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Wenn Robert Blum als der hervorragendste
Streiter der Freien Religion in ihrer Anfangsphase zu betrachten ist, und
wir seiner zum Anlass seines 200. Geburtsjahres gedenken wollen, wird es
unausweichlich sein, uns des Zeitraumes und des Zeitverständnisses zu
erinnern, die Blums Wirken erst begreiflich machen können. Dazu müssen wir
zu einer neuen und erweiterten Sicht der Grundlagen gelangen, die die
Ereignisse der Märzrevolution, des Vorparlaments und der
Nationalversammlung in Frankfurt am Main verdeutlichen. Damit berühren wir
die Schicksalsfrage des Deutschen Staates und seiner Nation.
Nach dem Untergang des Heiligen römischen
Reiches, eben nicht „deutscher Nation“, 1806, entstand in den deutschen
Ländern, die hat es natürlich schon 800 Jahre gegeben, ein wachsendes Bedürfnis,
sich deutsch zu verstehen und zu begreifen, gerade im Angesicht der französischen
Vormachtstellung in Europa. Eine erste Kulmination fand jenes Bedürfnis in
den Befreiungskriegen 1813 bis 1815. Die endgültige Niederlage Napoleons
bewirkte zweierlei: Zum einen die verstärkte Forderung des gebildeten Bürgertums,
das ja gerade für die Freiheit oder besser gesagt für die Befreiung gekämpft
hatte, nach politischen Rechten und den von den Fürsten versprochenen
Verfassungen; und zum anderen eine verstärkte Zwangslage der Fürsten, sich
selbst und ihre Staaten zu legitimieren. Die Grundlage nämlich ihrer
Herrschaft, Standeserhöhung und ihrer Territorien verdankten sie Napoleon
und nicht einer legitimen Nachfolge aus dem Heiligen römischen Reich.
Dieses Dilemma musste mit aller Gewalt
vertuscht werden, und so war es ganz folgerichtig für die Fürsten, sich
ganz eng an den vielleicht einzig legitimen Herrscher anzulehnen, den österreichischen
Kaiser Franz I., vormals der letzte römische Kaiser unter dem Namen Franz
II.. Das alte Reich konnte nicht mehr restituiert werden und eine neues
musste her: der Deutsche Bund. Dieser erste Deutsche Staat, dessen Grenzen
von Fallersleben besungen wurden, ist vom deutschen Bürgertum kaum
angenommen worden, obwohl er die 1848 diskutierte Groß- oder Kleindeutsche
Lösung mit beinhaltete und obwohl er ein föderatives Gleichgewicht besaß.
Zudem enthielt die Bundesakte, sein Grundgesetz, viele Perspektiven
politischer und wirtschaftlicher Natur, deren Entwicklung zum einen
blockiert und zum anderen sich selbst überlassen wurde, siehe Zollverein.
Von heutiger Sicht scheint es verhängnisvoll,
dass die Nationalversammlung von 1848 nie ernsthaft erwogen hat, vom
Deutschen Bund als rechtsstaatlichem Fundament auszugehen und auf diesem ein
vernünftiges, föderatives Staatswesen zu errichten. Statt dessen
diskutierte man viel zu lange über die groß- oder kleindeutsche Lösung,
also über einen Nationalstaat mit oder ohne Österreich.
Es ist nochmals zu betonen, dass der Deutsche
Bund niemals als der erste deutsche Staat angesehen wurde und bis heute
wird: ein durchaus ungeschichtlicher und sogar irrationaler Bestand. Vier Gründe
sollen ihn verdeutlichen:
- Der
Deutsche Bund scheiterte insgesamt an der reaktionären Haltung des Großteils
seiner Fürsten. Er wurde einfach als ein metternichsches Produkt
angesehen.
- Dieses
Reaktionäre basierte nicht zuletzt auf der ungelösten Frage der
Legitimität der Fürsten und ihrer Territorien.
- Damit
war ein seltsames Geschichtsbewusstsein verbunden, das seine vielen
Unsicherheiten kaschieren musste. Ein Titel mag genügen: „Die
Romantik und die Rekonstruktion der Deutschen Geschichte.“
- Eine
besondere Bedeutung hatte der Zustand der christlichen Kirchen, die jede
Form von Aufklärung und Liberalität als Teufelswerk bekämpften und im
Pathos der Restauration erstarrten.
Die Proteste, die bislang erfolgten, waren
das Wartburgfest der Burschenschaften 1817, das Hambacher Fest 1832 und der
Putsch an der Frankfurter Hauptwache 1833 allesamt regionale Ereignisse. Sie
berührten nur einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung und beinhalteten
sehr liberale Forderungen nach politischer Freiheit– sie waren übrigens
in ihrer Haltung sehr europäisch gesonnen und forderten die politische
Freiheit für alle Völker und Nationen Europas. Die Kehre zum Nationalismus
erfolgte erst durch die Ereignisse 1840 in Frankreich.
Der französische „Bürgerkönig“ Louis
Philippe wollte dem Nationalismus seines Landes schmeicheln, indem er sich,
scheinbar risikolos, auf ein Nahostabenteuer einließ. Er unterstützte den
ägyptischen Pascha in dessen Loslösungsstrategie vom Osmanischen Reich und
weiterhin des Paschas Expansion nach Syrien. Die europäischen Großmächte
stellten sich dem auf das Schärfste entgegen, Frankreich fand sich völlig
isoliert und seine nationalen Absichten endeten in einer Blamage. Die französischen
Zeitungen tobten, und in einer Trotzreaktion behaupteten sie, der Rhein sei
die natürliche Grenze Frankreichs. Die Reaktion in Deutschland war wirklich
überraschend. Das bislang durchaus profranzösisch gesinnte Bürgertum
erregte sich aufs Stärkste, mit noch schärferen Tönen als 1813 bei den
Befreiungskriegen. Der Deutsch-Französische Gegensatz ward jetzt eigentlich
geboren und sollte fortan sein Unwesen treiben.
Doch der eigentliche Protest gegen die
Unfreiheit im eigenen Land, der wirklich einen großen Teil des Bürgertums
erfasste, erfolgte von einer ganz anderen Seite, die wiederum in der
Geschichte zu wenig Beachtung fand, nämlich von der Deutsch-Katholischen
Bewegung.
Der bekannte Anlass, die Ausstellung des
sogenannten „Heiligen Rocks“ zu Trier, 1844, und der offene Brief von
Johannes Ronge als Reaktion darauf, stieß in Deutschland auf eine ungeahnte
Resonanz. Es entstand beinahe so etwas wie eine Volksbewegung, die
Hunderttausende erfasste. In wenigen Jahren wurden Hunderte von Gemeinden
gegründet, deutschkatholischer- und evangelischerseits, die der
Lichtfreunde. Alle waren von dem Gedanken erfasst, eine neue Deutsche Kirche
zu gründen. Dass dies 1849 über weite Strecken scheiterte und die
Deutschkatholische Bewegung fast in die Bedeutungslosigkeit versank, darf
aber nicht dazu führen, die geschichtliche Stellung dieser Bewegung aus den
Augen zu verlieren, vor allem was ihre Rolle in den Jahren 1845 bis 1848
anbelangt.
Es ist nun notwendig, das Phänomen des
Deutschkatholizismus zu klären. Er steht nicht in der Kontinuität der
englischen Deisten, der deutschen Neologen und deren Theologie, die die spät-antike
Religion des Christentums ablehnten und ein ursprüngliches Christentum der
natürlichen Religion anvisierten. Er hat vielmehr seine Wurzel in dem
vehementen Protest des Johannes Ronge gegen die finstere, mittelalterlich
anmutende Religiosität der römisch katholischen Kirche. Die Ausstellung
des „Heiligen Rocks“ wurde von vielen Menschen als reiner Götzendienst
aufgefasst und verurteilt. Wenn damit der offene Brief von Ronge auf große
Resonanz stieß, war noch lange nicht eine größere Bewegung erzeugt.
Dass diese dann als Deutschkatholische in die
Geschichte trat, war nicht zuletzt das große Verdienst von Robert Blum,
geboren am 10. November 1807 in Köln, erschossen am 9. November 1848 in
Wien. In kleinbürgerlichen Verhältnissen groß geworden, konnte er
aufgrund seiner Begabung das Jesuitengymnasium besuchen, das er aber mangels
Geld bald wieder verlassen musste. Er machte eine Lehre als Klempner und zog
1829 nach Berlin, besuchte Vorlesungen, wurde zum Militärdienst eingezogen
und ging schließlich 1832 nach Leipzig, wo er Theatersekretär und 1.
Kassierer des Stadttheaters wurde.
Nunmehr konnte er seine vielfältigen
Begabungen entwickeln, als Buchhändler, Verleger, Theaterkritiker und
Schriftsteller, vor allem aber als begnadeter Redner. 1845 wurde er zum
Stadtverordneten gewählt. In diesem Jahr war er schon voll in seinem
eigentlichen Beruf tätig: Organisator der Deutschkatholischen Bewegung. Am
15. Oktober 1844 erschien Ronges offener Brief in Robert Blums Zeitung, den
„Sächsischen Vaterlandsblättern“. Der kirchliche Reformstau wurde als
ungeheuer belastend empfunden und Blum sorgte für dessen Kanalisierung.
Zahlreiche deutschkatholische Gemeinden wurden im Zuge einer allgemein als
gut empfundenen Reformbewegung gegründet. Blum war unermüdlich tätig, um
literarisch und vor allem durch seine Redegabe die neue Organisation
voranzubringen, dabei half ihm die staatliche Zensur und die wütenden
Reaktionen der Kirchen ungemein.
Der Ruf nach kirchlichen Reformen und religiöser
Freiheit trat gegenüber dem Ruf nach politischer Freiheit bald in das
zweite Glied. Zwar gelang es Robert Blum noch, ein erstes
Deutschkatholisches Konzil am 23. März 1845 nach Leipzig einzuberufen und
ein zweites im Mai 1847 nach Berlin (es gab schon 250 Gemeinden in
Deutschland), aber der religiöse Reformstau wurde Zug um Zug vom
politischen Reformstau aufgesogen. Was die Bewegung damals so stark machte
und im Volk so große Resonanz auslöste, war ihr zunehmender Charakter als
Katalysator, politische Forderungen, die öffentlich nicht zu tätigen
waren, in religiöse umzugießen. Damit waren beide auf Gedeih und Verderb
miteinander verbunden. Als dann im März 1848 die Revolution in Paris
ausbrach, sprang auch der Funke nach Deutschland über und der Ruf nach
politischer Freiheit und nationaler Einheit war nicht mehr zum Schweigen zu
bringen.
Wenn wir auch an dieser Stelle den Verlauf
und das Schicksal der Paulskirchenbewegung nicht behandeln können, müssen
doch einige grundsätzliche Überlegungen dazu angestellt werden.
Der Deutschkatholizismus war ohne Frage eine,
vielleicht die treibende Kraft in den Jahren des Vormärzes. Daher ist auch
die überproportionale Vertretung seiner Anhänger im Vorparlament und in
der Nationalversammlung zu verstehen. Weder politisch noch religiös schien
man für die drängenden Fragen und Probleme vorbereitet zu sein, obwohl
sich die offensichtliche Elite Deutschlands in Frankfurt versammelte.
Bewerkstelligt wurde die Verfassung, die erste Urkunde deutscher Demokratie,
dann aber kam die endlose Debatte über ein Groß- oder Kleindeutsches
Reich. Als sich endlich die kleindeutsche Lösung durchsetzte, also Österreich
sich ausgeschlossen fand, war es dem preußischen König nicht möglich,
eine Kaiserwürde anzunehmen.
Dem explosionsartigen Ersterfolg der
deutschkatholischen Bewegung, aber auch und damit verbunden der
Nationalversammlung, folgte ein ebenso schnelles Zusammenbrechen. Es muss
ganz deutlich gemacht werden, dass für beides die Gestalt von Robert Blum
steht. Seine Erschießung am 9. November 1848 in Wien auf der Brigittenau
wurde zum Fanal, und als solches war es sicherlich beabsichtigt. Golo Mann
beschreibt in seinem Werk „Deutsche Geschichte des 19. und 20.
Jahrhunderts“ die Zusammenhänge wie folgt:
„Unter den Opfern der Kriegsgeschichte war
ein Mitglied der Paulskirche, der populäre und redliche Führer der Linken,
Robert Blum. Er war nach Österreich gekommen im Auftrag seiner Partei, um
zu sehen, zu klären, zu helfen. Blum war seit dem September tief entmutigt
über die Entwicklung der deutschen Dinge, für die er alles aufs Spiel
gesetzt hatte; schon dachte er daran, auszuwandern oder sich für immer von
der Politik zurückzuziehen. Aus Pflichttreue, ohne Hoffnung, blieb er bei
der Sache. Mitten in die Schlacht um die Verteidigung Wiens geraten, übernahm
er ein Kommando und machte sich so, juristisch gesprochen, schuldig. Seine
Erschießung war aber ein politischer, zwischen Windisch-Graetz und dem
neuen österreichischen Regierungschef, Fürst zu Schwarzenberg,
verabredeter Akt. Man wollte der deutschen Nationalversammlung zeigen, was
man von ihr hielt und wie die Machtverhältnisse nun in Wirklichkeit
lagen.“
Sowohl der deutschen Demokratie als auch der
deutschkatholischen Bewegung stand eine mühselige Zukunft bevor. Es war ein
Schicksal, das beide nicht für ihre Aufgaben vorbereitet waren. Ein
Umstand, den wir an anderer Stelle erörtern wollen. Nur so viel sei bezüglich
des Deutschkatholizismus gesagt, er konnte den Erfolg seines großartigen
Starts nicht halten oder gar weiter entwickeln, weil er sich
religionsgeschichtliche nicht in der Lage gefunden hat, an die große
Tradition des arianischen oder unitarischen Christentums oder auch an die
der Deisten und Neologen anzuknüpfen und eine eigene Theologie zu
entwickeln. Allein der Ruf nach einer überkonfessionellen „Deutschen
Kirche“ reichte bei weitem nicht aus, um sich halten zu können. Dazu trat
der Individualismus deutschkatholischer Gemeinden, der die Suche nach einem
verbindenden Glauben und einer ihn tragenden freien Theologie ausschloss.
Gerade in dieser Hinsicht muss das Verdienst
unseres Altpfarrers Wilhelm Flos, er amtierte von 1847 bis 1884,
hervorgehoben werden, der dem theologischen Defizit zuvorkommen wollte. Dies
tätigte er zum einen durch die Rückbesinnung auf religiöses Denken der
Aufklärung und zum anderen durch die Übersetzung unitarischer Schriften in
Deutsche und vor allem durch die Aufnahme von Kontakten zum angelsächsischen
Unitariertum. Damit hat Wilhelm Flos, einst Mitglied des Vorparlaments der
Paulskirche, die Grundausrichtung unserer Gemeinde mitbestimmt. Er tat dies
ganz gewiss im Hinblick auf die Entwicklung, die die freireligiöse Bewegung
nehmen sollte.
Die allzu enge Verbindung religiöser mit
politischen Forderungen, die für die deutschkatholische und später
freireligiöse Bewegung zu einem leitenden Thema wurde, ließen die
eigentliche religiöse und freitheologische Aufgabenstellung der Gemeinden
in den Hintergrund treten.. Und Robert Blum? War sein Wirken nur eine
Episode? Ja und Nein. Ja, aber eine bedeutsame in der deutschen Geschichte.
Nein, weil sein Idealismus zu einem wirklichen Urbild menschlichen,
politischen und religiösen Freiheitsstreben wurde.
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