
insbesondere die Unterschiede der Darstellung von Tod, Grablegung und
Auferstehung Jesu auf. Dabei müsste man eigentlich annehmen, dass über das
Zentrum des christlichen Glaubens unmissverständlich und eindeutig hätte
berichtet werden sollen. Wenn Sie in Ruhe noch einmal die betreffenden
Stellen des Neuen Testaments durchlesen und vergleichen, springen die
Differenzen, allein was die beteiligten Personen oder die Zeugenschaft
anbelangt, gleichsam ins Auge. Dabei sind es vor allem die Fragen nach dem
festgestellten Tod und der möglichen Auferstehung, die starke Zweifel
aufkommen lassen ob der Güte der Texte überhaupt.
Die Redaktion, die die Schriften des Neuen
Testaments zusammenstellte, ab 200 n.Chr., 400 n.Chr. oder auch später, hat
in dieser zentralen Angelegenheit geschlampt und es versäumt, einen
stringenten, eindeutigen Text zu erstellen. Somit können Fragen wie „ist
Jesus wirklich am Kreuz gestorben?“ oder „ist Jesus auferstanden?“
nicht zweifelsfrei beantwortet werden. Damit liefern die Evangelien selbst
eine hervorragende Grundlage für jedwelche Verschwörungstheorie.
Interessanterweise tauchen schon solche Elemente im Neuen Testament auf:
„er ist gar nicht tot!“ oder ‚“er kommt wieder“. Hiermit wurde
ohne Frage der Mythos des Messias angesprochen.
Es gehört zum Wesen des Christentums von
Anfang an durch seine Texte selbst eine Mehrdeutigkeit ermöglicht und damit
den Zwiespalt zwischen wahrem und falschem Christentum selbst gestiftet zu
haben. Hinzu trat der Zwang, spätestens seit dem 4. Jahrhundert n.Chr., ständig
an den Texten herumzubasteln, um ein richtiges Christentum ablesbar zu
machen. Die permanenten Umarbeitungen, Korrekturen, Einschübe, Streichungen
und nicht zuletzt Fälschungen charakterisieren das gesamte auf uns
zukommende Schrifttum des frühen und auch noch spätantiken Christentums.
Die Machenschaften der windigen Bibliothekare der damaligen Zeiten setzten
das gesamte Werk einer beachtlichen Fragwürdigkeit aus. Kein Wunder, dass
sich hieran wieder Verschwörungstheorien anknüpfen ließen.
Die frühmittelalterlichen Bibliotheken
wurden so zu Orten, wenn nicht zweifelhafter Umtriebe, so doch zu Bastionen
von Geheimnissen. Der Mythos des geheimen Wissens fand seine Wiedergeburt
als unsichtbare Macht. Die Fälschungssucht etlicher Mönche gaben dem
Ganzen noch einen Auftrieb: so die erdichteten Christenverfolgungen, so die
erfundene alte Kirchengeschichte und so die bis heute bestehende Behauptung,
Konstantin der Große hätte das Christentum zur Staatskirche erhoben. All
diese Vorgehensweisen, einschließlich der Erstellung des Neuen Testaments,
wurden von Anfang an von Misstrauen, Widerspruch und Ablehnung begleitet.
Das Christentum hat aus seinem Wesen heraus seine ureigene Ketzerei
hervorgebracht und hat sich in seiner gesamten Geschichte bis heute mit
seiner Ketzerei auseinander setzen müssen.
Wen wundert es, wenn radikale Betrachter das
gesamte Christentum als eine monströse Verschwörungstheorie ansehen können?
Ich gebe zu, es kann durchaus Spaß machen, es so zu sehen, wenn nicht
sofort die Erinnerung an die ungeheuren Ketzerverfolgungen auftaucht oder
die Hexenverfolgungen oder die Pogrome an Juden.
Damit sind wir zur eigentlichen
Grundfiguration einer jeden Verschwörungstheorie gekommen: den Verrat. Das
abendländische Vorbild davon ist der Verrat des Judas, der seinen Meister
Jesus den Schächern auslieferte. Das Folgenschwere an dieser Geschichte war
indes nicht der persönliche Verrat eines Jüngers, sondern die Übertragung
dieser Tat auf ein Kollektiv, das dann für den Tod Jesu verantwortlich
gemacht werden konnte. Auch hier lassen die Texte der Evangelien
Deutungsspielraum zu. Aber gerade wegen dieser Spielräume hatte das
Christentum von Anfang an neben dem ihn innewohnenden Ketzerpotential auch
den Antijudaismus am Bein. Damit war ein Grundmodell geschaffen, das in den
verschiedenen Krisen der folgenden Zeiten eine schreckliche Wirkung
entfalten sollte. War eine Krise gegeben, sei sie von der Natur oder den
Menschen erzeugt, so konnte sie nicht von Gott gewollt angesehen werden,
aber Schuld musste einer Seite zugeschrieben sein. Ein Sündenbock musste
her: Juden, Ketzer, Hexen, denn diese sollten sich verschworen haben gegen
die christliche Gemeinschaft. Der Verrat des Judas hatte in der Tat große
Folgen.
Es muss ausdrücklich betont werden, dass in
der gesamten Geschichte des Abendlandes es immer gebildete Menschen und
Gruppierungen gab, die sich dem Wahnsinn solcher Verschwörungstheorien
entgegen setzten. Das aufklärerische Potential
des Abendlandes lässt sich nun mal nicht auf das 18. Jahrhundert
beschränken.
Als mit Luthers Reformation das Zeitalter der
Konfessionen anhob, ging ein Riss durch ganz Europa, der im Grunde erst nach
dem Zweiten Weltkrieg sich allmählich schloss. Die konfessionelle Spaltung
ab 1520 indes stiftete eine Plattform für weitere Verschwörungstheorien.
Man begann sich gegenseitig vorzuwerden, den wahren Glauben und die wahre
Kirche verraten zu haben. Noch ein weiteres wurde durch die Reformation
ausgelöst, und, wenn auch nicht ganz neu, eine kirchen- und
glaubenskritische Einstellung, die durch den Humanismus mit seinen Text- und
Geschichtsforschungen verstärkt, zur Gründung antitrinitarischer bzw.
unitarischer Gemeinden führen sollte.
Das wurde als ein Totalangriff auf jede
christliche Konfession verstanden und musste allerschnellstens unterdrückt
und vernichtet werden. Das war schlimmer als der Verrat des Judas. Was blieb
den Unitariern einzig übrig, als in den wenigen dafür in Frage kommenden Ländern
im Untergrund zu überleben. Das Wissen indes, dass eine solche „verruchte
Gemeinschaft“ im Untergrund existierte oder vielleicht sogar wirkte, löste
eine neue Form von Verschwörungstheorie aus, die sich bald aber auch auf
die Rosenkreuzler, Freimaurer und Illuminaten erstreckte und seltsamerweise
später die Jesuiten betraf. Wenn der gesamte Verlauf der Neuzeit von einem
Erstarken des Bürgertums geprägt war, hat das doch schließlich erreichte
Ziel, die Französische Revolution von 1789, eine riesige Wunde
hinterlassen, deren Heilung bis heute noch nicht gelungen ist.
Damit beginnen die Verschwörungstheorien der
Moderne. Ein weites Thema, nur so viel sei, die deutsche Geschichte
betreffend, gesagt: Deren Wurzeln liegen in der misslungenen Verarbeitung
von Geschichte:
So die nicht gelungene Bildung zur Nation und
die übersteigerten, dann enttäuschten nationalen Größenvorstellungen und
nicht zuletzt und damit verknüpft: die Dolchstoßlegenden. Letztere sind
ein gefährliches Gemisch aus Halbwahrheiten, Entstellungen, Irreführungen
und einem nicht geringen Quäntchen Wahnsinn. Dolchstoßlegenden und Verschwörungstheorien
lebten nach dem Zweiten Weltkrieg munter weiter. Die Unangenehmsten reichen
von der Kommunisten-Jagd bis zur Auseinandersetzung mit dem Terrorismus, die
medienwirksamen und immer mit Sensationslust verbundenen von Kennedy, Monroe
zu Barschel und Diana. Da Verschwörungstheorien immer auch eine säkular-religiöse
Dimension an sich haben, werden die betreffenden Aspekte beim kommenden
Sommerseminar erörtert werden können.
|