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Der Begriff „Dank“ leitet sich vom
Germanischen ab und gehört dem gleichen Wortstamm an wie „Denken“ und
„Bedenken“ im Sinne von bewahren. Erst seit dem Mittelhochdeutschen
haben sich die Bedeutungsscheidungen ergeben; und doch schwingt beim
„Dank“ immer noch die einstige Bedeutungsvielfalt mit. Vielleicht mag
von diesem Hintergrund her die Bewahrung des kulturellen Erbes als das
erscheinen, dem zuvorderst der Dank gebühren kann. Dies gewinnt um so mehr
an Bedeutung, als wir in einer Zeit zu leben scheinen, die vom Drang des
Abreißens bewegt wird.
Diesbezüglich können wir
gerade in Frankfurt ein Lehrstück erleben. Wenn zum Beispiel ein Gebäude,
eine Fassade oder eine Fußgängerzone zwanzig bis dreißig Jahre alt wurde,
gilt sie sofort als alt, hässlich, unmodern und muss sofort abgerissen
werden. Damit ist nicht ein möglicher Pflegebedarf gemeint, sondern eine
Einstellung, die das von einer vorausgehenden Generation Geschaffene
gleichsam annullieren will. Die Bauten der Väter werden als schlecht
gedeutet und von den Kindern abgerissen. Auch hier ein Frankfurter Beispiel,
nämlich die Zeil und die Konstablerwache; aus der einen kann man weder
einen französischen Boulevard, noch aus der anderen einen Piazza Navona
machen. Was indes vor circa 25 Jahren angelegt wurde, war so schlecht nicht,
es hätte nur etwas mehr der Pflege bedurft, und Pflege bedarf ein Neues natürlich
ebenso.
Über Kunst, Architektur
oder gärtnerische Anlagen lässt sich selbstverständlich schön streiten,
aber der Gang durch die Geschichte lehrt auch, dass jede Zeit ihren
Eigenwert besitzt und einen unverwechselbaren Teil des Erbes darstellt. Die
Tendenz des Abreißens erscheint aus dieser Sicht als ein Totalangriff auf
die Geschichte selbst. Doch diese Tendenz ist nicht neu, denn in der
Vergangenheit fanden immer große Orgien des Abreißens statt: Die gotische
Kunst tat es mit der romanischen, die Renaissance mit der gotischen, der
Barock war dem Mittelalter nicht hold, das 20. Jahrhundert verachtete die
Kunst des 19. und das beginnende 21. Jahrhundert wirft schon gehässige
Blicke auf die Hervorbringungen des 20. usw.
Ein besonders brutales
Ereignis fand vor 500 Jahren in Rom statt. Papst Julius II. hatte sich
entschlossen, für einen gigantischen Neubau den gesamten Komplex der
altehrwürdigen frühchristlichen Basilika St. Peter abzureißen und alles
restlos zu vernichten: So der ganze antike Säulenbestand und unzählige
Grabdenkmäler aus vielen Jahrhunderten. Nichts sollte mehr an das Frühere,
letztlich an die Geschichte erinnern.
Indes, es waren zu allen
Zeiten Bestrebungen zu vermerken, die den Gehalt und die Würde des
vorausgegangenen Schaffens bewahren wollten. Hierfür gibt es schöne
Beispiele, denen wir letztlich die Erhaltung unseres Erbes zu verdanken
haben. Ein Abreißen allein aus Stilgründen wirkt immer als ein brutaler
Ausdruck des Undankes.
Ich möchte mich, etwas
abrupt, einer besonderen Angelegenheit des Dank-Sagen-Könnens zuwenden. Vor
genau dreißig Jahren konnte ich meine Promotion feiern – feiern
eigentlich nicht – obwohl der Note wegen wirklich ein Anlass gewesen wäre.
Aber es war kein Umfeld für die Gelegenheit, nicht weil keine Freunde und
Interessierte vorhanden gewesen wären, sondern es war eine Nüchternheit
gegeben, die irgendwo eine Feier verstellte. Heute will ich sie auf eine
ganz andere Weise nachholen. Wenn ich das nun anstelle, hat das viel mit
unserer Gemeinde zu tun: Ganz einfach, ich feiere heute mit Ihnen, denn ein
guter Rahmen bietet sich an. Es war damals für mich eine sehr aufregende
Zeit. Nicht so, wie man das heute versteht. Das muss ich erläutern.
Ich gehöre noch einer
Generation an, die zielgerecht und zum Wesentlichen hin orientiert lernen
konnte. Das hatte im Vergleich zu den heutigen Schülern unglaubliche
Vorteile. Zunächst, wir hatten damals das Lernen gelernt, eben jene
Methode, die einen Inhalt zu erfassen versucht, nach Schwerpunkten gliedert,
also den Blick auf das Wesentliche freisetzt und, das ist das Wichtigste,
die Zusammenhänge im Gedächtnis zu speichern vermochte. All das war nur möglich
durch den Erwerb des sogenannten analytischen und synthetischen Denkvermögens,
das mit dem zehnten oder elften Lebensjahr vollzogen sein musste, weil es später
nicht mehr gewonnen werden kann. Daher auch die Bedeutung der ästhetischen
Erziehung, die die Schönheiten der zu erlernenden Inhalte freisetzt: so im
Schönschreiben, im Gedichte lernen, in der Erfahrung mathematischer
Strukturen, aber auch in Musik und Sport.
All dies erleichterte uns
das Lernen ungemein, wir mussten uns nicht immer wieder den gesamten
Lernstoff erarbeiten, wir hatten eben den Großteil in unserem Gedächtnis.
Mir tun unsere Schüler heute wirklich leid, die solches Wissen nicht mehr
vermittelt bekommen. Wir hatten als Schüler und Studenten weit größere
Freiräume, als heute zu denken wäre. Allein hierfür muss ich einen großen
Dank aussprechen. Ich bin mir bewusst, dass meine Dissertation unter dem
Titel: „Die Theorie der Objektbeziehungen in der Psychoanalyse – eine
philosophische Untersuchung“ zur augenblicklichen Zeit keinen Doktorvater
finden würde. Wie dem auch immer sei, der Abschluss war so gut, dass ich
vom damaligen Landesarbeitsamt sofort das Angebot erhielt, als
Philosophielehrer in den Staatsdienst von Nordrhein-Westfalen und, man höre,
von Bayern eintreten zu können. Ich zögerte, Frankfurt war mir so lieb,
ich hatte schon seit einiger Zeit an der Frankfurter Universität einen
klein bemessenen, aber sehr interessanten Lehrauftrag, und ich bastelte an
meiner Habilitation, die nichts Geringeres anvisierte als „Die Übertragung
der Moral“.
Ich zögerte, und da hatte
mich die damalige Sekretärin des philosophischen Fachbereichs auf ein
Stellenangebot hingewiesen, dem ich bass erstaunt gegenüber stand. Die
Unitarische Freie Religionsgemeinde schrieb eine Pfarrerstelle aus. Was ist
das? Keine Ahnung! In meinem Theologiestudium habe ich bis da nichts davon
gehört. Eines war mir damals klar: Zwei Berufe wollte ich nicht ergreifen,
Lehrer und Pfarrer. Obwohl, bezüglich des ersten hatte ich ja schon eine Tätigkeit,
aber das zweite – nicht möglich, kann ich nicht! Ich musste wirklich gedrängt
werden – übrigens von völlig außenstehenden Personen – mich um die
ausgeschriebene Stelle zu kümmern. Das tat ich dann auch, etwas schweren
Herzens, denn ich musste auf etwas verzichten, das ganz schwer zu
beschreiben ist. Sie alle wissen, ich lebte damals in Sachsenhausen, ein
Lebensmittelpunkt, den ich bis heute nicht so ganz verlassen habe. Ich fuhr
mit der Straßenbahn – so etwas wie ein Auto hatte ich natürlich nicht
– in den Stadtwald, ergriff ein Buch und wanderte und las. Ich glaube, ich
habe in jenen Jahren etwa 20.000 Seiten gelesen. Das kann nur ein Verrückter
tun. Übrigens, ich bin nicht einmal gestolpert oder gar in Kot getreten.
Die Technik dafür habe ich bei den Jesuiten in St. Georgen gelernt, und dafür
war ich sehr dankbar. Natürlich ist es etwas ganz anderes, als Pater oder
Theologoiestudent lesend durch den herrlichen Park von St. Georgen zu gehen,
als durch den Stadtwald. Ich habe so manchmal dabei das Gefühl gehabt, dass
Menschen, die mir begegneten, insgeheim dachten: „Der ist nicht so richtig
im Kopf!“ Aber Sie glauben nicht, wie frei die Gedanken beim Lesen in der
Natur sind.
Noch etwas lernte ich in
dieser Zeit, wofür ich sehr dankbar bin: diagonal lesen zu können. Damit
ist die Technik gemeint, Buchseiten überfliegen zu können, um ein
Wesentliches, das es zu suchen gilt, zu finden. Das erspart in manchen Fällen
mühsame und unnötige Lektüre. Gelernt wird so etwas heute nicht mehr, und
mit dem Computer ist das nicht zu machen. Wenn ich heute Kindern vom
Diagonallesen erzähle, dann schauen sie mich an, als käme ich von einer
anderen Welt. Das Buch steht nun einmal im Vergleich zu damals nicht mehr im
Mittelpunkt. Ich hatte beim Erscheinen des ersten Harry Potter Buches die
Hoffnung gehabt, die Kinder würden sich wieder dem Faszinosum des Lesens
hinwenden können. Wenn dies nur zu einem kleinen Teil zu geschehen schien,
dann war das nicht zuletzt der sofort einsetzenden medialen Vermarktung zu
verdanken. Dem Hörbuch folgte sogleich der Film und, damit zwangsläufig
verbunden, ein Desinteresse am Lesen. Für mich wäre das zu meiner Schul-
und Studienzeit unvorstellbar gewesen. Zeiten ändern sich und man selbst ändert
sich auch.
Mit diesem Luxus kann man
kein Geld verdienen. Also kam ich in die Gemeinde. Das war kein leichter
Beginn, ich wurde richtig mit den Beerdigungen ins Wasser gestürzt. Die
liebevolle Hand von Sigurd Taesler zog mich sogleich wieder raus. Hier ist
Dank sagen voll angebracht. Es war mein Glück, dass ich damals über fast
zwei Jahrzehnte Erfahrung in der Jugendarbeit besaß, und mit der Methodik
einer Seelsorge war ich schon irgendwie vertraut. Auf jeden Fall, ich konnte
gut in die Gemeindearbeit eintreten.
Und dann begann das
Abenteuer. Es fügte sich so wunderschön, dass meine philosophischen
Interessen der Tradition unserer Gemeinde so gut entsprachen. Der erste
Angelpunkt war natürlich Spinoza, dessen Theologie sich als das Fundament
der unitarischen Religion erwies, dann Meister Eckart, Nikolaus von Kues und
immer wieder Goethe, der weitere Angelpunkt einer freien Religion, die sich
religionsgeschichtlich denkt. Dann entdeckte ich das, was bis heute mein
Interesse, man kann fast sagen meine Leidenschaft erweckte: Das Verhältnis
der unitarischen Religion zur christlichen Kirchengeschichte. In den bislang
fast drei Jahrzehnten taten sich immer neue Horizonte auf: Immer wieder
erhielt ich von Mitgliedern und Freunden bisher unbekannte Bücher und
Quellen. Wir haben es vielleicht etwas leichter als andere freireligiöse
Gemeinden, denn als Ende der achtziger Jahre die Musterschule für den
Abitursbereich von einer Schülerin verlangte, sie solle sagen, was
unitarische Religion ist - und nicht, was sie nicht ist – kam der Stein
ins Rollen.
Wenn wir es vielleicht
wirklich etwas leichter als die anderen freireligiösen Gemeinden haben
sollten, eine Nuss musste geknackt werden: Die positive Bestimmung der
jeweils eigenen Religion. Nach den damaligen lehramtlichen Richtlinien
wurden negative Abgrenzungen zur Findung des eigenen Standortes abgelehnt.
Aussagen wie: Wir haben keine verbindenden Glaubensinhalte, wir sind nicht
christlich und manches andere sind wir nicht, hatten keinen Bestand mehr. Es
war also nötig, die Geschichte der unitarischen freien Religion, mehr noch,
ihre ureigene freie Theologie freizulegen und zusammenzufassen. Das war
keine leichte Aufgabe, aber für mich unglaublich fesselnd, weil immer
wieder neue Quellen und neue Gesichtspunkte einen erweiternden Blick ermöglichten.
Das war in der Tat ein bis heute andauerndes Abenteuer, das mir viel Freude
schenkte und schenkt! Auch dafür bin ich dankbar.
Aber auch ein anderes
Spektrum muss in diesem Sinne erwähnt werden, die vielen schönen Fahrten
und Reisen, die wir für Kinder, Jugendliche und Erwachsene unserer Gemeinde
erleben und genießen konnten. Sie haben uns in das benachbarte Ausland,
aber vor allem in deutsche Regionen geführt. Ich bin sicher, dass ich, wenn
ich nicht in der Gemeinde tätig gewesen wäre, so viele wunderbare Städte
und Kulturlandschaften in Deutschland nicht zu sehen bekommen hätte. Dafür
wäre ich zu bequem gewesen. So war es gut, dass wir uns immer Neues
erschließen konnten, nämlich ein großes Kulturerbe, das es zu bewahren
gilt.
Wir dürfen nicht
nachlassen, darum zu kämpfen, um Kunst, Geschichte, Kultur und Religion in
ihrer Lebendigkeit zu bewahren, zu erhalten, aber auch weiter zu entwickeln.
Für diese Möglichkeit, in einem großen geistigen Spektrum tätig sein zu
können, bin ich besonders dankbar. Aber auch dafür, so vielen
interessanten, lieben, charaktervollen und manchmal auch schwierigen
Menschen begegnet zu sein. Dabei lernte ich ein ganz Wesentliches für den
menschlichen Umgang: die Freundlichkeit, nicht im Sinne der normalen Höflichkeit,
denn diese war mir bekannt, sondern von ihrem Kern her, der Herzlichkeit.
Natürlich hat die Freundlichkeit manchmal auch etwas Konventionelles an
sich, durchaus und seltener ein Tarnendes. Ihre eigentliche Kraft liegt in
der Mitmenschlichkeit, die mit dem freundlichen Wort oder mit dem
freundlichen Zuhörenkönnen der Menschen einfach gut tut. Die
Freundlichkeit ist eine Mitte des menschlichen Lebens und sie spendet eine Wärme
im Kalten und ein Licht im Dunkeln, und sie lässt das Bedürfnis aufsteigen
Dank zu sagen.
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