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Über die Würde des Menschen

Manuel Tögel
Der erste Artikel unseres Grundgesetzes hebt mit dem Satz an: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Gedanke schmückt als Inschrift ein Frankfurter Gerichtsgebäude. Vor vielen Jahren, ich glaube es war zu der Zeit, als unsere Silbernen ihre Konfirmation hatten, wurde die „Würde“ geklaut und sie war für lange Zeit weg, sie, die „Würde“. Was blieb? „Die ... des Menschen ist unantastbar.“ Es war ein Vorfall, der leicht als Bild zu verstehen sein könnte: man kann also die Würde ganz einfach stehlen, sie dem Menschen wegnehmen. Zur Beruhigung: nach etwa einem Jahr hing die „Würde“ wieder an der alten Stelle und alles war wieder in Ordnung. War es das?

Wenn ich die Zeitabläufe seit 1957 bzw. seit 1982 bedenke, ergibt sich ein durchaus Zwiespältiges: Zum einen ein unbestreitbar Positives: die Anlage zur europäischen Friedensordnung und Einigung, die bei allen so beliebten Unkereien beachtliche Erfolge zu verzeichnen hatte und sicherlich auch weiter haben wird. Des weiteren und ohne Frage damit verbunden, ergab sich die Entwicklung eines Bewusstseins, das, mit Immanuel Kant zu sprechen, sich in weltbürgerlicher Absicht zu begreifen scheint. Im Bewusstsein, den Menschen notwendig als sittliches Wesen annehmen zu müssen, ergibt sich zwangsläufig die Einsicht, dass auch Staaten untereinander gemäß sittlicher Normen zu verkehren haben. Nach Kant ist dies eben nicht ein schönes Ideal, sondern eine notwendige Bedingung der Möglichkeit für die Sittlichkeit des Menschen.

Es ist mittlerweile gewiss, dass beachtliche Schritte in Richtung des Weltbürgertums unternommen wurden. Doch eines darf man nicht vergessen, dass, wenn man das ethische Gebot, das Kant aufgestellt hat, ernst nimmt, jede Form eines Krieges dem zuwider läuft. Der Krieg zerstört die Moralität und Sittlichkeit nicht nur der Besiegten, sondern auch der Sieger. In jedem Falle wird die Würde des Menschen mit Füßen getreten und vielfach nimmt der Drang überhand, sie gänzlich zu vernichten. Wenn wir in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von diesbezüglichen Lehrstücken erleben mussten, dürfte um so klarer geworden sein, dass die Idee, den Menschen in weltbürgerlicher Absicht zu begreifen, genauso ihre weitere notwendige Gültigkeit besitzt, wie die Idee der Würde des Menschen. Ohne beide können wir weder in unserer Menschlichkeit leben, noch in unserer Menschenwürde. Aber gerade darin tut sich die eben besprochene Zwiespältigkeit auf. Sie liegt sicherlich in den vermeintlich nur theoretischen Vorgaben, die der Humanitätsgedanke seit der Antike, aber auch über die großen Dichter und Denker des Mittelalters erfahren hat, die aber spätestens seit Erasmus von Rotterdam in dem gebildeten Bewusstsein ihren Niederschlag gefunden haben. Mit der international wirkenden Aufklärung wird seit dem 16. Jahrhundert die Forderung, die Würde des Menschen einklagen zu müssen, zum Grundgedanken des bürgerlichen Freiheitsstrebens. Eine solche Forderung sollte sich fortan als untrennbar mit dem Demokratieverständnis erweisen. Stehen die Menschen hinter einer solchen Grundordnung, kann sie Bestand haben, verlieren sie sich aber in Gleichgültigkeit, Passivität und Unbildung, wird die Demokratie Kraft und Ausstrahlung einbüßen. Diese Zwiespältigkeit liegt in uns selbst. Demokratie lebt von Engagement und Bildung – fehlen diese, wird jene kaum mehr merklich.

Dass Ideen und Ideale sich in den geschichtlichen Abläufen wandeln und ändern, ist genauso festzuhalten wie die Einsicht, dass ein Kernbereich des Wertbestandes sich bei allem Wechsel erhält und die jeweilige Zeit zur Ausstattung der Werte beiträgt. Nehmen Sie allein das Begriffspaar Tapferkeit und Pünktlichkeit. Wie viel Mittelalterliches und Neuzeitzopfliches haftet an ihm. Auf Zivilcourage und Zuverlässigkeit wollen wir nun wirklich in Zukunft nicht verzichten. Das ist natürlich die Aufgabe der Erziehung. Dass diese nicht fremd bestimmt erfolgen kann, wissen wir spätestens seit Herder. Erziehung ist letztlich die ureigene Aufgabe des Menschen selbst, um zur wahren Humanität zu gelangen. Ohne äußere und innere Kämpfe gelingt es nicht, Werte, Ideen und Ideale zu erringen. Es ist aber kein überspannter Idealismus gefragt, denn die Zustimmung zu Werten muss aus dem Inneren erfolgen. Damit erhalten diese ein Schillerndes und ein Gefährdetes, statt die menschliche Natur zu leiten, sind sie ihr ausgesetzt. Es ist in dieser Hinsicht erstaunlich, dass der bedeutendste englische Philosoph des 17. Jahrhunderts, Thomas Hobbes, in den Lehrplänen deutscher Schulen in den letzten fünfzehn Jahren plötzlich auftauchte. Auf das Kürzeste seine Lehre: Der Mensch ist von Natur aus dem anderen Menschen ein Wolf und sucht in jeder Brutalität seine Interessen durchzusetzen; dieser Trieb indes verbindet alle Menschen und würde unwillkürlich zu deren Ausrottung führen. Gerade aus dem Selbsterhaltungstrieb heraus, und das ist wiederum ein Schillerndes, findet der Mensch zu einer höheren Gemeinschaft, dem Staat, der nunmehr die Herrschaft über die Menschen wahrnimmt. Ob dann der Staat letztlich als Ungeheuer, als der Hobbessche Leviathan zu begreifen ist, mag dahin stehen. Auf jeden Fall stellt sich dann die Frage: Wo bleibt die Würde des Menschen, bei ihm selbst oder beim Staat?

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass unsere Religionsschüler, bevor die Thematik im allgemeinen Schulunterricht auftauchte, schon längst mit Hobbes Theorien vertraut waren. Ein Vorteil, der nicht vom Himmel gefallen ist, denn seit Gründung unserer Gemeinde 1845 stand der Bildungsauftrag für Menschen und ihre Gemeinschaft stets im Zentrum. Ich hatte noch das Vergnügen, mit Mitgliedern sprechen zu dürfen, die bei Pfarrer Klauke Religionsunterricht erhielten. Sie waren in der Erinnerung restlos begeistert, schwärmten und verwiesen auf die menschlichen, geistigen und religiösen Grundlagen, die ihnen damals zuteil wurden. Das ist jetzt hundert Jahre her!

Aber auch Ihnen, liebe goldene Konfirmanden, brauche ich nicht viel zu erzählen. Die Ausstrahlung von Pfarrer Clemens Taesler muss ungemein gewesen sein, genauso wie seine unnachahmliche Weise religiöser und geistiger Vermittlung. Von diesen honorigen und gewichtigen Hindergründen her traue ich mich kaum, euch, die silbernen Konfirmanden anzusprechen: so würdig ging es bei uns damals nicht zu. Aber aus dem sicherlich vorhandenen Chaos ging immer ein Konstruktives hervor. Wenn mir die Vermittlung von Bildung stets eine Herzensangelegenheit war, fand ich bei euch, bei allem zwischenzeitlichen Unfug, immer interessierte Hörer und engagierte Teilnehmer, zum Beispiel bei kunst- und kulturgeschichtlichen Exkursionen, deren Inhaltsschwere etliche Erwachsene erschreckt hätten. Ihr machtet mit, und wir hatten unseren Spaß. Spaß, das ist es wiederum, was einen Wert betrifft. Wir hatten Freude und Vergnügen, aber nicht im Sinne einer Spaßgesellschaft. Wenn ich euch, liebe silberne Konfirmanden, für die Erfahrung danke, gemeinsam eine Vermittlung von Kultur und Religion mit Unverkrampftheit und Freude erleben zu könnten, so weiß ich ganz bestimmt, dass Sie, liebe goldene Konfirmanden, nicht das Gleiche, aber ein Ähnliches erfahren konnten. Clemens Taesler war bei allen Schwernissen des Dritten Reiches und den Schwierigkeiten der Nachkriegszeit immer ein humorvoller Mensch geblieben, zu Witz und Scherz stets in der Lage, dazu mit einem ungeheuren Wissen ausgestattet, das er so unmerklich in die menschliche Aufmerksamkeit tragen konnte. Und Sie alle, liebe goldene Konfirmanden, haben Pfarrer Sigurd Taesler erlebt, seine so professionelle und doch lockere Jugendarbeit, die doch immer getragen war von einer ethischen Forderung, ganz im Sinne Kants: „bemüht euch immer um sittliche Ideale“. Dazu trat Sigurd Taeslers Anliegen, die Philosophie der Stoa näher zu bringen, deren Güte, Freundlichkeit und vor allem deren große Devise: „Nichts Menschliches sei dem Menschen fremd“.

Damit kehren wir wieder zu unserem Thema „Die Würde des Menschen“ zurück. Wie weit hat sie eine religiöse Dimension, ist sie gar eine romantische Idee? Ein reiner Rechtsbegriff kann sie nicht sein, oder – wenn sie gestohlen wird? Sie ist ein Rechtsbegriff, ohne sie ist Recht nicht möglich. Wir leben unabweislich von Werten, Ideen und Idealen. Auch wenn sie alle als Postulate erscheinen, die manches Mal kaum umzusetzen sind, kann menschliches Leben ohne sie nicht erträglich sein. Wenn Clemens Taesler vor fünfzig Jahren den Begriff der „Vervollkommnung“ zum Ansatz brachte, war das keine verblasene Phrase, sondern ein grundlegender Ansporn, zur Menschlichkeit des Menschen zu gelangen und damit jenen hohen Anspruch einzulösen: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Manuel Tögel

 
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