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Der Geist der Zeit

Manuel Tögel

Wenn Hegel die Lebendigkeit des Geistes nicht zuletzt in der Erkenntnis der Geschehen und Bewegungen der Zeit, in der er ist, sieht, dann müssen wir eine solche Anstrengung auf uns nehmen, solches zu tätigen. 

Keine Sorge, es geht nicht in der Hegelschen Manier weiter, aber interessant ist es doch wirklich, die Zeit zu begreifen, in der wir leben. Das ist leichter gesagt als gedacht. Zunächst stoßen wir auf eine Fülle von Befindlichkeiten, die uns bewegen und eine klare Sicht überschatten. Da fällt zuerst der Drang auf, das Negative in das Zentrum unserer Mitteilungen zu stellen, man kann es auch das Jammern ob so vielem, was uns bedrängt und umgibt. Das nimmt manches Mal kuriose Formen an, wir können sie immer wieder an uns selbst und unseren Mitmenschen beobachten. Es geht um so etwas beiläufiges wie das Wetter: mal ist es zu heiß, mal ist es zu kalt, mal ist es zu trocken, mal ist es zu nass, mal ist es der Jahreszeit nicht gemäß und mal ist es dieser zu gemäß, auf jeden Fall ist es nie richtig. Wenn jemand in einen Kreis tritt und behauptet, das Wetter sei doch eigentlich schön, wird er sofort heftigen Widerspruch ernten und sich bald in der Runde des gemeinsamen Klagens befinden. Nicht selten erwischt man sich selbst bei einer solchen Albernheit. 

Der Einfluss des Klimas auf Geschichte und Kunst ist ein ungemein interessantes Thema, mit dem man fast ein unbekanntes Neuland betritt. Wenn man allein die letzten 1200 Jahre betrachtet, lässt sich ein gravierender Wechsel zwischen sehr kalten und sehr heißen Jahrhunderten feststellen, zum Teil auch von Jahrzehntefolgen, die klimatisch sehr entgegensetzt waren. Diese Erkenntnis lässt sich aus den Ertragsbüchern der Stifte, Klöster und auch Städte gewinnen. Dieses Phänomen hat in einem wesentlich größeren Maße die jeweiligen Bauaufträge und deren Verlauf bestimmt, als man erahnen konnte. Es ging dabei um die Gründung, den Ausbau und die Erweiterung von Kirchen, Städten und Burgen. Es waren nicht nur Kriege nach außen oder nach innen, die den Umfang und die Zeitdauer der Bauvorhaben bestimmten, sondern genauso sehr das Klima, das sich durch die Ertragsaufkommen, sprich Ernten, auf den Verlauf baulicher Aktivitäten auswirkte. Mit diesem spannenden Thema werden wir uns bei einer anderen Gelegenheit beschäftigen. 

Es geht somit, um auf den obigen Gedankengang zurückzukommen, gar nicht um die tiefere Frage nach der Entwicklung unseres Weltklimas als vielmehr um das Ausdrücken einer Unzufriedenheit. Diese ist bei einer normalen Kommunikation beinahe zu einem Leitmotiv geworden. Ob Politik, die Preise, der Euro, die Gastronomie, egal was berührt wird, das Klagen ist allgegenwärtig. Es wäre indes töricht, die dahinterstehenden Anlässe zu ignorieren und ihre berechtigten Gründe wegzuwischen, denn diese sind wirklich vielfältig gegeben. Tatsache ist aber, dass die Befindlichkeit des sich Aalens im Negativen doch sehr hervorsticht. Dass der Appell, das Positive zu sehen und zu suchen, nicht so daher gesprochen ist, möchte ich an einem netten Beispiel verdeutlichen. 

Unlängst saß ich in einer kleinen Runde, als die Sprache auf die Fußballweltmeisterschaft 2006 kam. Alle waren sich einig, auch die Nicht-Fußballanhänger, dass dies eine gelungene und wunderschöne Veranstaltung war. Bei allem Für und Wider kamen wir zum gleichen Ergebnis. Was hatten die Frankfurter für eine Angst vor den zehntausenden Fans aus England und den Niederlanden, und wie gastlich ging das von beiden Seiten vonstatten... Wir waren kurz vor dem Ende der Weltmeisterschaft in England und wir konnten uns davon überzeugen, dass nicht nur die deutschen Nationalspieler ein Begriff waren und die deutsche Gastfreundlichkeit gerühmt wurde, sondern dass viel mehr das neue deutsche

Nationalbewusstsein als völlig natürlich begrüßt wurde. Und das ist gut so, wenn es die Geschichte nicht „bringt“, tut es eben der Sport. Warum auch nicht.

In jedem Fall war das im obigen Kreise besprochene durchaus positive Ereignis vielleicht etwas zu lange als solches erörtert, als sich sehr bald die negative Betrachtungsweise, die allzu bekannte Befindlichkeit, einstellte. Es war also des Guten zu viel, und sogleich machte sich ein Meckern und Klagen breit. Ich stellte mir unwillkürlich die Frage, warum das Positive so wenig aufgenommen wird, warum wird es so wenig festgehalten und warum wird es so wenig gesucht? Oder macht einfach das Negative mehr Spaß? 

Nehmen wir uns doch mal die Politik vor, das offenkundige Kernstück des so beinahe allgegenwärtigen Unbehagens. Ich will dabei nicht auf die sogenannte Tagespolitik eingehen, sondern auf ein viel Generelleres, viel Wesentlicheres. Kant hat in seiner Schrift „Vom ewigen Frieden“, die vor über 200 Jahren erschienen ist, von der ethischen Forderung des Menschen gesprochen, sich in weltbürgerlicher Absicht zu begreifen. Der Kategorische Imperativ soll also nicht nur für den einzelnen Menschen und seine Sittlichkeit gelten, sondern wird vielmehr auf die Staaten und Nationen übertragen, deren Aufgabe es demnach ist, miteinander nach sittlichen Bestimmungen umzugehen. Das heißt zuvorderst, keine Kriege zu führen, denn diese verderben nicht nur die Sittlichkeit der Besiegten, sondern genauso die Sittlichkeit der Sieger. Ein jeder Mensch soll sich nach Kant zudem als Weltbürger auffassen können, was nichts anderes heißt, als dass sich jeder Mensch in einem Staat seiner Wahl niederlassen und sich beheimatete fühlen kann. Eine ungeheure Utopie, aber nach Kant eben keine Utopie, sondern eine hohe Bedingung der Möglichkeit, dass der Mensch und die menschliche Gemeinschaft sich sittlich begreifen kann. Ohne die Erfüllung dieser Bedingung gibt es letztlich keine rechte Sittlichkeit auf der Welt. 

Wie viele Kriege sind seit dieser Forderung ausgebrochen, brechen aus oder werden noch ausbrechen, und doch sind viele Menschen, aber auch Staaten und ihre Regierungen zu der Einsicht gekommen, dass ohne die Erfüllung der Kantschen Forderungen die Menschenrechte nie verwirklicht werden können. Was für ein mühsamer Weg es zu diesem Ziel ist, wissen wir, wie mühsam er noch sein wird, können wir erahnen. Das sehen wir an der deutschen Einheit, das sehen wir an der europäischen Einigung und das sehen wir an der hohen Ebene der Vereinten Nationen. 

Es ist mir unbegreiflich, dass, wenn man die Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte resümiert - und das müsste jeder einigermaßen gebildete Mensch anstellen können -, beständig gemeckert und genörgelt wird ob der mangelnden Effizienz des bisher Errungenen. Ich habe zur Jahreswende in einer Frankfurter Zeitung einen Bericht zur Lage der Europäischen Union gelesen, in dem nicht nur breit ausgeführt wurde, wie verfahren die Situation sei, sondern dass auch gleich jene Impulse, die unter anderem von Adenauer, Schumann und de Caspari ausgingen, längst einer Nostalgie angehören. Was bilden sich solche Leute eigentlich ein! Knapp über sechzig Jahre liegt der Zweite Weltkrieg zurück, knapp zwanzig Jahre der Kalte Krieg und doch soll die Kantsche Forderung nach dem Menschen in weltbürgerlicher Absicht im Sauseschritt eingelöst werden können! Das Meckern über das Noch-nicht-Eingelöste scheint wichtiger zu sein, als der Blick auf das bisher Erreichte, das Positive des Errungenen. Die Arbeit an einem hohen Ziel kann, wie jede andere Arbeit, nicht von einem mühelosen Vonstattengehen bestimmt sein. Das wäre eine erste Einsicht. Eine andere wäre, dass das Mühevolle und vielleicht allzu Langsame nicht zur Passivität, zur Aufgabe gar des hohen Zieles führen sollte. 

Nun kommen wir zu einem ganz wichtigen Bereich, in dem der Zeitgeist ganz besonders umwälzend tätig ist: die Bildung. Auch hier dürfen wir das Positive nicht übersehen und uns gar gänzlicher Schwarzmalerei hingeben. Ich möchte das Positive an einer sehr prägnanten Biographie festmachen, nämlich dem Bildungsgang des kleinen Goethe. Man kann das übrigens sehr anschaulich in den ersten Kapiteln von „Dichtung und Wahrheit“ verfolgen. 

Goethes Vater war der Ansicht, dass sich Kinder möglichst früh in einer fremden Sprache ausdrücken und verstehen lernen. Mit fünf Jahren muss das schon im Gange sein und schon bald darauf, neben dem Lateinischen, das Italienisch, um für die heiß geliebte Kultur dieses südlichen Landes schon ein keimendes Verständnis zu wecken. Goethes Vater sah schon damals, und das war sehr modern, die Bedeutung der englischen Sprache. Auch diese, so fand er, sei möglichst früh zu erlernen. In vielem stand dieser Bildungsanspruch nicht allein und hatte überhaupt nichts mit der Formung eines möglichen Genies zu tun. Die Mehrsprachigkeit dient eben gerade dem Verständnis der eigenen Kultur. Gerade die heutige Zeit bietet dafür eine große Chance, die nicht mit ängstlicher Geste weggeschoben werden darf. Nur wer das Andere kennen lernt, vermag das Eigene zu stärken. In diesem Sinne müssen wir heute den Rückgewinn oder die Erneuerung der Deutschen Kultur durch Öffnung für andere betreiben, wobei eine Wechselseitigkeit unabdingbar ist. Austausch der Kulturen meint keine einseitige Verschmelzung, sondern Bereicherung durch Kenntnis und Verstehen der jeweils anderen. Diese Botschaft aus der Goetheschen Biografie ist für unsere Zeit durchaus aktuell und kann sehr fruchtbar werden. 

Dies berührt insgesamt unsere Gesellschaft, die weltoffener werden muss. Dafür steht ein weiterer unabdingbarer, positiver Gedanke, nämlich Lessings Toleranzidee, wie sie in Nathans Ringparabel so unüberholt dargestellt wurde. Das Gemeinsame finden und das Verschiedene akzeptieren, damit ist der Umgang mit dem Fremden angezielt. Toleranz heißt nicht alles und jedes dulden oder kraftlos hinnehmen. Toleranz heißt vielmehr durchaus auch kämpferisch und engagiert für die eigene Sache einzutreten, ohne die andere Seite abzuwerten oder gar niederzumachen. Wie schon bei Kant sind auch bei Lessing Aggression und Krieg Ausdrucksformen des Barbarismus, der Unmenschlichkeit und der Unsittlichkeit. Das Schlimme ist, dass wir das in Geschichte und Gegenwart immer wieder erblicken können. Umso mehr ist jeder Einzelne gefordert, im Geiste des Humanismus für Toleranz und Sittlichkeit einzutreten. 

Um noch einmal auf die Befindlichkeiten in unserer Zeit zurückzukommen: In allzu vielen Bereichen menschlichen und gesellschaftlichen Seins finden gravierende Umbrüche und Umwälzungen statt, die geistig auszuloten sicherlich größte Mühe bereitet. Allein der Bereich der Wirtschaft, der ganz von der Globalisierung erfasst wurde, wird in seiner Einseitigkeit, die Märkte selbst zu schwächen und in seinem Drang nach hemmungsloser Freiheit der Konzerne und ihrer Tätigkeiten über kurz oder lang sich wieder einpendeln müssen. Das können wir aus der Geschichte der Wirtschaft durchaus ersehen. Der Marktgedanke wird wieder in den Vordergrund treten und Internationalisierung und Regionalisierung zum Ausgleich bringen müssen. Auch in diesem Bereich haben wir schon mehr gelebtes Weltbewusstsein als wir denken, und wir sind schon mehr Weltbürger als wir meinen zu sein, so wie aus dem alten Zollverein schon längst verbundene Weltwirtschaft geworden ist.

Der Wiener Kongress, 1814-1815, schuf, nach dem napoleonischen Rheinbund, den ersten Deutschen Bundesstaat, nämlich den Deutschen Bund. Wir werden uns an anderer Stelle mit jenen Vorgängen beschäftigen, gleichsam in Nachfolge des Mitteilungsblatt-Artikels über die Goldene Bulle. Zunächst sei gesagt, der Deutsche Bund, der von 1815 bis 1866 bestand, war nicht so schlecht konzipiert, als Zeitgenossen und Historiker dachten. Auf jeden Fall, in seiner Gründungsakte war eine Zollvereinigung vorgesehen, die die Zollbarrieren der innerdeutschen Staaten beseitigen sollte. Ein Vorhaben, das, wenn es auch Jahrzehnte dauerte, am Ende doch verwirklicht wurde. Ein mühevolles Prozedere einer wirtschaftlichen Vereinigung, das mit vielen Hoffnungen begleitet wurde, aber auch mit vielen Enttäuschungen ob seiner Langsamkeit. 1866 wurde dem Deutschen Bund durch einen verbrecherischen Krieg ein jähes Ende bereitet. Dieses Beispiel steht sicherlich dafür, dass Ungeduld und mangelnde Weitsicht mehr zerstören kann, als gedacht wurde. Natürlich, wer in Umwälzungen lebt, kann nicht frei von Ängsten sein. Sie zu verdrängen hilft jedoch genauso wenig, wie in ihnen zu verharren. 

Ich möchte dies an einem Bereich verdeutlichen: der Bildungssituation nicht nur in Deutschland. Man vergisst leicht, wie viele Bildungskatastrophen es schon gegeben hat. Ich will ein paar aufzählen: 

-     die durch den Untergang der Antike bewirkte,

-     die Zerstörung der hohen islamischen Kultur durch die  Mongoleneinfälle,

-     die Erschütterung der mittelalterlichen Bildung durch Reformation und Weltentdeckung,

-     die Zerstörung von Bildungsstrukturen durch Säkularisation und Revolution,

-     die durch Kriege verursachten - ein kurzer Bogen vom 30-jährigen Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg. 

Beim letzten Fall, er ist noch in Erinnerung, können wir die ungeheuren Energien bemerken, die aus den geistigen Trümmern ein Neues, Gutes und Wirkungsvolles geschaffen haben. Auch wenn unsere heutige Bildung in einer Krise steckt, mehr aber auch nicht, werden wir daraus die Energien nehmen können, die ein Neues bewirken werden. Fleiß und Strebsamkeit sind dabei als die alten und neuen Tugenden zu betrachten. Der Geist lebt alle mal im Tätigsein: 

Wer immer strebsam sich bemüht, den können wir erlösen.

Manuel Tögel

 
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