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Der erste Artikel unseres Grundgesetzes hebt mit
dem Satz an: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Gedanke
schmückt als Inschrift ein Frankfurter Gerichtsgebäude. Vor vielen Jahren,
ich glaube es war zu der Zeit, als unsere Silbernen ihre Konfirmation
hatten, wurde die „Würde“ geklaut und sie war für lange Zeit weg, sie,
die „Würde“. Was blieb? „Die ... des Menschen ist unantastbar.“ Es
war ein Vorfall, der leicht als Bild zu verstehen sein könnte: man kann
also die Würde ganz einfach stehlen, sie dem Menschen wegnehmen. Zur
Beruhigung: nach etwa einem Jahr hing die „Würde“ wieder an der alten
Stelle und alles war wieder in Ordnung. War es das?
Wenn ich die Zeitabläufe seit 1957 bzw. seit
1982 bedenke, ergibt sich ein durchaus Zwiespältiges: Zum einen ein
unbestreitbar Positives: die Anlage zur europäischen Friedensordnung und
Einigung, die bei allen so beliebten Unkereien beachtliche Erfolge zu
verzeichnen hatte und sicherlich auch weiter haben wird. Des weiteren und
ohne Frage damit verbunden, ergab sich die Entwicklung eines Bewusstseins,
das, mit Immanuel Kant zu sprechen, sich in weltbürgerlicher Absicht zu
begreifen scheint. Im Bewusstsein, den Menschen notwendig als sittliches
Wesen annehmen zu müssen, ergibt sich zwangsläufig die Einsicht, dass auch
Staaten untereinander gemäß sittlicher Normen zu verkehren haben. Nach
Kant ist dies eben nicht ein schönes Ideal, sondern eine notwendige
Bedingung der Möglichkeit für die Sittlichkeit des Menschen.
Es ist mittlerweile gewiss, dass beachtliche
Schritte in Richtung des Weltbürgertums unternommen wurden. Doch eines darf
man nicht vergessen, dass, wenn man das ethische Gebot, das Kant aufgestellt
hat, ernst nimmt, jede Form eines Krieges dem zuwider läuft. Der Krieg
zerstört die Moralität und Sittlichkeit nicht nur der Besiegten, sondern
auch der Sieger. In jedem Falle wird die Würde des Menschen mit Füßen
getreten und vielfach nimmt der Drang überhand, sie gänzlich zu
vernichten. Wenn wir in den letzten Jahrzehnten eine Reihe von diesbezüglichen
Lehrstücken erleben mussten, dürfte um so klarer geworden sein, dass die
Idee, den Menschen in weltbürgerlicher Absicht zu begreifen, genauso ihre
weitere notwendige Gültigkeit besitzt, wie die Idee der Würde des
Menschen. Ohne beide können wir weder in unserer Menschlichkeit leben, noch
in unserer Menschenwürde. Aber gerade darin tut sich die eben besprochene
Zwiespältigkeit auf. Sie liegt sicherlich in den vermeintlich nur
theoretischen Vorgaben, die der Humanitätsgedanke seit der Antike, aber
auch über die großen Dichter und Denker des Mittelalters erfahren hat, die
aber spätestens seit Erasmus von Rotterdam in dem gebildeten Bewusstsein
ihren Niederschlag gefunden haben. Mit der international wirkenden Aufklärung
wird seit dem 16. Jahrhundert die Forderung, die Würde des Menschen
einklagen zu müssen, zum Grundgedanken des bürgerlichen Freiheitsstrebens.
Eine solche Forderung sollte sich fortan als untrennbar mit dem
Demokratieverständnis erweisen. Stehen die Menschen hinter einer solchen
Grundordnung, kann sie Bestand haben, verlieren sie sich aber in Gleichgültigkeit,
Passivität und Unbildung, wird die Demokratie Kraft und Ausstrahlung einbüßen.
Diese Zwiespältigkeit liegt in uns selbst. Demokratie lebt von Engagement
und Bildung – fehlen diese, wird jene kaum mehr merklich.
Dass Ideen und Ideale sich in den
geschichtlichen Abläufen wandeln und ändern, ist genauso festzuhalten wie
die Einsicht, dass ein Kernbereich des Wertbestandes sich bei allem Wechsel
erhält und die jeweilige Zeit zur Ausstattung der Werte beiträgt. Nehmen
Sie allein das Begriffspaar Tapferkeit und Pünktlichkeit. Wie viel
Mittelalterliches und Neuzeitzopfliches haftet an ihm. Auf Zivilcourage und
Zuverlässigkeit wollen wir nun wirklich in Zukunft nicht verzichten. Das
ist natürlich die Aufgabe der Erziehung. Dass diese nicht fremd bestimmt
erfolgen kann, wissen wir spätestens seit Herder. Erziehung ist letztlich
die ureigene Aufgabe des Menschen selbst, um zur wahren Humanität zu
gelangen. Ohne äußere und innere Kämpfe gelingt es nicht, Werte, Ideen
und Ideale zu erringen. Es ist aber kein überspannter Idealismus gefragt,
denn die Zustimmung zu Werten muss aus dem Inneren erfolgen. Damit erhalten
diese ein Schillerndes und ein Gefährdetes, statt die menschliche Natur zu
leiten, sind sie ihr ausgesetzt. Es ist in dieser Hinsicht erstaunlich, dass
der bedeutendste englische Philosoph des 17. Jahrhunderts, Thomas Hobbes, in
den Lehrplänen deutscher Schulen in den letzten fünfzehn Jahren plötzlich
auftauchte. Auf das Kürzeste seine Lehre: Der Mensch ist von Natur aus dem
anderen Menschen ein Wolf und sucht in jeder Brutalität seine Interessen
durchzusetzen; dieser Trieb indes verbindet alle Menschen und würde unwillkürlich
zu deren Ausrottung führen. Gerade aus dem Selbsterhaltungstrieb heraus,
und das ist wiederum ein Schillerndes, findet der Mensch zu einer höheren
Gemeinschaft, dem Staat, der nunmehr die Herrschaft über die Menschen
wahrnimmt. Ob dann der Staat letztlich als Ungeheuer, als der Hobbessche
Leviathan zu begreifen ist, mag dahin stehen. Auf jeden Fall stellt sich
dann die Frage: Wo bleibt die Würde des Menschen, bei ihm selbst oder beim
Staat?
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass
unsere Religionsschüler, bevor die Thematik im allgemeinen Schulunterricht
auftauchte, schon längst mit Hobbes Theorien vertraut waren. Ein Vorteil,
der nicht vom Himmel gefallen ist, denn seit Gründung unserer Gemeinde 1845
stand der Bildungsauftrag für Menschen und ihre Gemeinschaft stets im
Zentrum. Ich hatte noch das Vergnügen, mit Mitgliedern sprechen zu dürfen,
die bei Pfarrer Klauke Religionsunterricht erhielten. Sie waren in der
Erinnerung restlos begeistert, schwärmten und verwiesen auf die
menschlichen, geistigen und religiösen Grundlagen, die ihnen damals zuteil
wurden. Das ist jetzt hundert Jahre her!
Aber auch Ihnen, liebe goldene Konfirmanden,
brauche ich nicht viel zu erzählen. Die Ausstrahlung von Pfarrer Clemens
Taesler muss ungemein gewesen sein, genauso wie seine unnachahmliche Weise
religiöser und geistiger Vermittlung. Von diesen honorigen und gewichtigen
Hindergründen her traue ich mich kaum, euch, die silbernen Konfirmanden
anzusprechen: so würdig ging es bei uns damals nicht zu. Aber aus dem
sicherlich vorhandenen Chaos ging immer ein Konstruktives hervor. Wenn mir
die Vermittlung von Bildung stets eine Herzensangelegenheit war, fand ich
bei euch, bei allem zwischenzeitlichen Unfug, immer interessierte Hörer und
engagierte Teilnehmer, zum Beispiel bei kunst- und kulturgeschichtlichen
Exkursionen, deren Inhaltsschwere etliche Erwachsene erschreckt hätten. Ihr
machtet mit, und wir hatten unseren Spaß. Spaß, das ist es wiederum, was
einen Wert betrifft. Wir hatten Freude und Vergnügen, aber nicht im Sinne
einer Spaßgesellschaft. Wenn ich euch, liebe silberne Konfirmanden, für
die Erfahrung danke, gemeinsam eine Vermittlung von Kultur und Religion mit
Unverkrampftheit und Freude erleben zu könnten, so weiß ich ganz bestimmt,
dass Sie, liebe goldene Konfirmanden, nicht das Gleiche, aber ein Ähnliches
erfahren konnten. Clemens Taesler war bei allen Schwernissen des Dritten
Reiches und den Schwierigkeiten der Nachkriegszeit immer ein humorvoller
Mensch geblieben, zu Witz und Scherz stets in der Lage, dazu mit einem
ungeheuren Wissen ausgestattet, das er so unmerklich in die menschliche
Aufmerksamkeit tragen konnte. Und Sie alle, liebe goldene Konfirmanden,
haben Pfarrer Sigurd Taesler erlebt, seine so professionelle und doch
lockere Jugendarbeit, die doch immer getragen war von einer ethischen
Forderung, ganz im Sinne Kants: „bemüht euch immer um sittliche
Ideale“. Dazu trat Sigurd Taeslers Anliegen, die Philosophie der Stoa näher
zu bringen, deren Güte, Freundlichkeit und vor allem deren große Devise:
„Nichts Menschliches sei dem Menschen fremd“.
Damit kehren wir wieder zu unserem Thema
„Die Würde des Menschen“ zurück. Wie weit hat sie eine religiöse
Dimension, ist sie gar eine romantische Idee? Ein reiner Rechtsbegriff kann
sie nicht sein, oder – wenn sie gestohlen wird? Sie ist ein Rechtsbegriff,
ohne sie ist Recht nicht möglich. Wir leben unabweislich von Werten, Ideen
und Idealen. Auch wenn sie alle als Postulate erscheinen, die manches Mal
kaum umzusetzen sind, kann menschliches Leben ohne sie nicht erträglich
sein. Wenn Clemens Taesler vor fünfzig Jahren den Begriff der
„Vervollkommnung“ zum Ansatz brachte, war das keine verblasene Phrase,
sondern ein grundlegender Ansporn, zur Menschlichkeit des Menschen zu
gelangen und damit jenen hohen Anspruch einzulösen: „Die Würde des
Menschen ist unantastbar“.
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