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Von der Bewahrung des Erbes

Manuel Tögel
Der Begriff „Dank“ leitet sich vom Germanischen ab und gehört dem gleichen Wortstamm an wie „Denken“ und „Bedenken“ im Sinne von bewahren. Erst seit dem Mittelhochdeutschen haben sich die Bedeutungsscheidungen ergeben; und doch schwingt beim „Dank“ immer noch die einstige Bedeutungsvielfalt mit. Vielleicht mag von diesem Hintergrund her die Bewahrung des kulturellen Erbes als das erscheinen, dem zuvorderst der Dank gebühren kann. Dies gewinnt um so mehr an Bedeutung, als wir in einer Zeit zu leben scheinen, die vom Drang des Abreißens bewegt wird. 

Diesbezüglich können wir gerade in Frankfurt ein Lehrstück erleben. Wenn zum Beispiel ein Gebäude, eine Fassade oder eine Fußgängerzone zwanzig bis dreißig Jahre alt wurde, gilt sie sofort als alt, hässlich, unmodern und muss sofort abgerissen werden. Damit ist nicht ein möglicher Pflegebedarf gemeint, sondern eine Einstellung, die das von einer vorausgehenden Generation Geschaffene gleichsam annullieren will. Die Bauten der Väter werden als schlecht gedeutet und von den Kindern abgerissen. Auch hier ein Frankfurter Beispiel, nämlich die Zeil und die Konstablerwache; aus der einen kann man weder einen französischen Boulevard, noch aus der anderen einen Piazza Navona machen. Was indes vor circa 25 Jahren angelegt wurde, war so schlecht nicht, es hätte nur etwas mehr der Pflege bedurft, und Pflege bedarf ein Neues natürlich ebenso. 

Über Kunst, Architektur oder gärtnerische Anlagen lässt sich selbstverständlich schön streiten, aber der Gang durch die Geschichte lehrt auch, dass jede Zeit ihren Eigenwert besitzt und einen unverwechselbaren Teil des Erbes darstellt. Die Tendenz des Abreißens erscheint aus dieser Sicht als ein Totalangriff auf die Geschichte selbst. Doch diese Tendenz ist nicht neu, denn in der Vergangenheit fanden immer große Orgien des Abreißens statt: Die gotische Kunst tat es mit der romanischen, die Renaissance mit der gotischen, der Barock war dem Mittelalter nicht hold, das 20. Jahrhundert verachtete die Kunst des 19. und das beginnende 21. Jahrhundert wirft schon gehässige Blicke auf die Hervorbringungen des 20. usw. 

Ein besonders brutales Ereignis fand vor 500 Jahren in Rom statt. Papst Julius II. hatte sich entschlossen, für einen gigantischen Neubau den gesamten Komplex der altehrwürdigen frühchristlichen Basilika St. Peter abzureißen und alles restlos zu vernichten: So der ganze antike Säulenbestand und unzählige Grabdenkmäler aus vielen Jahrhunderten. Nichts sollte mehr an das Frühere, letztlich an die Geschichte erinnern. 

Indes, es waren zu allen Zeiten Bestrebungen zu vermerken, die den Gehalt und die Würde des vorausgegangenen Schaffens bewahren wollten. Hierfür gibt es schöne Beispiele, denen wir letztlich die Erhaltung unseres Erbes zu verdanken haben. Ein Abreißen allein aus Stilgründen wirkt immer als ein brutaler Ausdruck des Undankes. 

Ich möchte mich, etwas abrupt, einer besonderen Angelegenheit des Dank-Sagen-Könnens zuwenden. Vor genau dreißig Jahren konnte ich meine Promotion feiern – feiern eigentlich nicht – obwohl der Note wegen wirklich ein Anlass gewesen wäre. Aber es war kein Umfeld für die Gelegenheit, nicht weil keine Freunde und Interessierte vorhanden gewesen wären, sondern es war eine Nüchternheit gegeben, die irgendwo eine Feier verstellte. Heute will ich sie auf eine ganz andere Weise nachholen. Wenn ich das nun anstelle, hat das viel mit unserer Gemeinde zu tun: Ganz einfach, ich feiere heute mit Ihnen, denn ein guter Rahmen bietet sich an. Es war damals für mich eine sehr aufregende Zeit. Nicht so, wie man das heute versteht. Das muss ich erläutern. 

Ich gehöre noch einer Generation an, die zielgerecht und zum Wesentlichen hin orientiert lernen konnte. Das hatte im Vergleich zu den heutigen Schülern unglaubliche Vorteile. Zunächst, wir hatten damals das Lernen gelernt, eben jene Methode, die einen Inhalt zu erfassen versucht, nach Schwerpunkten gliedert, also den Blick auf das Wesentliche freisetzt und, das ist das Wichtigste, die Zusammenhänge im Gedächtnis zu speichern vermochte. All das war nur möglich durch den Erwerb des sogenannten analytischen und synthetischen Denkvermögens, das mit dem zehnten oder elften Lebensjahr vollzogen sein musste, weil es später nicht mehr gewonnen werden kann. Daher auch die Bedeutung der ästhetischen Erziehung, die die Schönheiten der zu erlernenden Inhalte freisetzt: so im Schönschreiben, im Gedichte lernen, in der Erfahrung mathematischer Strukturen, aber auch in Musik und Sport. 

All dies erleichterte uns das Lernen ungemein, wir mussten uns nicht immer wieder den gesamten Lernstoff erarbeiten, wir hatten eben den Großteil in unserem Gedächtnis. Mir tun unsere Schüler heute wirklich leid, die solches Wissen nicht mehr vermittelt bekommen. Wir hatten als Schüler und Studenten weit größere Freiräume, als heute zu denken wäre. Allein hierfür muss ich einen großen Dank aussprechen. Ich bin mir bewusst, dass meine Dissertation unter dem Titel: „Die Theorie der Objektbeziehungen in der Psychoanalyse – eine philosophische Untersuchung“ zur augenblicklichen Zeit keinen Doktorvater finden würde. Wie dem auch immer sei, der Abschluss war so gut, dass ich vom damaligen Landesarbeitsamt sofort das Angebot erhielt, als Philosophielehrer in den Staatsdienst von Nordrhein-Westfalen und, man höre, von Bayern eintreten zu können. Ich zögerte, Frankfurt war mir so lieb, ich hatte schon seit einiger Zeit an der Frankfurter Universität einen klein bemessenen, aber sehr interessanten Lehrauftrag, und ich bastelte an meiner Habilitation, die nichts Geringeres anvisierte als „Die Übertragung der Moral“. 

Ich zögerte, und da hatte mich die damalige Sekretärin des philosophischen Fachbereichs auf ein Stellenangebot hingewiesen, dem ich bass erstaunt gegenüber stand. Die Unitarische Freie Religionsgemeinde schrieb eine Pfarrerstelle aus. Was ist das? Keine Ahnung! In meinem Theologiestudium habe ich bis da nichts davon gehört. Eines war mir damals klar: Zwei Berufe wollte ich nicht ergreifen, Lehrer und Pfarrer. Obwohl, bezüglich des ersten hatte ich ja schon eine Tätigkeit, aber das zweite – nicht möglich, kann ich nicht! Ich musste wirklich gedrängt werden – übrigens von völlig außenstehenden Personen – mich um die ausgeschriebene Stelle zu kümmern. Das tat ich dann auch, etwas schweren Herzens, denn ich musste auf etwas verzichten, das ganz schwer zu beschreiben ist. Sie alle wissen, ich lebte damals in Sachsenhausen, ein Lebensmittelpunkt, den ich bis heute nicht so ganz verlassen habe. Ich fuhr mit der Straßenbahn – so etwas wie ein Auto hatte ich natürlich nicht – in den Stadtwald, ergriff ein Buch und wanderte und las. Ich glaube, ich habe in jenen Jahren etwa 20.000 Seiten gelesen. Das kann nur ein Verrückter tun. Übrigens, ich bin nicht einmal gestolpert oder gar in Kot getreten. Die Technik dafür habe ich bei den Jesuiten in St. Georgen gelernt, und dafür war ich sehr dankbar. Natürlich ist es etwas ganz anderes, als Pater oder Theologoiestudent lesend durch den herrlichen Park von St. Georgen zu gehen, als durch den Stadtwald. Ich habe so manchmal dabei das Gefühl gehabt, dass Menschen, die mir begegneten, insgeheim dachten: „Der ist nicht so richtig im Kopf!“ Aber Sie glauben nicht, wie frei die Gedanken beim Lesen in der Natur sind.

Noch etwas lernte ich in dieser Zeit, wofür ich sehr dankbar bin: diagonal lesen zu können. Damit ist die Technik gemeint, Buchseiten überfliegen zu können, um ein Wesentliches, das es zu suchen gilt, zu finden. Das erspart in manchen Fällen mühsame und unnötige Lektüre. Gelernt wird so etwas heute nicht mehr, und mit dem Computer ist das nicht zu machen. Wenn ich heute Kindern vom Diagonallesen erzähle, dann schauen sie mich an, als käme ich von einer anderen Welt. Das Buch steht nun einmal im Vergleich zu damals nicht mehr im Mittelpunkt. Ich hatte beim Erscheinen des ersten Harry Potter Buches die Hoffnung gehabt, die Kinder würden sich wieder dem Faszinosum des Lesens hinwenden können. Wenn dies nur zu einem kleinen Teil zu geschehen schien, dann war das nicht zuletzt der sofort einsetzenden medialen Vermarktung zu verdanken. Dem Hörbuch folgte sogleich der Film und, damit zwangsläufig verbunden, ein Desinteresse am Lesen. Für mich wäre das zu meiner Schul- und Studienzeit unvorstellbar gewesen. Zeiten ändern sich und man selbst ändert sich auch. 

Mit diesem Luxus kann man kein Geld verdienen. Also kam ich in die Gemeinde. Das war kein leichter Beginn, ich wurde richtig mit den Beerdigungen ins Wasser gestürzt. Die liebevolle Hand von Sigurd Taesler zog mich sogleich wieder raus. Hier ist Dank sagen voll angebracht. Es war mein Glück, dass ich damals über fast zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Jugendarbeit besaß, und mit der Methodik einer Seelsorge war ich schon irgendwie vertraut. Auf jeden Fall, ich konnte gut in die Gemeindearbeit eintreten. 

Und dann begann das Abenteuer. Es fügte sich so wunderschön, dass meine philosophischen Interessen der Tradition unserer Gemeinde so gut entsprachen. Der erste Angelpunkt war natürlich Spinoza, dessen Theologie sich als das Fundament der unitarischen Religion erwies, dann Meister Eckart, Nikolaus von Kues und immer wieder Goethe, der weitere Angelpunkt einer freien Religion, die sich religionsgeschichtlich denkt. Dann entdeckte ich das, was bis heute mein Interesse, man kann fast sagen meine Leidenschaft erweckte: Das Verhältnis der unitarischen Religion zur christlichen Kirchengeschichte. In den bislang fast drei Jahrzehnten taten sich immer neue Horizonte auf: Immer wieder erhielt ich von Mitgliedern und Freunden bisher unbekannte Bücher und Quellen. Wir haben es vielleicht etwas leichter als andere freireligiöse Gemeinden, denn als Ende der achtziger Jahre die Musterschule für den Abitursbereich von einer Schülerin verlangte, sie solle sagen, was unitarische Religion ist - und nicht, was sie nicht ist – kam der Stein ins Rollen. 

Wenn wir es vielleicht wirklich etwas leichter als die anderen freireligiösen Gemeinden haben sollten, eine Nuss musste geknackt werden: Die positive Bestimmung der jeweils eigenen Religion. Nach den damaligen lehramtlichen Richtlinien wurden negative Abgrenzungen zur Findung des eigenen Standortes abgelehnt. Aussagen wie: Wir haben keine verbindenden Glaubensinhalte, wir sind nicht christlich und manches andere sind wir nicht, hatten keinen Bestand mehr. Es war also nötig, die Geschichte der unitarischen freien Religion, mehr noch, ihre ureigene freie Theologie freizulegen und zusammenzufassen. Das war keine leichte Aufgabe, aber für mich unglaublich fesselnd, weil immer wieder neue Quellen und neue Gesichtspunkte einen erweiternden Blick ermöglichten. Das war in der Tat ein bis heute andauerndes Abenteuer, das mir viel Freude schenkte und schenkt! Auch dafür bin ich dankbar. 

Aber auch ein anderes Spektrum muss in diesem Sinne erwähnt werden, die vielen schönen Fahrten und Reisen, die wir für Kinder, Jugendliche und Erwachsene unserer Gemeinde erleben und genießen konnten. Sie haben uns in das benachbarte Ausland, aber vor allem in deutsche Regionen geführt. Ich bin sicher, dass ich, wenn ich nicht in der Gemeinde tätig gewesen wäre, so viele wunderbare Städte und Kulturlandschaften in Deutschland nicht zu sehen bekommen hätte. Dafür wäre ich zu bequem gewesen. So war es gut, dass wir uns immer Neues erschließen konnten, nämlich ein großes Kulturerbe, das es zu bewahren gilt. 

Wir dürfen nicht nachlassen, darum zu kämpfen, um Kunst, Geschichte, Kultur und Religion in ihrer Lebendigkeit zu bewahren, zu erhalten, aber auch weiter zu entwickeln. Für diese Möglichkeit, in einem großen geistigen Spektrum tätig sein zu können, bin ich besonders dankbar. Aber auch dafür, so vielen interessanten, lieben, charaktervollen und manchmal auch schwierigen Menschen begegnet zu sein. Dabei lernte ich ein ganz Wesentliches für den menschlichen Umgang: die Freundlichkeit, nicht im Sinne der normalen Höflichkeit, denn diese war mir bekannt, sondern von ihrem Kern her, der Herzlichkeit. Natürlich hat die Freundlichkeit manchmal auch etwas Konventionelles an sich, durchaus und seltener ein Tarnendes. Ihre eigentliche Kraft liegt in der Mitmenschlichkeit, die mit dem freundlichen Wort oder mit dem freundlichen Zuhörenkönnen der Menschen einfach gut tut. Die Freundlichkeit ist eine Mitte des menschlichen Lebens und sie spendet eine Wärme im Kalten und ein Licht im Dunkeln, und sie lässt das Bedürfnis aufsteigen Dank zu sagen.

Manuel Tögel

Gingo biloba
Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.
Ist es ein lebendig Wesen,

Das sich in sich selbst getrennt,

Sind es zwei, die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt?
Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn;
Fühlst du nicht an meinen Liedern,

Dass ich eins und doppelt bin?

                                      Goethe
 
© 2008 Unitarische Freie Religionsgemeinde Frankfurt/Main