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Wenn Hegel die Lebendigkeit
des Geistes nicht zuletzt in der Erkenntnis der Geschehen und Bewegungen der
Zeit, in der er ist, sieht, dann müssen wir eine solche Anstrengung auf uns
nehmen, solches zu tätigen.
Keine Sorge, es geht nicht
in der Hegelschen Manier weiter, aber interessant ist es doch wirklich, die
Zeit zu begreifen, in der wir leben. Das ist leichter gesagt als gedacht.
Zunächst stoßen wir auf eine Fülle von Befindlichkeiten, die uns bewegen
und eine klare Sicht überschatten. Da fällt zuerst der Drang auf, das
Negative in das Zentrum unserer Mitteilungen zu stellen, man kann es auch
das Jammern ob so vielem, was uns bedrängt und umgibt. Das nimmt manches
Mal kuriose Formen an, wir können sie immer wieder an uns selbst und
unseren Mitmenschen beobachten. Es geht um so etwas beiläufiges wie das
Wetter: mal ist es zu heiß, mal ist es zu kalt, mal ist es zu trocken, mal
ist es zu nass, mal ist es der Jahreszeit nicht gemäß und mal ist es
dieser zu gemäß, auf jeden Fall ist es nie richtig. Wenn jemand in einen
Kreis tritt und behauptet, das Wetter sei doch eigentlich schön, wird er
sofort heftigen Widerspruch ernten und sich bald in der Runde des
gemeinsamen Klagens befinden. Nicht selten erwischt man sich selbst bei
einer solchen Albernheit.
Der Einfluss des Klimas auf
Geschichte und Kunst ist ein ungemein interessantes Thema, mit dem man fast
ein unbekanntes Neuland betritt. Wenn man allein die letzten 1200 Jahre
betrachtet, lässt sich ein gravierender Wechsel zwischen sehr kalten und
sehr heißen Jahrhunderten feststellen, zum Teil auch von Jahrzehntefolgen,
die klimatisch sehr entgegensetzt waren. Diese Erkenntnis lässt sich aus
den Ertragsbüchern der Stifte, Klöster und auch Städte gewinnen. Dieses
Phänomen hat in einem wesentlich größeren Maße die jeweiligen Bauaufträge
und deren Verlauf bestimmt, als man erahnen konnte. Es ging dabei um die Gründung,
den Ausbau und die Erweiterung von Kirchen, Städten und Burgen. Es waren
nicht nur Kriege nach außen oder nach innen, die den Umfang und die
Zeitdauer der Bauvorhaben bestimmten, sondern genauso sehr das Klima, das
sich durch die Ertragsaufkommen, sprich Ernten, auf den Verlauf baulicher
Aktivitäten auswirkte. Mit diesem spannenden Thema werden wir uns bei einer
anderen Gelegenheit beschäftigen.
Es geht somit, um auf den
obigen Gedankengang zurückzukommen, gar nicht um die tiefere Frage nach der
Entwicklung unseres Weltklimas als vielmehr um das Ausdrücken einer
Unzufriedenheit. Diese ist bei einer normalen Kommunikation beinahe zu einem
Leitmotiv geworden. Ob Politik, die Preise, der Euro, die Gastronomie, egal
was berührt wird, das Klagen ist allgegenwärtig. Es wäre indes töricht,
die dahinterstehenden Anlässe zu ignorieren und ihre berechtigten Gründe
wegzuwischen, denn diese sind wirklich vielfältig gegeben. Tatsache ist
aber, dass die Befindlichkeit des sich Aalens im Negativen doch sehr
hervorsticht. Dass der Appell, das Positive zu sehen und zu suchen, nicht so
daher gesprochen ist, möchte ich an einem netten Beispiel verdeutlichen.
Unlängst
saß ich in einer kleinen Runde, als die Sprache auf die Fußballweltmeisterschaft
2006 kam. Alle waren sich einig, auch die Nicht-Fußballanhänger, dass dies
eine gelungene und wunderschöne Veranstaltung war. Bei allem Für und Wider
kamen wir zum gleichen Ergebnis. Was hatten die Frankfurter für eine Angst
vor den zehntausenden Fans aus England und den Niederlanden, und wie
gastlich ging das von beiden Seiten vonstatten... Wir waren kurz vor dem
Ende der Weltmeisterschaft in England und wir konnten uns davon überzeugen,
dass nicht nur die deutschen Nationalspieler ein Begriff waren und die
deutsche Gastfreundlichkeit gerühmt wurde, sondern dass viel mehr das neue
deutsche
Nationalbewusstsein als völlig
natürlich begrüßt wurde. Und das ist gut so, wenn es die Geschichte nicht
„bringt“, tut es eben der Sport. Warum auch nicht.
In jedem Fall war das im
obigen Kreise besprochene durchaus positive Ereignis vielleicht etwas zu
lange als solches erörtert, als sich sehr bald die negative
Betrachtungsweise, die allzu bekannte Befindlichkeit, einstellte. Es war
also des Guten zu viel, und sogleich machte sich ein Meckern und Klagen
breit. Ich stellte mir unwillkürlich die Frage, warum das Positive so wenig
aufgenommen wird, warum wird es so wenig festgehalten und warum wird es so
wenig gesucht? Oder macht einfach das Negative mehr Spaß?
Nehmen wir uns doch mal die
Politik vor, das offenkundige Kernstück des so beinahe allgegenwärtigen
Unbehagens. Ich will dabei nicht auf die sogenannte Tagespolitik eingehen,
sondern auf ein viel Generelleres, viel Wesentlicheres. Kant hat in seiner
Schrift „Vom ewigen Frieden“, die vor über 200 Jahren erschienen ist,
von der ethischen Forderung des Menschen gesprochen, sich in weltbürgerlicher
Absicht zu begreifen. Der Kategorische Imperativ soll also nicht nur für
den einzelnen Menschen und seine Sittlichkeit gelten, sondern wird vielmehr
auf die Staaten und Nationen übertragen, deren Aufgabe es demnach ist,
miteinander nach sittlichen Bestimmungen umzugehen. Das heißt zuvorderst,
keine Kriege zu führen, denn diese verderben nicht nur die Sittlichkeit der
Besiegten, sondern genauso die Sittlichkeit der Sieger. Ein jeder Mensch
soll sich nach Kant zudem als Weltbürger auffassen können, was nichts
anderes heißt, als dass sich jeder Mensch in einem Staat seiner Wahl
niederlassen und sich beheimatete fühlen kann. Eine ungeheure Utopie, aber
nach Kant eben keine Utopie, sondern eine hohe Bedingung der Möglichkeit,
dass der Mensch und die menschliche Gemeinschaft sich sittlich begreifen
kann. Ohne die Erfüllung dieser Bedingung gibt es letztlich keine rechte
Sittlichkeit auf der Welt.
Wie viele Kriege sind seit
dieser Forderung ausgebrochen, brechen aus oder werden noch ausbrechen, und
doch sind viele Menschen, aber auch Staaten und ihre Regierungen zu der
Einsicht gekommen, dass ohne die Erfüllung der Kantschen Forderungen die
Menschenrechte nie verwirklicht werden können. Was für ein mühsamer Weg
es zu diesem Ziel ist, wissen wir, wie mühsam er noch sein wird, können
wir erahnen. Das sehen wir an der deutschen Einheit, das sehen wir an der
europäischen Einigung und das sehen wir an der hohen Ebene der Vereinten
Nationen.
Es ist mir unbegreiflich,
dass, wenn man die Geschichte der letzten zwei Jahrhunderte resümiert - und
das müsste jeder einigermaßen gebildete Mensch anstellen können -, beständig
gemeckert und genörgelt wird ob der mangelnden Effizienz des bisher
Errungenen. Ich habe zur Jahreswende in einer Frankfurter Zeitung einen
Bericht zur Lage der Europäischen Union gelesen, in dem nicht nur breit
ausgeführt wurde, wie verfahren die Situation sei, sondern dass auch gleich
jene Impulse, die unter anderem von Adenauer, Schumann und de Caspari
ausgingen, längst einer Nostalgie angehören. Was bilden sich solche Leute
eigentlich ein! Knapp über sechzig Jahre liegt der Zweite Weltkrieg zurück,
knapp zwanzig Jahre der Kalte Krieg und doch soll die Kantsche Forderung
nach dem Menschen in weltbürgerlicher Absicht im Sauseschritt eingelöst
werden können! Das Meckern über das Noch-nicht-Eingelöste scheint
wichtiger zu sein, als der Blick auf das bisher Erreichte, das Positive des
Errungenen. Die Arbeit an einem hohen Ziel kann, wie jede andere Arbeit,
nicht von einem mühelosen Vonstattengehen bestimmt sein. Das wäre eine
erste Einsicht. Eine andere wäre, dass das Mühevolle und vielleicht allzu
Langsame nicht zur Passivität, zur Aufgabe gar des hohen Zieles führen
sollte.
Nun kommen wir zu einem
ganz wichtigen Bereich, in dem der Zeitgeist ganz besonders umwälzend tätig
ist: die Bildung. Auch hier dürfen wir das Positive nicht übersehen und
uns gar gänzlicher Schwarzmalerei hingeben. Ich möchte das Positive an
einer sehr prägnanten Biographie festmachen, nämlich dem Bildungsgang des
kleinen Goethe. Man kann das übrigens sehr anschaulich in den ersten
Kapiteln von „Dichtung und Wahrheit“ verfolgen.
Goethes Vater war der
Ansicht, dass sich Kinder möglichst früh in einer fremden Sprache ausdrücken
und verstehen lernen. Mit fünf Jahren muss das schon im Gange sein und
schon bald darauf, neben dem Lateinischen, das Italienisch, um für die heiß
geliebte Kultur dieses südlichen Landes schon ein keimendes Verständnis zu
wecken. Goethes Vater sah schon damals, und das war sehr modern, die
Bedeutung der englischen Sprache. Auch diese, so fand er, sei möglichst früh
zu erlernen. In vielem stand dieser Bildungsanspruch nicht allein und hatte
überhaupt nichts mit der Formung eines möglichen Genies zu tun. Die
Mehrsprachigkeit dient eben gerade dem Verständnis der eigenen Kultur.
Gerade die heutige Zeit bietet dafür eine große Chance, die nicht mit ängstlicher
Geste weggeschoben werden darf. Nur wer das Andere kennen lernt, vermag das
Eigene zu stärken. In diesem Sinne müssen wir heute den Rückgewinn oder
die Erneuerung der Deutschen Kultur durch Öffnung für andere betreiben,
wobei eine Wechselseitigkeit unabdingbar ist. Austausch der Kulturen meint
keine einseitige Verschmelzung, sondern Bereicherung durch Kenntnis und
Verstehen der jeweils anderen. Diese Botschaft aus der Goetheschen Biografie
ist für unsere Zeit durchaus aktuell und kann sehr fruchtbar werden.
Dies berührt insgesamt
unsere Gesellschaft, die weltoffener werden muss. Dafür steht ein weiterer
unabdingbarer, positiver Gedanke, nämlich Lessings Toleranzidee, wie sie in
Nathans Ringparabel so unüberholt dargestellt wurde. Das Gemeinsame finden
und das Verschiedene akzeptieren, damit ist der Umgang mit dem Fremden
angezielt. Toleranz heißt nicht alles und jedes dulden oder kraftlos
hinnehmen. Toleranz heißt vielmehr durchaus auch kämpferisch und engagiert
für die eigene Sache einzutreten, ohne die andere Seite abzuwerten oder gar
niederzumachen. Wie schon bei Kant sind auch bei Lessing Aggression und
Krieg Ausdrucksformen des Barbarismus, der Unmenschlichkeit und der
Unsittlichkeit. Das Schlimme ist, dass wir das in Geschichte und Gegenwart
immer wieder erblicken können. Umso mehr ist jeder Einzelne gefordert, im
Geiste des Humanismus für Toleranz und Sittlichkeit einzutreten.
Um noch einmal auf die
Befindlichkeiten in unserer Zeit zurückzukommen: In allzu vielen Bereichen
menschlichen und gesellschaftlichen Seins finden gravierende Umbrüche und
Umwälzungen statt, die geistig auszuloten sicherlich größte Mühe
bereitet. Allein der Bereich der Wirtschaft, der ganz von der Globalisierung
erfasst wurde, wird in seiner Einseitigkeit, die Märkte selbst zu schwächen
und in seinem Drang nach hemmungsloser Freiheit der Konzerne und ihrer Tätigkeiten
über kurz oder lang sich wieder einpendeln müssen. Das können wir aus der
Geschichte der Wirtschaft durchaus ersehen. Der Marktgedanke wird wieder in
den Vordergrund treten und Internationalisierung und Regionalisierung zum
Ausgleich bringen müssen. Auch in diesem Bereich haben wir schon mehr
gelebtes Weltbewusstsein als wir denken, und wir sind schon mehr Weltbürger
als wir meinen zu sein, so wie aus dem alten Zollverein schon längst
verbundene Weltwirtschaft geworden ist.
Der Wiener Kongress,
1814-1815, schuf, nach dem napoleonischen Rheinbund, den ersten Deutschen
Bundesstaat, nämlich den Deutschen Bund. Wir werden uns an anderer Stelle
mit jenen Vorgängen beschäftigen, gleichsam in Nachfolge des
Mitteilungsblatt-Artikels über die Goldene Bulle. Zunächst sei gesagt, der
Deutsche Bund, der von 1815 bis 1866 bestand, war nicht so schlecht
konzipiert, als Zeitgenossen und Historiker dachten. Auf jeden Fall, in
seiner Gründungsakte war eine Zollvereinigung vorgesehen, die die
Zollbarrieren der innerdeutschen Staaten beseitigen sollte. Ein Vorhaben,
das, wenn es auch Jahrzehnte dauerte, am Ende doch verwirklicht wurde. Ein mühevolles
Prozedere einer wirtschaftlichen Vereinigung, das mit vielen Hoffnungen
begleitet wurde, aber auch mit vielen Enttäuschungen ob seiner Langsamkeit.
1866 wurde dem Deutschen Bund durch einen verbrecherischen Krieg ein jähes
Ende bereitet. Dieses Beispiel steht sicherlich dafür, dass Ungeduld und
mangelnde Weitsicht mehr zerstören kann, als gedacht wurde. Natürlich, wer
in Umwälzungen lebt, kann nicht frei von Ängsten sein. Sie zu verdrängen
hilft jedoch genauso wenig, wie in ihnen zu verharren.
Ich möchte dies an einem
Bereich verdeutlichen: der Bildungssituation nicht nur in Deutschland. Man
vergisst leicht, wie viele Bildungskatastrophen es schon gegeben hat. Ich
will ein paar aufzählen:
-
die durch den Untergang der Antike bewirkte,
-
die Zerstörung der hohen islamischen Kultur durch die
Mongoleneinfälle,
-
die Erschütterung der mittelalterlichen Bildung durch Reformation
und Weltentdeckung,
-
die Zerstörung von Bildungsstrukturen durch Säkularisation und
Revolution,
-
die durch Kriege verursachten - ein kurzer Bogen vom 30-jährigen
Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg.
Beim letzten Fall, er ist
noch in Erinnerung, können wir die ungeheuren Energien bemerken, die aus
den geistigen Trümmern ein Neues, Gutes und Wirkungsvolles geschaffen
haben. Auch wenn unsere heutige Bildung in einer Krise steckt, mehr aber
auch nicht, werden wir daraus die Energien nehmen können, die ein Neues
bewirken werden. Fleiß und Strebsamkeit sind dabei als die alten und neuen
Tugenden zu betrachten. Der Geist lebt alle mal im Tätigsein:
Wer immer
strebsam sich bemüht, den können wir erlösen.
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